DIE VERDICHTER

Eine religionsethnologische Studie zum Schamanismus der Lakota von René Tecklenburg

Buchrezension von Markus H. Lindner

Die Verdichter

„Verdichter ist ein breit angelegter Versuch, das religiöse Universum der Lakota-Indianer von South Dakota zu umreißen. Die konzeptuellen und philosophischen Grundlinien des religiösen Weltbildes dieser seit über hundert Jahren weitgehend erloschenen Kultur werden zusammengefasst und unter dem Aspekt geprüft, ob sie sich phänomenologisch dem zusprechen lassen, was die Religionstheorie gemeinhin als 'Schamanismus' kennzeichnet. Als religionsgeschichtlicher Beitrag verwebt Die Verdichter historiographische, soziologische, philosophische, linguistische und ethnographische Perspektiven zu einer Gesamtschau auf das Weltbild der stolzen 'Nomaden der Prärie'.“ schreibt der Verlag über dies Buch.

Diese Verlagsangabe erfüllte ihren Zweck: Sie machte mich neugierig. Wie würde es René Tecklenburg gelingen, diesen doch sehr umfassenden Ansatz auszufüllen, vor allem vor dem Hintergrund einer „weitgehend erloschenen Kultur“ - einer Anmerkung, die mich stutzig machte. Berücksichtigt Tecklenburg denn nicht, wie sich die Situation heute darstellt? Das Weltbild und den Schamanismus der Lakota aus verschiedenen Winkeln zu betrachten und in einen größeren Zusammenhang zu stellen, fand ich dagegen sofort sehr einleuchtend.

Tecklenburg stützt sich in seiner Studie auf die einschlägigen Standardwerke zum Thema und auf Interviews, die er 2001 mit den Lakota-Gelehrten Albert White Hat und Leonard Quiver geführt hat. Das Buch ist keine einfache Schilderung des Schamanismus bei den Lakota, sondern die Verknüpfung dieses Themas mit der allgemeinen Schamanismusforschung. Die Studie umfasst vier Teile und mehrere Kapitel. Auf die Einleitung, in der Tecklenburg die theoretische Basis für seine weitere Untersuchung legt, folgt ein ethnographischer Teil, der in die Kultur und Gesellschaft der Lakota einführt, und danach beleuchtet er ausführlich die Religion. Diese Betrachtungen sind Tecklenburgs Ansicht nach nötig, da der Schamanismus „weder losgelöst von soziokulturellen Aspekten noch ausschließlich über die religiösen Praktiken dargestellt werden“ kann (S. 17). Es folgen das Kapitel „Der Schamanismus der Lakota im Kontext der allgemeinen Schamanismusforschung“, „aktuelle Tendenzen“ und zuletzt ein Kapitel zur allgemeinen Schamanismusforschung.

Im ethnographischen Teil stellt Tecklenburg zunächst die Lakota (beziehungsweise Teton) als den westlichen Teil der Dakota/Nakota/Lakota vor. Mit der Ankunft des Pferdes konnten sie sich im späten 8. Jahrhundert zu nomadischen Bisonjägern entwickeln, die im darauf folgenden Jahrhundert das gesamte Gebiet des oberen Missouri beherrschten. Die Lakota teilen sich, entsprechend ihrem Weltbild, in sieben Abteilungen auf, von denen die Oglala die bekannteste sind. Die Lakota leben heute im Wesentlichen verteilt auf sechs Reservationen in South Dakota.

Tecklenburg ist bewusst, dass sowohl die soziale als auch die lokale Struktur der Lakota zwar idealtypisch festgelegt, in der Realität aber sehr durchlässig und offen war. Der Wechsel von einer band (unterhalb der Abteilungsebene) zur anderen war ebenso möglich wie die Neugründung eines Camps bei sozialen Uneinigkeiten. Ähnliches galt auch für die politische Organisation. Diese sah zwar grundsätzlich vor, dass ein Häuptling seinen Anspruch an seinen ältesten Sohn weitergab, dies war aber ebenso wie bei den Schamanen kein unauflösliches Paradigma. Gab es einen besseren Nachfolger, dann hatte auch der Stammbaum keinen Einfluss darauf, wer zum spirituellen oder politischen Führer bestimmt wurde.

