JIMMY PICCARD

Georges Devereux: "Kulturelle Hebel" in der Fallstudie eines Wolfsindianers

Von Wolfgang Schreiber

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Medizinmann. Quelle: http:// www.schulbilder.org/

Nach langjähriger Tätigkeit als Ethnologe und nachdem er eine psychoanalytische Ausbildung begonnen hatte, bekam Devereux 1947 eine Stelle am Winter General Hospital in Topeka. Zu dieser Zeit wurde ein Reservatsindianer in die psychiatrische Abteilung des General Hospital aufgenommen. Da dem Klinikpersonal der kulturelle Hintergrund dieses Patienten unbekannt war, zogen sie in Erwägung, dass dessen kulturspezifisches Verhalten und seine Persönlichkeitsstruktur in seiner Kultur durchaus adäquat sein konnten, weshalb Devereux in seiner Funktion als Ethnologe konsultiert wurde. Devereux nutzte diese Gespräche im Einverständnis mit der Klinik für eine Psychotherapie dieses Patienten „Jimmy Piccard“ (später veröffentlichte er die Psychotherapieprotokolle von 26 Sitzungen in: Reality and Dream: Psychotherapy of a Plains Indian. New York 1951).

In der Therapie „Jimmy Piccards“ wandte Devereux, wie er es zum erstenmal nannte, „kulturelle Hebel“ an. Um einen unmittelbaren Zugang zum magischen Denken des Patienten zu bekommen verwendete er kulturelle Elemente aus der prärieindianischen Kultur, wie Medizinbündel, Legenden, Bräuche etc. Devereux äußerte sich dazu folgendermaßen: „Meine therapeutisch begründete systematische Ausnutzung der kulturellen – damit weitgehend supernaturalistischen – Bedeutung von Träumen und des Träumens in der Wolfskultur (anonymisierte Stammesbezeichnung) förderte und beschleunigte den Gewinn von Einsicht. Die so gewonnenen Einsichten führten zunächst zu einer objektiveren und weniger supernaturalistischen Haltung gegenüber Träumen und dem Akt des Träumens und alsdann zu einer völligen Aufgabe jenes (magisch gefärbten) Glaubens an Träume, der es anfangs ermöglicht hatte, sie als kulturelle Hebel zu therapeutischen Zwecken zu nutzen. Ähnlich verhielt es sich mit dem Kunstgriff, das Ich des Patienten dadurch zu stärken, daß ihm erlaubt, ja sogar nahegelegt wurde, den Therapeuten mit dem wolfsindianischen Schutzgeist zu identifizieren; es versetzt ihn zunächst in die Lage, neue und schmerzliche Einsichten zu ertragen, die dann ihrerseits sein Ich soweit erstarken ließen, daß eine völlige „Entmythologisierung“ des Schutzgeistes – und damit auch des Therapeuten möglich wurde. Diese gestattete dem Patienten eine Emanzipation von beiden: die Aufgabe von seinem Götzenbild und seinem Therapeut.“
In diesem Zusammenhang ist es erwähnenswert, dass sich Devereux skeptisch gegenüber der Einbeziehung von Medizinmännern in der Therapie äußert. Allenfalls der Einsatz des kulturellen Hebels des Schamanen zur Einleitung einer einsichtsorientierten Therapie, die letzten Endes ein Verschwinden des Glaubens an solche kulturellen Hebel bewirken sollen, hält Devereux für gerechtfertigt. In „Realität und Traum“ stellt er fest: „Jede Verwendung kultureller Hebel – zumal irrationaler und/oder ideologischer Hebel -, die insofern selbstverstärkend wirkt, als sie den Erwerb kulturell neutraler Einsichten behindert, durch die die Wirkung dieser Hebel wieder aufgehoben werden könnte, stellt einen Missbrauch von Kultur dar und ist nicht als genuine Therapie anzusehen .“

Zur Person des Patienten
Jimmy war in der Wolfsreservation aufgewachsen und sein Vater starb dort, als er 6 Jahre alt war. Erst am Ende der Therapie tauchte ein wichtiges verdrängtes Thema im Zusammenhang mit dem Tod des Vaters auf: Jimmy fand die Mutter unmittelbar nach dem Tod des Vaters mit einem fremden Mann im Bett vor und zog daraufhin - nach Devereux zuerst nicht nachvollziehbar - zu seiner einzigen und erwachsenen älteren Schwester. Der Wechsel von Erziehungspersonen bei Kindern sei zwar nach Devereux in der Wolfskultur durchaus üblich, der hier geschilderte Auslöser dieses Wechsels sei in diesem Fall jedoch in der Wolfskultur ein untypisches Verhalten eines Prärieindianerkindes.

