FILMREZENSION: “MOOLAADÉ”

Von Assia Maria Harwazinski

Moolaadé 1

Der neue Film „Moolaadé“ (Bann der Hoffnung) von Ousmane Sembène über weibliche Genitalbeschneidung ist nicht nur ein Plädoyer für die Abschaffung dieses grausamen Rituals, sondern liefert auch Argumente dafür, die „Flucht vor der drohenden Genitalverstümmlung“ als politischen Asylgrund international anzuerkennen. Der Film ist eine Kooperation einiger afrikanischer Länder: Burkina Faso, Senegal, Kamerun, und Tunesien und ist unterstützt worden von den Vereinten Nationen.

„Moolaadé“ ist eine ungewöhnliche Verbindung von filmischer Ästhetik, kritisch-kultureller Aufklärungsarbeit (einschließlich Religionskritik) und cineastischer Unterhaltung. Damit ist er auch ein gutes Beispiel dafür, was die junge Disziplin „visuelle Anthropologie“ als Teilbereich der Kulturwissenschaften mit dem Einsatz eines solchen Filmes wie diesem in praktischer Anwendung leisten kann. Dies gilt insbesondere für Regionen, wo weite Teile der Bevölkerung Analphabeten sind oder wie hier bei uns in Europa, wo wir in dem Moment kulturelle „Analphabeten“ sind, wo wir den kulturellen Kontext der weiblichen Beschneidung mehrheitlich weder kennen noch verstehen und es eines Films wie „Moolaadé“ zur Verständigung bedarf. So darf man durchaus diesen ambitiösen Film als Beispiel und damit Ousmane Sembène auch als Vertreter dieser neuen Disziplin nennen. Sembène ist der erste Mann, der sich des Themas „weibliche Genitalverstümmelung“ filmisch annimmt und vermutlich der erste afrikanische Mann überhaupt, der sich dezidiert und öffentlich dagegen ausspricht.

„Moolaadé“ spielt in einem kleinen Dorf mit Hütten und einer Moschee im Stil der traditionellen Lehmarchitektur. Gerade wird die Ankunft eines jungen Dorfbewohners vorbereitet, der in Frankreich studiert und gearbeitet hat und damit als „reich“ gilt und als „begehrenswerte Partie“. Er soll Amsatou heiraten, die Tochter Collé Ardos, die im heiratsfähigen Alter ist. Sie und die Frauen ihres Vaters bereiten die Hochzeit bereits vor. Man sieht sie Einkäufe beim „Söldner“ machen, einem schlitzohrigen Dorfhändler und ehemaligem UN-Soldaten, ein geiler Bock, der mit jeder Frau schamlos flirtet, aber nicht unsympathisch wirkt. Die Frauen erklären ihm, dass die Ware später vom künftigen Ehemann Amsatous bezahlt würde.

Moolaadé 2

Die eigentliche Geschichte beginnt mit der Flucht sechs junger Mädchen – zum Teil noch Kinder – vor der Beschneidung. Zwei fliehen in die Stadt, vier suchen Zuflucht in der Hütte von Collé Ardo Galo Sy, die früher selbst beschnitten wurde und bis heute unter den Folgen leidet. Außerdem starb Collé Ardos erste Tochter bei ihrer Beschneidung. Um ihre zweite Tochter Amsatou nicht auch noch zu verlieren, verweigerte die Mutter bei ihr den Eingriff. Dies ist der Hintergrund dafür, dass die vier jungen Mädchen bei ihr Schutz suchen. Um die Mädchen in ihrem Haus zu schützen, spannt Collé Ardo ein spezielles Seil als Bann vor ihren Hofeingang und errichtet so das „Moolaadé“: Niemand darf die Hütte und den Hof ohne ihre Erlaubnis betreten – er oder sie würde riskieren, vom Fluch des „Moolaadé“ getroffen zu werden. Dem Volksglauben nach ist dieser Bann über kurz oder lang immer tödlich. In der Vergangenheit sind Dorfbewohner einem „Moolaadé“ bereits zum Opfer gefallen. Der Bann ist so etwas wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, bei der mit Hilfe von Geheimbünden auch durchaus manipulativ nachgeholfen wird. Jedenfalls haben die Dorfbewohner zu gleichen Teilen Angst vor dem Bannfluch und dem selbstbewussten Auftreten von Collé Ardo.

Sembène spielt hier geschickt mit dem traditionellen einheimischen „Asylrecht“ in afrikanischen Stammesgesellschaften, um indirekt darauf hinzuweisen, dass die weibliche Genitalverstümmelung ein politischer Asylgrund ist, beziehungsweise sein sollte. Auf internationaler Ebene läuft die Menschenrechtsdiskussion zurzeit noch kontrovers. Kulturrelativisten und Kulturuniversalisten streiten um eine Entscheidung.