Zum eigentlichen Thema, dem Schamanismus der Lakota, kommt Tecklenburg bei der ethnographischen Betrachtung der Lakota-Religion. Verankert in den Schöpfungsmythen der Lakota findet sich der Schamanismus in den sieben Ritualen der Lakota wieder, bei denen er eine wesentliche Rolle spielt. Hier verweist der Autor auf die Bedeutung von Träumen und Visionen bei den Lakota, die bei Kindern dazu führen konnten, dass sie als Schamanen-Novizen erkannt wurden; primär jedoch galt die Visionssuche der Findung des individuellen Schutzgeistes. Männer, die die gleichen Traumerfahrungen gemacht, das heißt vom selben Geistwesen geträumt hatten, bilden eine gemeinsame Gruppe - aber nicht zwangsläufig einen Bund. Rituale dienten und dienen bei den Lakota nicht nur der Verbindung mit der Geisterwelt, deren Grenze nur der Schamane - oder die Schamanin - überschreiten kann, sondern auch der Bewahrung des sozialen Gefüges. So ist die hunka -Zeremonie, in der mehr oder weniger symbolische Adoptionen vorgenommen werden, noch heute ein bedeutendes Ritual, das in das Verwandtschaftssystem der Lakota eingreift.

Tecklenburg ordnet den Lakota-Schamanismus in den weltweiten Schamanismuskomplex ein und begründet die Verwendung des Begriffs „Schamanismus“. Da der kaum fassbare wakan -Komplex (die Grundlage der Lakota-Religion), auf den der Autor zuvor eingegangen ist, das Raum-Zeit-Gefüge der Lakota sprengt und eine „übergeordnete Ganzheitlichkeit“ darstellt, ist ein Spezialist nötig, „der die wahren Ursachen der Ereignisse für die Gesellschaft verständlich macht und die Zeichen und Symbole in andere Welten zu übersetzen versteht“ (S. 211). Diese Spezialisten werden bei den Lakota wicasa wakan (Männer) beziehungsweise wynan wakan (Frauen) genannt. Auch heute noch wird mit Träumen und Visionen gearbeitet – wobei der Übergang zwischen beiden durchaus fließend ist – und mit Anrufungen des Hilfsgeistes; Trancen dagegen sind weniger von Bedeutung. Die Schamanen der Lakota waren nie rein religiöse Führer, sondern spielten und spielen oftmals auch eine wichtige politische Rolle, wobei ihnen „nicht mehr Verehrung zuteil wird als jedem anderen Lakota-Mitglied“ (S. 224). Ein wicasa wakan oder eine wynan wakan hat demnach auch mehr Aufgaben als nur zu heilen oder Zeremonien durchzuführen, sie sind Mediatoren, Interpreten und Übersetzer. Dabei waren sie früher auch an scheinbar alltäglichen Dingen wie dem Aufspüren von Bisonherden (bei Tecklenburg „Büffelherden“) beteiligt.

Tecklenburg weist darauf hin, dass es bei den Lakota nie einen einzigen umfassenden Schamanismus gab, sondern die einzelnen Aspekte stets auf verschiedene Personen verteilt sein konnten. Während ein wakan sozusagen Generalist war und alle Fähigkeiten haben konnten, waren ihm der herbalist , der Beschwörer, und der dreamer , der Heiler, untergeordnet. Die Bedeutung von Spezialisten war im Einzelfall aber keinesfalls geringer als von Generalisten, und ihre Hilfsmittel waren genauso wirkungsvoll, nur waren sie nicht „im Besitz aller kosmologischen Zusammenhänge“.