Ein weiterer wichtiger zentraler psychischer Konflikt: Er konnte eine Spielkameradin nicht vor dem Ertrinken retten, was Devereux durch die kulturell determinierte phobische Reaktionen der Prärieindianer erklärte, die die Gewässer mit allerlei übernatürlichen Wesen und Ungeheuer bewohnt sehen würden. Die ältere Schwester des ertrunkenen Mädchens, die dies von weitem beobachtet hatte, erpresste ihn damit zu heimlichen sexuellen Spielen. Dabei wurden sie beide von der älteren Schwester Jimmys überrascht – die ihn ihrem strengen christlichen Glauben gemäß, und nicht nach der gewährenden sexuellen wolfsindianischen Kultur – für sein Verhalten massiv bestrafte. Im Erwachsenenalter war Jimmy nicht bereit, seine schwangere Freundin zu heiraten, was er in der Therapie bei Devereux zuerst mit Schuld- später mit Wiedergutmachungsgefühlen durcharbeitete.
Während seines Kriegseinsatzes in Europa unterhielt seine Ehefrau eine Beziehung zu einem anderen Mann und verließ Jimmy. Ein Verkehrsunfall mit körperlichen Folgeschäden führte zur vorzeitigen Entlassung aus der Armee und einem verstärktem Alkoholismus bei Jimmy.

Devereux versucht mit dem Patienten dessen komplexe inneren psychischen Konflikte aufzuarbeiten. Tod, Schuld, sexuelle Erregung, Verdrängung aggressiver Impulse und Sucht stellen hier meines Erachtens einen Komplex und Vermischung traumatisierender Erfahrungen und Gefühle bei Jimmy dar, die zu einer Kontaminierung seines Frauenbildes führten. Er fürchtete sich einerseits vor den Aggressionen der mannhaften Wolffrauen (wozu er seine Schwester und seine Mutter zählt), andererseits auch vor seinen unterdrückten Impulsen, Frauen zu verletzen. Einige Symptome schienen damit im Zusammenhang zu stehen: Angstanfälle mit Erstickungsgefühlen, Herzklopfen, Todesangst, Alpträume, Höhenphobie, Kopfschmerzen bei unterdrückten Aggressionen, Potenzstörungen, Alkoholismus.

Zur Anwendung "kultureller Hebel" in der Therapie
In der 6. Therapiestunde versucht Jimmy Piccard etwas über die religiöse Einstellung Devereux zu erfahren:
Jimmy: „Welche Religion haben Sie? Die Indianer beten die Sonne und die Erde und die Medizinbündel an.“
Devereux: „Ich habe keine Religion. Ich glaube nur daran, daß man Gutes tun muss.“
Jimmy: „Wenn man das Richtige tut, tut man sich selbst was Gutes.“
Devereux: „Haben Sie letzte Nacht wieder geträumt?“
Jimmy: „Ja, ich habe geträumt. Mir scheint, ich träume immer nur von Ihnen: Ich war mit Ihnen auf der Jagd. Ich hatte ein Gewehr. Sie hatten kein Gewehr. Als ich einen Bär sah, hatte meine Gewehr Ladehemmung. Sie sagten mir, ich sollte immer nur eine Kugel auf einmal einlegen. Dann hatte ich noch einen Traum. Wir beide waren auf der Fuchsjagd. Ich hatte ein 0,22er Gewehr. Sie hatten keins. Ich erlegte einen Fuchs und hob ihn auf und redete mit Ihnen. Als ich wieder nach dem Fuchs sah, hielt ich da ein Baby am Bein hoch. Er hatte sich in ein Baby verwandelt.
Devereux: „Ein lebendiges Baby?“
Jimmy: „Es war entweder tot, oder es schlief. Danach bin ich schweißgebadet aufgewacht.“
Devereux: „Was habe ich gemacht?“
Jimmy: „Wir waren einfach zusammen“.
Devereux: „In diesem Traum bin ich wie so ein Tiergeist bei den alten Kriegern, dessen Schutz ihnen Mut gab. Wenn ich im Traum dabei bin, dann scheinen Sie Erfolg zu haben und sich Ihren Problemen stellen zu können.“

