EIN MÄNNLICHER STAR IN WEIBLICHER ROLLE

Onnagata im japanischen Kabuki-Theater. Eine Ausstellung im Museum der Weltkulturen

Von Doris Stambrau

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Ausschnitt der Reproduktion eines Kabuki-Theaters in der Ausstellung. Foto: D. Stambrau

Ein Raum in der Ausstellung „Hautzeichen-Körperbilder“ im Museum der Weltkulturen in Frankfurt am Main ist dem über vierhundert Jahre alten japanischen Kabuki -Theater gewidmet ( ka - Gesang, bu - Tanz, ki - technisches Können). Gezeigt wird dort die vergrößerte Reproduktion eines Holzschnittes von Katsushika Hokusai (1760 – 1849), der eine Innenansicht des Kabuki -Theaterbaus aus der Mitte des 18. Jahrhunderts mit dem Blumensteg Hanamichi darstellt. Dieser Steg, ein zusätzlicher, schmaler Spielraum für dramatische Szenen und Abgänge führt durch den gesamten Zuschauerraum. Dort tragen die Schauspieler ihre großen Monologe vor und erhalten Geldgeschenke vom Publikum. Jeder Kabuki -Schauspieler besitzt neben dem eigenen Namen einen Hausnamen ( yago ), der von begeisterten Zuschauern beim Betreten der Bühne laut gerufen wird.

Auf der Reproduktion ist auch die dreiteilige Laute Shamisen zu sehen, die im 17. Jahrhundert aus China nach Japan kam und zum vorrangigen Begleitinstrument im Kabuki wurde. Ausgestellt sind auch die Kimonos einer Hofdame und eines Kaufmanns, allerdings lassen diese Kostüme die Pracht der Gewänder von Fürsten nur erahnen (manche kosten mehrere 10.000 Euro). Alle Kostüme sind aus wertvollen Originalstoffen, zum Teil auch aus speziellen Papieren handgefertigt. Oft tragen die Schauspieler mehrere Kostüme übereinander für den schnellen Wechsel einer Rolle oder eine Verwandlung auf der Bühne. Dank eines ausgeklügelten Systems von Fäden an den Kleidungsstücken gelingt durch Wegziehen in Sekundenschnelle ein spektakulärer Kostümwechsel.

Überdimensionale Schminkmasken auf Stoffbahnen, die von der Decke hängen, machen den MuseumsbesucherInnen die formalen Strukturen der Gesichtsbemalung deutlich. Kennzeichen für Temperament und Charakter von typischen Rollen sind die besondere Linienführung und die Farben zwischen Rot und Blau variierend für „Gut“ und „Böse“. Das Schmink-Set eines Kabuki -Schauspielers zeigt die dafür notwendigen Utensilien. Auch heute noch werden für die Schminke die gleichen hautschonenden, natürlichen Materialien verwendet wie vor 300 Jahren. In einer Videovorführung kann man sehen, dass Kabuki -Schauspieler den langwierigen Schminkvorgang selbst durchführen. Vorbereitung und Ablauf des Schminkens dauern oft mehrere Stunden, bevor die aufwendig frisierte Perücke, die bis zu vier Kilogramm schwer sein können, die Ausstattung krönt. In dieser kontemplativen Übergangszeit des Schminkens konzentriert sich der Schauspieler auf seine Rolle.

Als Videoaufzeichnung ist in der Ausstellung auch eine Kabuki -Aufführung zu sehen. Wie alle traditionellen Stücke, sind die überlieferten Originalformen mit Tanzeinlagen, Gesang und Musik an Präsentationen aus der Edo-Zeit orientiert (im 18. Jahrhundert fand die Verlagerung des kulturellen Schwerpunktes von Kyoto und Osaka nach Edo, dem heutigen Tokio, statt). Die Sprache der Schauspieler ist sehr künstlich mit übersteigerten Tonlagen, die für europäische Zuhörer sehr ungewöhnlich klingen. Die Charaktere sind an ihrer Gestik und Mimik, an Schminke und Kostümierung zu erkennen.

