FILMREZENSION: HEIMATRÄUME

Von Susanne Rausch

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Die Protagonistinnen des Films. Foto: E. Delalíc

Drei Komponenten bestimmen den Dokumentarfilm „Heimaträume“: der lokale Bezug zu einer deutschen Großstadt, die Frage nach der persönlichen Verortung in dieser Stadt und die Sicht aus weiblicher Perspektive – sechs Migrantinnen erhalten das Wort. Der Film der Ethnologin Enida Delalíc, den sie zusammen mit Simon Stadler und Sven Methling gedreht hat, ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie sich visuell anthropologisches Vorgehen immer mehr in den Kulturwissenschaften etabliert. Der Film zeigt über welches Potenzial dieses Medium in der Sichtbarmachung von aktuellen kulturwissenschaftlichen Fragestellungen verfügt, ohne dabei die Balance zu verlieren zwischen wissenschaftlichem Anspruch und cineastischer Unterhaltung.

Im Film erhalten in Frankfurt am Main sechs Frauen mit „Migrationshintergrund“ Gehör, erfreulicherweise ohne dass eine Sprecherstimme darüber hinaus kommentierend oder erklärend interveniert. Die Kamera begleitet die Frauen zu den verschiedenen bedeutenden Orten ihrer Biografie, sowohl real als auch imaginär in ihren Erzählungen. Die ZuschauerInnen bekommen das Gefühl vermittelt, nah und unmittelbar Frauen aus unterschiedlichen Generationen und kulturellen Hintergründen kennen lernen zu dürfen. Es wird Einblick gewährt in deren erlebte und gelebte Ambivalenzen. „Heimat, was ist das für mich?“ ist die zentrale Fragestellung, der sich alle Protagonistinnen stellen.

Die flapsig wirkende Solveig bringt „Heimat“ mit einem Gefühl, „was in dir ist“ und mit „Erinnerungen, die bleiben“ in Verbindung. Sie bekommt glänzende Augen, wenn sie erzählt, wie sie auf dem Pausenhof ihrer Schule mit einem dicken Pfirsich steht, stolz wie eine Königin. Gleichzeitig stellt sie nüchtern resümierend fest, dass auch vieles, was sie kannte, nun weg sei und sie sich dadurch wie „mindestens einhundertzwei Jahre“ fühle. Aber das sei es auch was für sie ihre „Bruchstückheimat“ ausmache und der Zuschauer spürt, wie sie bei dieser Definition zwischen Gefühl und Rationalität schwankt. Es kommt der Gedanke auf, dass sich Solveig vielleicht zum ersten Mal auf die Spuren ihrer Herkunft begibt und sich Fragen nach ihrer eigenen Verortung stellt. Dass dies nicht leichtfüßig von Statten geht wird deutlich, als Solveig sich tatsächlich auf die Suche macht nach dem Ort, wo ihre Mutter nach dem Zweiten Weltkrieg strandete. Als „displaced person“ aus der ehemaligen Tschechoslowakei kam diese in ein Frankfurter Auffanglager. Solveig steht plötzlich an diesem Ort und der Zuschauer spürt, wie sie mit ihren „Bruchstückerinnerungen“ hadert und der Vergangenheit, mit der sie dort wuchtig konfrontiert wird, unbeholfen gegenüber steht. „Welches Gewicht trägt die familiale Vergangenheit tatsächlich bei der eigenen heutigen Verortung?“ fragen sich spätestens jetzt die Zuschauenden und der Schluss liegt nahe, dass das eine von dem anderen wohl nicht zu trennen ist.

Zrinka, geboren als Kind von bosnischen „Gastarbeitern“ in Wiesbaden, ging vor dem Balkankrieg mit ihren Eltern nach Bosnien zurück. Aufgrund der Kriegswirren in Bosnien reemigrierte die Familie später wieder nach Deutschland. Zrinka berichtet über „fehlende Wurzeln“ - die bei diesem Weg nicht verwundern. Nachdrücklich wird ihr dies Fehlen bewusst, als sie als erwachsene Frau ihre „alte Heimat“ Sarajevo aufsucht und feststellt, dass sie dort auch nicht hingehört. Hier wird ihr vor Augen geführt, dass es Zeit ist sich endgültig von Bosnien zu verabschieden. „Lieber fremd in der Fremde, als fremd in der eigenen Stadt“ resümiert sie. Diese Nicht-Verwurzelung aber wertet sie positiv. Es fällt schwer, ihr diesen Pragmatismus abzunehmen und spätestens als sie sagt, die Nicht-Verwurzelung habe den Vorteil, dass man so nicht an etwas klammere, was man verlieren könne, spürt der Zuschauer, dass darin auch der Wunsch nach Schutz vor einer erneuten Verletzung liegt und sie deswegen eine klare Verortung ablehnt.

