EDITORIAL

Ehre und Schande

Das scheinbar altmodische Thema „Ehre und Schande“ hat in jüngster Zeit vor allem über die Rechtsprechung im Zusammenhang mit Ehrenmorden in Deutschland größere Aufmerksamkeit erfahren. In der Ethnologie ist schon in den 1960er Jahren im Mittelmeerraum zu Ehre und Schande geforscht worden (siehe den Beitrag von Ester Bäumgärtner). Bei diesen Forschungen ging es vor allem darum, den inneren Zusammenhalt und die Struktur von Großfamilien und Dorfgemeinschaften vor allem im ländlichen Raum zu analysieren und zu erklären; „Ehre und Schande“ war der Schlüsselbegriff dabei. Die Forschungsergebnisse, dass eine Emotion - Schande/Scham - soziale Strukturen aufrechterhalten kann, waren für Menschen, die in der westlichen Moderne sozialisiert wurden und deren Wertesystem von Individualität und Lebensplanung geprägt war, zumindest erstaunlich, wenn nicht gar exotisch. Ebenso erstaunlich aber ist, dass heute das Wertesystem „Ehre und Schande“, das durch gesellschaftliche Modernisierungsprozesse auch in den ländlichen Regionen des Mittelmeerraums überwunden zu sein schien, in den 90er Jahren im Zusammenhang mit der Lebensgestaltung von Migranten im urbanen modernen Europa plötzlich wieder auftaucht. Ein ähnliches Phänomen findet sich im postsozialistischen Albanien: Im Macht- und Identitätsvakuum eines in den 1990er Jahren sich nur langsam entwickelnden Nationalstaates verquickten sich Rechtsprechung und nationale Mythen, die eigentlich ins Museum gehören (siehe Beitrag von Stephanie Schwandner-Sievers). Auch in der aktuellen Rechtssprechung in Deutschland taucht das Motiv Ehrenmord auf – ähnlich wie in Albanien - um Strafmilderung zu erlangen bei Tötungsdelikten, begangen an Schwestern bzw. Töchtern (siehe Beitrag von Stéphane Voell).

Im Artikel von Elke Kamm erfahren wir mehr über familien- und dorfinterne soziale „Ehre und Schande“-Strukturen in Georgien, wie sie als traditionelles Ideal parallel zu den gesellschaftlichen Strukturen der sozialistischen Zeit aufrechterhalten wurden. Wie diese Wertvorstellungen in ein nationales Selbstverständnis in der postsozialistischen Ära einfließen - und sich eventuell verändern - ist Thema zukünftiger Untersuchungen von Elke Kamm.

Katrin Vogel hat einen Beitrag geschrieben über den Umgang mit Ehre und Schande auf der individuellen Ebene. Hier werden zwar auch familiale Beziehungen mit einbezogen, wenn es darum geht kulturelle Aspekte von schwulen bzw. transsexuellen Verhaltenweisen in Venezuela zu definieren, die Auseinandersetzung damit findet aber auf individueller Ebene statt. Der Artikel zeigt, dass das Thema „Ehre und Schande“ hier schon weitgehend losgelöst ist von traditionellen kulturellen Mythen und Idealen und Verhaltensweisen den Möglichkeiten modernen urbanen Lebens angepasst wurden.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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