DERWISCH-MUSIK

Lieder und Musik im Industal Pakistans

Von Jean Trouillet

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Sufi-Musiker im Industal, Pakistan. Foto: Horst A. Friedrichs

Die Rolle der Musik ist im Islam umstritten. Von vielen "Ulama", den orthodoxen Rechtsgelehrten, wird sie grundsätzlich abgelehnt, und in Moscheen sind Musikinstrumente in der Regel nicht erlaubt. Aber auch die Sufis selbst sind über Musik geteilter Meinung. Die einen erklärten sie zu einem Medium, mit dessen Hilfe sich die Seelen der Menschen dem Göttlichen nähern können, andere dagegen standen ihr ablehnend oder skeptisch gegenüber.

An der Bedeutung, die Musik für die Sufis spielte und immer noch spielt, kann jedoch kein Zweifel bestehen. Mehr als irgendwo anders in der islamischen Welt hat Musik im Industal, wo sie eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung eines toleranten, lebensfrohen Glaubens gespielt hat, das Leben der Sufis und der von ihnen inspirierten Bevölkerung geprägt.


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Allah Rakha Khan mit seiner sarangi (Pakistan). Foto: Horst A. Friedrichs.

So vielfältig die Landschaften sind, die der Indus in seinem Lauf nach Süden durchquert, so mannigfaltig sind die musikalischen Stile, die wir an seinen Ufern finden. Sie reichen von liturgischen, gemeinschaftlich rezitierten zikr oder der strengen Regeln folgenden Überlieferung der Fakire am Schrein Shah Abdul Latifs über das Repertoire höfischer Kunstmusik, das bis heute von Nachkommen einstiger Hofmusikerfamilien bewahrt wird, bis hin zu populären Volksliedern, die wiederum ihre regionalen Varianten haben. Die Dichter des Industals, die sich an die breite Bevölkerung richteten, haben meist auf die regionalen Umgangssprachen zurückgegriffen, und die Sufi-Dichter waren es, die ihre literarische Gestalt prägten. Qawwali wiederum ist ein übergreifendes Genre, das auf nordindischem Boden entstand und sich der Sprache bediente, die als eine Art lingua franca mit einem türkischen, arabischen und persischen Wortschatz auf der Grundlage einer indischen Grammatik in den multikulturellen Heeren der Moghulzeit entstand und zur Umgangssprache Pakistans wurde, Urdu. Während die qawwals im Panjab begannen, sich auch der einheimischen Umgangssprache zu bedienen, ist Sindh ganz bei seinen im Land gewachsenen musikalischen Formen geblieben; an seine Stelle tritt hier, neben vielen anderen Spielarten, der von yaktaro und chappar begleitete Chorgesang der soung-Fakire. Es ist jedoch nicht nur Musik im engeren Sinn, die das Leben der Derwische bestimmt: Ihre ganze Existenz ist ein Klangteppich, der aus den verschiedensten akustischen Fäden gewoben wird.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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