Devereux führt sich hier zum erstenmal in Reaktion auf den Traum des Patienten als Schutzgeist ein. Diesen kulturellen Hebel benützt Devereux mehrfach im Verlauf der Therapie, um die Abhängigkeits- und Autonomiebedürfnisse des Patienten in der Übertragung zum Therapeuten zu klären und einer Realitätsprüfung zuzuführen. Damit werden verdrängte Aggressionen, Enttäuschungen, Schuldgefühle in der therapeutischen Beziehung und im früheren Leben des Patienten für ihn und den Therapeuten bewusst und zugänglich.
Eine Gesprächsepisode aus der 19. Therapiestunde zeigt die beginnende „Entzauberung“ des Schutzgeistes oder des therapeutischen Hilfs-Ich bei Jimmy:
Jimmy: „Das ist fast so, wie die Indianer das gemacht haben – sie gehen zu einem einsamen Berg und schlafen da und denken über alles nach und träumen von einem Tier, das Ihnen Mut geben
soll, und beten zu „diesem Mann“, daß er ihnen Mut gibt. Und dann wenn sie alt werden, geben sie das Dingsda (Medizinbündel) weiter, damit es auch anderen Mut gibt. Wenn ich Mut hätte, müsst' ich nicht von einem Tierhelfer träumen. Das hier zeigt mir, wie man es auch einfacher machen kann. Hier krieg' ich gezeigt, wie ich es anders machen kann, ohne daß ich mich erst schlafen legen muss So wie jetzt: Sie geben mir von sich, was Sie wissen, wie ich selber alles rauskriegen kann. Ich glaube, ich mach' meine Sache da gut. Finden Sie auch?“

In der 26. Therapiestunde blickt Jimmy räsonierend auf seine Therapie zurück und es entwickelt sich folgender Dialog zwischen Jimmy und Devereux:
Jimmy: „Schauen Sie, ich seh' das so: Am Anfang, als ich hier angefangen hab', wusste ich nichts. … Trotzdem hab' ich mir alle Mühe gegeben, zu verstehen. Da waren viele Sachen, die mir unklar waren und die ich allein rauskriegen musste. Dann haben Sie aufgehört, mit mir zu reden. Ich war auf mich allein gestellt. Natürlich konnte ich am ersten Tag, nachdem Sie aufgehört hatten zu reden, nichts lernen. Alles andere war okay, aber das da konnte ich nicht rauskriegen. An dem Nachmittag bin ich dann drauf gekommen. Religion, egal, was für eine – da hatten wir über indianische Religion gesprochen -, Religionen sind alle dasselbe. Die sind alle Mut-Macher. Wenn jemand ohne sie auskommen kann und das auch wirklich kann...ich kenn' da einen bei uns daheim...ich glaub' nicht, daß der an irgendetwas glaubt. Nicht an die indianische Religion und nicht an die christliche Religion. Er ist der größte Säufer, der je rumgelaufen ist, und ein Dieb ist der! Er selber hat überhaupt nichts. Noch nicht mal 'ne Wohnung. Jedenfalls, der versucht, ohne Religion auszukommen, und er kann's nicht. Hab ich recht? Wenn man Religion braucht, ist sie einfach ein Mut-Macher.“
Devereux: „Haben Sie Angst ein Säufer oder ein Dieb zu werden?“
Jimmy: „Nein!“
Devereux: „Warum nicht?“
Jimmy: „ Weil ich mich da in der Hand habe. Ich weiß, was richtig und was falsch ist. Ich trinke, aber ich bin kein Trinker.“