Moolaadé 3

Collé Ardo zieht mit ihrer Weigerung, die vier bei ihr Schutz suchenden Mädchen herauszugeben, den Zorn der Beschneiderinnen auf sich. Eine Abordnung von ihnen kommt zum Gehöft, um die Mädchen abzuholen, dabei sind sie in die Festtracht des alle sieben Jahre stattfindenden Beschneidungsrituals gekleidet, und ihre Chefin hält den Stab der doppelköpfigen Kobra. Collé Ardo lässt den Mädchen die Wahl zu gehen oder zu bleiben: „Wenn Ihr beschnitten werden wollt, dann geht und lasst Euch beschneiden.“ Keines der Mädchen will dies, und die Beschneiderinnen vor dem „Moolaadé“ müssen sich zurückziehen. Im Hof sitzend, lässt Collé Ardo die Mädchen dann erzählen, weshalb sie nicht beschnitten werden wollen. Es sind schöne, zärtliche Szenen, die Sembène hier zeigt; die Mädchen nennen unterschiedliche Gründe: Die eine hat ihre Schwester bei der Beschneidung verloren, alle haben Angst vor den Schmerzen und davor, zu sterben. Der Blick auf die Beschneidungshütte im Wald, eine Initiationshütte, zeigt, weshalb: Dort liegen die frisch beschnittenen Mädchen unter der Obhut der Beschneiderinnen. Sie wimmern vor Schmerzen und können sich kaum bewegen. Die älteste fordert die frisch Beschnittenen auf, sich im Kreis mit den alten Frauen einzufinden und zu tanzen. An den staksenden, breitbeinigen und unendlich langsamen Bewegungen der Mädchen werden ihre Qualen deutlich; ein Mädchen hält mit schmerzverzerrtem Gesicht inne, sie kann sich nicht mehr bewegen und bricht zusammen.

Sembène verdeutlicht hier visuell, wie grausam dieses uralte archaische Initiations- und Reinigungsritual vieler west- und anderer afrikanischer Gesellschaften ist, die bis heute zu einem erheblichen Teil zäh daran festhalten. Dennoch erspart er dem Zuschauer den Blick auf das, dem so manche Gynäkologen und Urologen bei Untersuchungen beschnittener Frauen nicht entgehen: Der Anblick verstümmelter weiblicher Genitalien. Sembène beschränkt sich auf die Schilderung der Angst und der Schmerzen.

Moolaadé 4

Die Rückkehr des jungen Dorfbewohners aus Paris wird aufwändig vorbereitet. Sein Vater erklärt ihm, dass die Heirat mit Amsatou nicht akzeptabel sei, da sie unbeschnitten und damit unrein ist, nur eine „Bilakoro“, eine beschnittene Frau, käme als seine zukünftige Ehefrau infrage. Man habe die Sache aber schon geregelt; er werde seine Cousine, die elfjährige Fily, heiraten, die das Ritual ordnungsgemäß über sich ergehen hat lassen. Das zarte Mädchen, noch ein Kind, reicht dem Neuankömmling, dem sie zur Ehe versprochen wurde, die Wasserschale. Amsatou beobachtet dies und fragt: „Mama, warum hast Du mich nicht beschneiden lassen? Jetzt werde ich nie einem Mann die Wasserschale reichen und heiraten können!“ Eine der Beschneiderinnen sucht Collé Ardo auf und betont, dass Amsatous Beschneidung nachträglich noch möglich sei, der junge Mann müsse dann höchstens zwei Wochen auf die Heirat warten. Doch Collé Ardo bleibt bei ihrer konsequenten Ablehnung der Beschneidung: „Meine Tochter wird nie beschnitten!“

Sembène lässt Collé Ardo in ihrer aufklärerischen Rebellion gegen die Zwangsbeschneidung ihren nackten Bauch zeigen: Verzogenes Fleisch, verzerrte Bauchmuskeln, übersät von den Narben einer beinahe Ganzkörperoperation, die mit einem üblichen Kaiserschnitt zum Holen ihrer zweiten Tochter Amsatou nicht mehr viel zu tun hat. Sie schreit es heraus: Dass sie nicht wolle, dass Amsatou beschnitten wird, weil ihr aufgrund ihrer eigenen Verstümmelung eine Ärztin den gesamten Leib aufschneiden musste, um ihr zweites Mädchen zur Geburt aus ihr herauszuholen. Die Beschneiderinnen prophezeien dagegen, dass Amsatou keinen Ehemann bekommen wird, weil kein Mann eine „Bilakoro“, eine Unbeschnittene, Unreine heiraten will. Als der junge Neunankömmling seine Rechnung beim „Söldner“ bezahlt, berichtet er ihm stolz von der nun neu geplanten Heirat mit der jungen Fily. Der Söldner ist entsetzt: „Dieses kleine Mädchen? Sie ist erst elf Jahre alt! Die Kleine hängt ja noch an der Mutterbrust! Ihr seid ja pädophil! – Du wirst Amsatou heiraten!“