Die Besetzung der weiblichen Rollen im Kabuki -Theater durch Männer ist bis heute charakteristisch und äußerst werbewirksam. Die Rechte auf bestimmte Rollen, Kostüme, Perücken und Requisiten werden seit Generationen innerhalb der Familien der Schauspieler weitergegeben. Vehement verteidigen heute die Kabuki -Schauspieler in Tokio ihre Privilegien gegenüber weiblichen Interessenten, die - entsprechend dem ursprünglichen - ihre Rollen zurück erobern wollen. Vertreter der Schauspielerdynastien behaupten, Frauen seien zu klein und zu schwach für die schweren Kostüme und Perücken.

Im zeitgenössischen Japan gehören die Poesie und Ästhetik dieser Bühnenform zum anerkannten Bildungs- und Kulturgut. Allerdings sollten Japaner, die zu einer Kabuki -Aufführung gehen, nicht unvorbereitet und möglichst in fachkundiger Begleitung sein, denn die vielfältigen Bedeutungen der Aufführungen erschließen sich nicht vor selbst. Aufführungen finden im Kabuki -Theater und dem National Theater in Tokio statt sowie in Kyoto und Osaka mit jeweils eigenem regionalspezifischem Stil.

Vorbereitung der Ausstellung im Museum der Weltkulturen
Im Rahmen der Vorarbeiten zur Ausstellung im Museum der Weltkulturen besuchte ich Tokio im Jahr 2005. Ich wollte an einer Kabuki -Vorstellung teilnehmen und einen der Hauptdarsteller für ein Interview treffen. „Seien Sie sehr, sehr sorgsam im Umgang mit Schauspielern im Kabuki -Theater!“ riet mir eine Psychologin in Tokio, als ich ihr von meinen geplanten Treffen mit einem bekannten Darsteller im traditionellen Theater an der Haroumi-Dori-Avenue erzählte. Ich hatte mich dafür gut vorbereitet. Ein detaillierter Fragebogen für den japanischen Schauspieler lag ihm vor. Der Vermittlung durch einen japanischen Germanistikprofessor und der Unterstützung eines englisch sprechenden Regisseurs gewiss, war ich der Meinung, die Bedenken meiner Gesprächspartnerin seien übertrieben. Aber ich hatte noch keine Erfahrungen mit der Kabuki -Szene gemacht!

Geschichte des Kabuki-Theaters
Kabuki basiert auf frühgeschichtlichen Ritualen und Zeremonien zum Reisanbau und der Reisweihe. Starken Einfluss hatte das -Theater, das aus buddhistischen und shintoistischen Schreinfesten des 11. Jahrhunderts hergeleitet wird. Später wurde das ernste -Drama publikumswirksam mit possenartigen Zwischenspielen ergänzt, die einen geschlossenen Handlungsrahmen hatten. Daraus entwickelte sich schließlich das Kabuki als eine bürgerliche Ausdrucksform gegenüber dem förmlichen Hoftheater.

Als Gründerin des Kabuki gilt Izumo no Okuni, eine Shinto-Priesterin. Sie präsentierte 1603 im trockenen Flussbett des Kamo in der alten Kaiserstadt Kyoto mit Tempeltänzerinnen einfache szenische Tanzaufführungen mit Musik, Akrobatik, Pantomime und Parodien. Die Zuschauer waren begeistert, Nachahmerrinnen fanden sich schnell. Die Darstellerinnen spielten Frauen- und Männerrollen gleichermaßen. Mit erotischen Anspielungen und witzigen Überzeichnungen erfuhren sie wachsende Popularität und Verehrung. Viele Schauspielerinnen des Frauen- Kabuki lebten von Prostitution; um ihre Gunst entstanden häufig Streitereien im Publikum. 1629 wurden die Aufführungen verboten.

Junge Männer im Alter von 12 – 16 Jahren übernahmen danach im Knaben- Kabuki alle Rollen. Sie durften keinen Kontakt zum Publikum aufnehmen, der Konsum von Alkohol war ihnen verboten, Homosexualität sollte verhindert werden. Die Ausdruckskraft der wohlgestalteten Jünglinge in Frauenkleidern beim Tanz, in erotischen und komischen Szenen fand wiederum eine enthusiastische Anhängerschaft. Aber auch ihre Darbietungen wurden 1652 verboten.