Wie viel Verwurzelung braucht der Mensch in Zeiten der Globalisierung und einer immer schneller werdenden Welt? Yasemin stellt fest, dass sie sich nie irgendwo zugehörig gefühlt habe. Sie sei immer zwischen Istanbul und Frankfurt unterwegs gewesen und spricht daher von „Lebensabschnittsheimaten“. Kontrastierend dazu erlebt man die reife, silbrighaarige Türkischstämmige Sükriye, die zum Schmunzeln veranlasst, wenn sie sich fröhlich als „Bornheimer Mädchen“ verortet. Yasemin und Sükriye treten als zwei konträre Protagonistinnen auf. Yasemin stellt ungewohnt hart klingende Kategorien auf, wenn sie von sich als „Ausländerin“ im Gegensatz zu „Deutschen“ spricht. Offenbar illustriert dieses „Schubladendenken“ erlebte Erfahrungen von Ausgrenzung und es irritiert und ruft Betroffenheit hervor, dass diese nach wie vor bestehen. Yasemins Geschichte hat als einzige bis zum Schluss einen bitteren Beigeschmack und weist die Zuschauer auf die Existenz vieler unglücklicher Migrationsgeschichten - auch in Frankfurt am Main - hin.

Ganz anders Sükriye: Sie bezeichnet ihren Stadtteil als ihre Heimat, wo sie „lebt, arbeitet, atmet“ und gerne einen Apfelwein nach Feierabend trinkt. Sie fühlt sich angekommen, auch wenn sie einschränkend ein „irgendwie“ daransetzt und wünscht sich nichts sehnlicher, als Ruhe zu finden und nicht mehr über ihre Herkunft reden zu müssen. Sükriye beschreibt, dass sie sich keineswegs „zwischen den Stühlen“ lebend empfindet und sich auch nicht für das Eine oder Andere entscheiden möchte. Bei ihr wird deutlich, dass sie sich längst in Frankfurt heimisch fühlt und aus ihrer Sicht eine Debatte darüber überflüssig geworden ist.

Jennifer tritt als einzige Kopftuchträgerin - und damit eindeutig dem Islam zugehörig -auf und erklärt, dass sie sich mit 19 Jahren offen zum Islam bekannt habe und damit einen anderen Weg gegangen ist als ihre Familie. Jennifers Aussage nach habe ihre Religion jedoch nichts mit Heimat zu tun. Allerdings sagt sie, dass sie nach ihrem „Coming-out“ sehr wohl gemerkt habe, dass sie sich - im Gegensatz zu vorher - in einigen sozialen Situationen nicht mehr zugehörig gefühlt habe. Hier eröffnet sich ein neues Themenfeld, dem die Dokumentation jedoch nicht nachgeht. Das heikle, sehr wichtige Thema Religion lässt die Filmemacherin offen und verpasst somit die Chance kostbare Innenansichten einer jungen Frau zu zeigen, die beispielhaft ein Phänomen vor Augen führt, das verstärkt bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland zu beobachten ist: die Zuwendung zur Religion ihres Herkunftslandes. Schade, dass hier der Film nicht tiefer einsteigt und Fragen nach dem Stellenwert von Religion für die Selbstverortung nachgeht. Vielleicht wäre hier eine Gelegenheit gewesen Erklärungsansätze zu bieten und damit Verständnis und Annäherung an ein für alle Seiten schwieriges Thema.

Die Dokumentation geht auf farbenfrohe und humorvolle Art und Weise diversen Strategien nach, die die Darstellerinnen mit Lebenslust und Energie entwickelt haben, um sich im komplexen Frankfurter Alltag zu Recht zu finden. Dabei wird auch deutlich, wie wichtig den Migrantinnen der Austausch in Netzwerken mit Ihresgleichen ist. Der Film porträtiert die Frauen als tatkräftige Akteurinnen, die sich ganz und gar nicht in eine passive Opferrolle begeben. Im Gegenteil: beinahe alle Frauen arbeiten erfolgreich in ihrem beruflichen Umfeld mit MigrantInnen zusammen und sehen sich aufgrund ihrer eigenen Nähe zu diesen als besonders prädestiniert dafür, in multikulturellen Zusammenhängen aktiv zu sein.

Die Frankfurter Dokumentation bringt keine ganz neuen Einsichten in das weite Feld „Migration“, sondern ist eher als eine Illustrierung der Erkenntnis zu sehen, die sich in den letzten Jahren immer mehr in der deutschen Öffentlichkeit heraus kristallisiert: Frauen mit Migrationshintergrund meistern ihren Alltag im anspruchsvollen, heterogen-kulturellen Kontext weitaus einfacher als Männer mit Migrationshintergrund.

Filmdaten "Heimaträume"
Enida Delalíc (Autorin/Regie), Simon Stadler (Kamera/Regie), Sven Methling (Ton)
Länge: 71 min
Darstellerinnen: Zrinka Galić-Bilić, Jennifer Eggert, Solveig Koller-Eggert, Şükriye Altun-Mangel, Ćazima Medić, Yasemin Paukner
Andere Mitwirkende: Begzada Alihodzić Edina Cauševic, Alisa Miso, Simone Eggert

Zur Autorin
Susanne Rausch M.A., Studium der Kulturwissenschaft, Kunstgeschichte und Erziehungswissenschaften in Marburg/Lahn. Feldforschung in Argentinien. Arbeitsschwerpunkte: Migration, Identität und Cyberethnologie. Seit 2008 wissenschaftliche Volontärin am Museum der Weltkulturen in Frankfurt am Main.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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