Moolaadé 5

Sembéne zeigt nicht nur die Folgen der Beschneidung in Bezug auf Körper und Seele der Frauen auf, sondern auch die sozialen Folgen, wenn die Beschneidung nicht durchgeführt wird. Und er weist auf die Männer hin, die in den traditionellen Strukturen ihre „Ehre“ und „Autorität“ durch die Heirat mit einer „Unbeschnittenen“ ebenfalls gefährdet sehen. Damit zeigt er das zentrale Problem der Veränderung: Die Mentalitäten.

Der Film „Moolaadé“ regt zum Nachdenken an. Genau darin sieht Ousmane Sembène auch den größten Sinn seiner Arbeit: „Ich will den Film zeigen, und ich möchte, dass die Leute nach Hause gehen und darüber nachdenken.“ Dies tun sie zweifellos, denn man kann sich den eindringlichen Bildern Sembènes nicht entziehen. Und Sembène regt eine wichtige Auseinandersetzung mit der Frage an, ob die weibliche Genitalverstümmelung Bestandteil des Islam und damit als „heilig“ angesehen werden muss oder nicht - und wie man damit umgeht. Es ist dem großen alten Mann des afrikanischen Kinos zu wünschen, dass sein Film genau den Erfolg hat, den er sich am meisten wünscht, und den er zweifellos verdient, und dass „Moolaadé“ auch irgendwann in Staaten gezeigt werden darf, die bis heute kein Gesetz gegen die weibliche Genitalverstümmelung verabschiedet haben. Im Gespräch äußerte Sembène sein Unverständnis über kulturrelativistische Haltungen von Europäern und Amerikanern gegenüber der weiblichen Beschneidung. Seiner Meinung nach müsse durch die Verabschiedung entsprechender Gesetze gegen die weibliche Beschneidung zunächst die juristische Grundlage dafür geschaffen werden, sie konsequent abzulehnen. Es reiche ihm auch nicht, wenn internationale Hilfsorganisationen den Beschneiderinnen einfach Geld geben, damit sie einen Ausgleich für die Einnahmen durch die Beschneidung erhalten, denn soviel würden sie dadurch nicht verdienen. Viel wichtiger sei die Finanzierung von Aufklärungs- und Gesundheitsbildungsarbeit (wie im Falle von AIDS) in afrikanischen Dörfern. Diese müssten darauf abzielen, die Mentalität unter Einbeziehung des gesamten sozio-kulturellen Kontextes nachhaltig zu ändern: Man muss das Denken in den Köpfen beider Geschlechter ändern.

Der Film „Moolaadé“ (Frankreich 2004, deutsch „Bann der Hoffnung“, 2005) kann bei der Evangelischen Zentralstelle für entwicklungsbezogene Filmarbeit, Stuttgart, ausgeliehen werden.

Weiterführende Literatur

Dirie,Waris (2000): Wüstenblume. München
Harwazinski, Assia Maria (1997): „Religiöse Überzeugungen kontra empirische Wissenschaft: Die Diskussion um die weibliche Beschneidung als Problem des Islam“ in: Curare 20 (1997)2: 215–219
Harwazinski, Assia Maria (1999): „Beschneidung“ in: Metzler-Lexikon Religion, Bd. 1
Harwazinski, Assia Maria (2006): „Circumcision“ in: Encyclopedia of Religion, Vol. 1, Leiden
Krawietz, Birgit (1991): Die Hurma. Schariatrechtlicher Schutz vor Eingriffen in die körperliche Unversehrtheit nach arabischen Fatwas des 20. Jahrhunderts. Berlin
Spuler-Stegemann, Ursula (1998): Muslime in Deutschland. Nebeneinander oder Miteinander. Freiburg/Basel/Wien

Zur Autorin

Assia Maria Harwazinski ist Islam- und Religionswissenschaftlerin mit Schwerpunkt Religionssoziologie. Erfahrung in der Erwachsenenbildung und internationalem Projektmanagement. Auslandsaufenthalte USA und Nahost (Ägypten, Syrien).


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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