Nach der detaillierten ethnographischen Beschreibung des Lakota-Schamanismus, die auch Beispiele für Performances und Seancen enthält, folgt ein Vergleich der Weltsicht und des Schamanismus mit den benachbarten Cheyenne. Hier zeigen sich trotz vieler kultureller Gemeinsamkeiten generelle Unterschiede. So geht der Schamane bei den Cheyenne zum Beispiel eine „Identitäts- oder Kongruenzbeziehung mit dem höchsten Geistwesen“ ein (S. 258), während der Lakota-Schamane auf einer symbolischen Ebene bleibt. In diese Betrachtungen bezieht Tecklenburg auch den nordsibirischen und westnepalesischen Schamanismus ein. Es zeigt sich dabei, dass sich die Lakota auf der spirituellen Ebene des „abstrakteren Symbolismus“ bewegen, während bei den Cheyenne und in Nordsibirien „konkrete magische Praktiken“ (S. 266), wie die Arbeit mit Puppen, Trommeln und so weiter, Anwendung finden. Die genauen Unterschiede werden in einem Anhang sehr übersichtlich tabellarisch dargestellt.

In der Studie folgt eine knappe Darstellung der drei "Figuren" Iktomi , Heyoka und Winkte , die das Bild der Lakota-Gesellschaft kontrastieren. Iktomi ist der mythische Trickster, der durch sein Fehlverhalten die Schaffung der Welt wesentlich mit beeinflusst hat. Er entspricht damit weitgehend anderen Trickster-Figuren aus Nordamerika. Heyoka sind reale Menschen, die von Donnervögeln geträumt haben und sich entgegengesetzt der Normalität verhalten. Sie sind glücklich, wenn alle anderen traurig sind, tragen im Sommer dicke, im Winter dünne Kleidung und so weiter. Dass Heyoka früher auch außerhalb von Zeremonien nach diesem Prinzip gelebt haben, muss allerdings bezweifelt werden: Über den Lakota-Propheten Black Elk zum Beispiel wurde viel berichtet, aber nicht, dass er diesem Prinzip folgte. Die dritte Gruppe sind die Winkte : Homosexuelle oder Transvestiten, die als Frauen lebten, geheiratet werden konnten und gesellschaftlich durchaus angesehen waren.

Tecklenburg beschließt den Teil, der sich mit den Lakota beschäftigt, mit einer recht knappen Betrachtung der aktuellen Tendenzen, die seiner Ansicht nach weitgehend in der Tradition der Lakota liegen, da sich Schamanen auch heute noch genealogisch legitimieren und den yuwipi -Ritus, die traditionelle Heilungszeremonie durchführen. Seiner Beobachtung nach haben alle heute praktizierenden Schamanen den Status eines wakan . Eine intensivere Beschäftigung mit dem heutigen Schamanismus wäre allerdings gut gewesen, um diese Thesen zu verifizieren. Die Studie schließt mit einer ausführlichen, allgemeinen Betrachtung der Schamanismusforschung, auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehen möchte, die jedoch einen guten Überblick über den Bereich gibt und den Schamanismus der Lakota in einen allgemeinen Zusammenhang rückt.

Als ich Die Verdichter zu lesen begann fiel mir etwas auf, was René Tecklenburg selbst schon im Vorwort thematisiert: Er macht darauf aufmerksam, dass seine Studie (eine Dissertation an der Universität Zürich) sprachlich überarbeitet werden musste, um sie lesbar zu machen. Das ist offensichtlich nicht ganz gelungen. In einigen Bereichen sie ist immer noch unübersichtlich und „widerspenstig“ (S. 14), so dass sie es dem Leser in Teilen schwer macht zu folgen, was aber keinesfalls dazu führen sollte, sich nicht näher damit zu beschäftigen.