Die Verbannung von Schauspielerinnen und gelenkigen Jungen und die ausschließliche Besetzung der Rollen durch Männer veränderte den Charakter des in der Nachfolgezeit. Im Männer- Kabuki gewann die Bedeutung des schauspielerischen Könnens an Bedeutung. Dramen und mythologische Themen ersetzten weitgehend den tänzerischen Schwerpunkt. Die Kunst des Onnagata , des männlichen Spezialisten für weibliche Rollen, wurde zum Markenzeichen des Kabuki . Mit dem Ziel perfekt stilisierter weiblicher Schönheit musste der Schauspieler die Fähigkeit zu Anmut, femininen Bewegungen und Verhaltensweisen beherrschen.

In der festgelegten hierarchischen Struktur des Theaters hatte der „Leitende Schauspieler“ stets die männliche Hauptrolle inne, die Figur des Aragoto , dem rauen Helden mit übermenschlicher Kraft, der die Schwachen erfolgreich gegen mächtige, böse Kräfte verteidigt. Man sah in ihm auch die Kraft des Widerstandes der Untergebenen gegenüber der herrschenden Klasse der Samurai. Mit roten, schwarzen und blauen Streifen auf Gesicht, Armen und Beinen, kräftigen Stimmen, übergroßen Perücken und Kostümen und großen rollenden Augen waren die Darsteller beliebte Motive der , den weit verbreiteten japanischen Holzschnitten.

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Schminkmaske in der Ausstellung. Foto: D. Stambrau

Als absoluter Star aber gilt nach wie vor der Onnagata , der die weiblichen Hauptrollen spielt, wie Prinzessinnen, Kurtisanen und Geishas, Schönheiten mit kultivierten Gebärden. Die Edo-Zeit brachte mit zunehmenden realistischen Tendenzen eine Veränderung in der Charakterisierung von weiblichen Figuren für die Rolle des Onnagata : Anstelle des sanften, freundlichen, angepassten Weiblichen wollte das Publikum neben Geistergeschichten und Mordszenen jetzt starke und stolze Frauen sehen. Die Rolle des Onnagata wurde damit noch facettenreicher.

In meinen Recherchen zum Kabuki -Theater fand ich immer wieder Hinweise auf die ganz besondere Stellung der Onnagata -Schauspieler. Bis etwa 1868 wiesen ihre Lebensläufe schon im Kindesalter auf die spätere Rolle hin. Für die Jungen bedeutete die Vorbereitung auf ihre zukünftige Tätigkeit, dass sie auch im privaten Bereich als Mädchen und Frauen lebten, um eine möglichst realistische Bühnenwirkung erzielen zu können. Früher wie heute zeigen sie auf der Bühne in der Identifikation mit den weiblichen Figuren ein mimisch und gestisch übersteigertes Idealbild japanischer Frauen. Als Hilfsmittel stehen ihnen besondere Schminktechniken, kunstvolle Perücken und aufwendige Kostüme zur Verfügung.

Schon seit den Regierungen der Shogune im frühen 17. Jahrhundert, die der Bevölkerung enge Moralgrenzen setzten gegen Prostitution und Homosexualität, erlebten Schauspielerinnen und Schauspielern stets auch Ablehnung und waren Verboten unterworfen. So sind auch im heutigen Japan Vorurteile gegenüber den Männern, die sich schon von früher Jugend an auf ihren späteren Beruf als Darsteller von Frauenrollen vorbereiten, keine Seltenheit. Angehörige der konservativen Elite, aber auch junge Besucher reagieren oft mit Skepsis gegenüber der realen Personen hinter der „getauschten“ Rolle.

Früher von allen Bevölkerungsschichten besucht, versuchten die Schauspieler mit der Öffnung Japans zum Westen nach dem 2. Weltkrieg Kabuki als Kulturform der oberen Gesellschaftsklasse zu erhaltenen oder bemühten sich, Stücke mit traditionellen Stilformen zeitgemäß anzupassen, gleichwohl sie häufig den Zensuren der Besatzungsmächte ausgesetzt waren. Von der Gunst des Publikums lange Zeit vernachlässigt, zieht das Kabuki -Theater heute wieder ein vielfältiges Publikum an. Besonders die intellektuelle Bevölkerung in den großen Städten fühlt sich angesprochen (und nutzt dabei die Gelegenheit für die Präsentation ihrer prachtvollen Kimonos). Aber auch für junge Leute ist das Theater inzwischen ein beliebtes Ziel.