Etwas weiter unten setzt sich der Dialog folgendermaßen fort:
Devereux: „Und ich will Ihnen noch ein weiteres Beispiel geben. Wenn Sie richtig ausgehungert sind, dann essen Sie einfach alles, was essbar ist. Wenn sie nur Appetit haben, dann suchen Sie sich aus, ob Sie ein Steak oder Kotelett essen wollen.“
Jimmy: (Nickt.)
Devereux: „Sie können Protestant bleiben oder sich der Wolfs-Religion oder irgendeiner anderen Religion anschließen.“
Jimmy: „ (Nickt.) Was ich mir denk', ist, daß ich nicht mehr denselben Kitzel davon krieg, den ich früher davon gekriegt hab'. Aber das ist okay.“
Devereux: „Wenn Sie gesund sind und trinken ein Glas Whisky, dann werden Sie davon nicht betrunken, aber wenn Sie krank oder schwach sind, kann ein Glas Whisky Sie umhauen. Sie reden von einem Kitzel , den sie von der Religion gekriegt haben. Vielleicht war das gar nicht so gut. Vielleicht ist der Zweck der Religion gar nicht der, einem Kitzel zu verschaffen. Vielleicht ist die Religion ein Wegweiser zu einer guten Lebensführung.“

Ein Jahr nach dieser Therapie analysierte Devereux jede Sitzung im Überblick und in ihren Besonderheiten. Zur vorgehenden 26. Sitzung äußerte er folgendes:
„Zudem beschwerte er sich darüber, daß er mit dem Aufkommen der rationalen Einsicht nun keine Gefühlsregungen („Kitzel“) mehr aus der Religion bezöge. Ihm wurde deshalb erklärt, daß Religion für den abhängigen Krüppel eine unverzichtbare Krücke sei, für den gesunden und selbstsicheren Menschen dagegen lediglich ein frei gewählter schmückender Zusatz. Auch wurde ihm bedeutet, daß sein Begriff von Religion als einem Rauschmittel ein Zeichen für Unreife war, indem der eigentliche Zweck der Religion darin bestand, den Menschen zu leiten und ihm zu einem rechtschaffenen Leben zu verhelfen. Mit anderen Worten, es wurde der Versuch gemacht, eine unsublimierte ödipale Pseudogottheit durch ein sublimiertes Ideal zu ersetzen; d. h. der Versuch, den Gott des hysterischen Erweckungseiferers gegen den Gott eines Emerson auszutauschen.“

Schluss
Der Einsatz kultureller Hebel in die Praxis impliziert eine spezifische und ausreichende Kenntnis der kulturell bestimmten „normalen und ethnischen Persönlichkeit“ des Patienten, um dessen prämorbiden Zustand durch die Therapie wieder herzustellen. Für diese Therapie bedeutete dies für Devereux: „Die Sehnsüchte des Patienten nach Abhängigkeit und seine Unfähigkeit, diese zu akzeptieren, wurden nicht in zerstörerischer Absicht angegangen, denn sie sind unverrückbarer Bestandteil der prärieindianischen Persönlichkeit im allgemeinen und der modernen, desorganisierten und verarmten reservationsgebundenen Persönlichkeit im besonderen. Das eigentliche Ziel bestand vielmehr darin, sein typisch wolfsindianisches Bewusstes und mit dem Ich-Ideal verknüpftes kontraphobisches Selbstvertrauen zu stärken, und zwar genau in der Weise, in der das Modell eines übernatürlichen Beschützers funktioniert, welches, durch Masochismus und Selbstmitleid entstanden, in Spannungsperioden äußerst stark besetzt wird, um damit das Gefühl der Bedrohung und der Hilflosigkeit zu überspielen, das andernfalls zu katastrophalen Reaktionen führen würde.“ Devereux meint hier mit „Masochismus“ die realen Entbehrungen, denen sich der Wolfsindianer in seiner Initiation durch Rückzug von der Gruppe, längerem Nahrungsentzug und die mit großem Selbstmitleid klagsam vorgetragene, unterwürfige Anrufung, die das Erscheinen seines Schutzgeistes bewirken soll.


Literatur
Devereux, George (1951, 1969): Reality and Dream: Psychotherapy of a Plains Indian.
New York: New Univ. Press. Deutsch: Devereux, Georges (1985): Realität und Traum: Psychotherapie eines Prärie-Indianers. Frankfurt/M.: Suhrkamp

Zum Autor
Wolfgang Schreiber, M. A. (Eziehungswissenschaft und Psychologie) ist aprobbierter Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und arbeitet aktuell in einer Fachklinik als Suchttherapeut. Er gehört seit langem der Arbeitsgemeinschaft Ethnomedizin (AGEM) an.
7, rue Lamartine, F-57520 Rouling,
familleschreiber@orange.fr


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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