Die eigentliche Schwäche des Buches liegt aber im ethnographischen Teil. Der verdeutlicht zwar, wie wenig wir über die historischen Lakota wissen und wie widersprüchlich das vorhandene Wissen oft ist. Leser, die vorher nichts über die Lakota wussten, können sich durch die Vielzahl der widersprüchlichen Informationen, die Tecklenburg wiedergibt, allerdings nur schlecht ein Bild machen und werden eher verwirrt. Hier wäre es besser gewesen zur Bewertung der Quellen das Handbook of North American Indians heranzuziehen, als die widersprüchlichen Angaben der Quellen im Detail vorzustellen. Problematisch ist auch, dass Tecklenburg die Teton als Stammesvereinigung und die Oglala als Stamm definiert, während üblicherweise die Teton als Stamm und die Oglala als Abteilung des Stammes verstanden werden. Wahrscheinlich verwischen sich hier die Grenzen zwischen Geschichte und Gegenwart. Im heutigen Reservationssystem nach US-amerikanischer Definition bildet jede der sechs Lakota-Reservationen einen eigenen Stamm, der allerdings mit Ausnahme der Oglala nicht Deckungsgleich mit den Abteilungen ist. Diese Identitätsveränderung ist durchaus relevant für die Betrachtung der Lakota und war auch schon Thema von Untersuchungen.

Darüber hinaus bezeichnet der Autor die strukturelle Ebene der Abteilungen, beziehungsweise das, was er Stämme nennt, pauschal als Oglala, ohne zu berücksichtigen, dass die Oglala nur eine von sieben Abteilungen bilden. Keinesfalls würde ein Hunkpapa gerne mit dem Begriff Oglala bezeichnet werden. Der Fehler liegt dabei vor allem darin, dass Tecklenburg den Anschein erweckt, seine Studie beziehe sich auf alle Lakota. Tatsächlich bezieht sie sich aber fast ausschließlich auf die Oglala, was mit der Quellenlage zu tun hat und keineswegs verwerflich ist. Es wird dem Leser jedoch nicht deutlich gemacht.

Manchmal verschmelzen in der Studie Gegenwart und Vergangenheit, ohne dass dies ausreichend thematisiert wird. Überhaupt fehlt eine Basis für die Betrachtung der Gegenwartssituation, die durchaus einen breiteren Rahmen verdient hätte, vor allem da Tecklenburgs Informanten aus der gegenwärtigen Perspektive über (den historischen oder rezenten?) Schamanismus sprechen und so zeigen, dass die Kultur keineswegs erloschen ist. Gewagt ist sicher auch die Aussage, die Studie beziehe sich auf alle Lakota (siehe die Verlagsangaben). Die Daten der Studie beziehen sich fast ausschließlich auf die Abteilung Oglala, und generell sollte man mit der Übertragung auf andere Abteilungen vorsichtig sein.

Die Stärke der Studie liegt im religionsethnologischen Teil. Die Darstellung des Lakota-Schamanismus und seine Einordnung in das religiöse Verständnis der Lakota und in den allgemeinen Bereich des Schamanismus sind sehr gelungen und laden ein, sich näher mit dem Thema zu beschäftigen. Es ist Tecklenburgs Verdienst, den Schamanismus der Lakota in ein größeres Umfeld (sozial, ökonomisch, politisch innerhalb der Lakota-Gesellschaft, ansonsten allgemein religionsethnologisch) gestellt und ihn nicht isoliert betrachtet zu haben. Die an den Lakota interessierten LeserInnen werden durch das Buch sowohl in die Schamanismusforschung als auch in Religion und Kultur der Lakota eingeführt. Trotz einiger Mängel ist Tecklenburgs Studie durchaus lesenswert.

Tecklenburg, René (2007): Die Verdichter. Eine religionsethnologische Studie zum Schamanismus der Lakota. Berlin, Wien u.a.: LIT, 368 Seiten, 34,90 EUR, broschiert. ISBN (Deutschland): 978-3-8258-0362-9

Über den Autor

Markus H. Lindner, M. A., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Historische Ethnologie der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Sein regionaler Forschungsschwerpunkt sind die nordamerikanischen Plains, insbesondere die Lakota.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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