Das Interview
In Tokio ist ein Theaterbesuch kaum möglich ohne vorbestellte Eintrittskarten. Die Vorstellungen können sich über mehr als vier Stunden hinziehen. Kleine Läden rund um das Kabuki-Za bieten Delikatessen zum Kauf an, vor allem Sushi und Getränke. Es ist durchaus üblich während der Darbietungen zu essen und zu trinken. Nachschub ist in den Pausen überall im Theater erhältlich.

So wartete ich im Herbst 2005, versehen mit kunstvoll verpackten Sushi-Gerichten, gespannt auf die Aufführung. In Begleitung eines überaus hilfsbereiten und freundlichen Hochschullehrers, der geduldig übersetzte, sowie einer Spezialistin für das Kabuki gewann ich Einblicke in diese mir fremde Theaterwelt. Ihre Erläuterungen halfen trotz sprachlicher Schwierigkeiten zum Verständnis wesentlicher inhaltlicher und stilistischer Vorraussetzungen.

Ich hätte gerne Fotos gemacht für den Katalog unserer Ausstellung, aber Aufnahmen wurden mir nicht gestattet, weder innerhalb des Hauses noch vor der Theaterfront. Auch mein Wunsch, Kopien aus einer internen Publikation vom Schminkvorgang einiger Onnagata zu erhalten, wurde höflich aber entschieden abgelehnt. Alle Rechte von Abbildungen liegen bei den einzelnen Personen und der Vertretung des Theaters, die Regeln sind streng und werden ausnahmslos eingehalten. So hoffte ich dann beim Interview mit dem Onnagata -Darsteller auf eine Möglichkeit des Fotografierens, denn die Bilder sollten den Beitrag zum Kabuki -Theater im Katalog zur Ausstellung „Hautzeichen – Körperbilder“ illustrieren.

Hochgeschätzt als Schauspieler sind sich Darsteller der Onnagata auch bei Begegnungen außerhalb des Theaters ihrer außergewöhnlichen Wirkung bewusst. Es war sehr schwer einen Gesprächstermin zu erhalten. Aufgrund der guten Beziehungen meiner Begleitung aber kam es tatsächlich zum Treffen mit einem Hauptdarsteller. Bei einem Bier nach einer seiner Vorstellungen reagierte er zunächst positiv auf meine Bitte das Interview auf Tonband aufnehmen zu dürfen. Bevor es aber zum Interview kam, machte er seine Konditionen klar, falls er nach Frankfurt kommen sollte, um die Ausstellung mit einer kleinen Vorführung zu eröffnen. Als er sich dann nach dem Katalog erkundigte, für den dieses Interview gedacht war, wurde sehr schnell klar, dass unser Interview zu Ende war, bevor es begonnen hatte: Waren es sprachliche Missverständnisse gewesen, hatte ich die Vorraussetzungen falsch eingeschätzt? Hätte ich eher den Kontakt mit einem nicht so bekannten Darsteller suchen sollen?

Unser Onnagata -Darsteller war von der Annahme ausgegangen, dass der Katalog ihm und dem Kabuki allein gewidmet sein würde. Für einen kleinen Beitrag im Rahmen eines Begleitbuches stehe er keineswegs zur Verfügung, betonte er. Freundlich aber distanziert erneuerte er seine grundsätzliche Bereitschaft, für eine Aufführung in Deutschland zur Verfügung zu stehen, diese sollten wir aber mit dem Kabuki -Theater vereinbaren. Er verließ er das Restaurant und ließ mich mit einer ratlosen Gruppe zurück.

Weiterführende Literatur

Gojô Masanosuke, Nakamuro Kyôzô (2005): Japan Foundation – Veranstaltung im Rahmen des "Japan – EU - Jahres der Begegnung", Berlin und Köln, 16. – 18. 3. 2005, Begleitheft, The Tsubouchi Memorial Theatre Museum Waseda University, 2005. Informationsblatt
Peter Mesenhöller, Beate Schneider in: Hautzeichen – Körperbilder Begleitheft zur Ausstellung, 2005
Chiaki Yoshida (1971): Kabuki. Published by The Japan Times
Yonezo Hamamura et. al. (1956): Kabuki. Tokio: The Society of Traditional Arts

Internet:
Kabuki for Everyone.

Zur Autorin

Dr. Doris Stambrau, Leiterin der Museumspädagogischen Abteilung (IKAT) des Museums der Weltkulturen in Frankfurt am Main.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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