INDIVIDUUM UND KULTUR

Zur Methode der Kulturpsychologie und Symbolischen Handlungstheorie Ernst E. Boeschs

Von Reiner Büch

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Ernst E. Boesch bei seiner Eröffnungsvorlesung zum 5. Internationalen Kongress der Association pour la Recherche Interculturelle 1994 an der Universität in Saarbrücken. Foto: E. Schröder

In den 1930er und 40er Jahren entstand in der Ethnologie ein Forschungsbereich zur Beziehung zwischen Individuum und Kultur, „Culture and Personality“, der sich sehr schnell und nachhaltig etablierte. Zur gleichen Zeit wurde auch der ethnologischen Feldforschung, als einer über viele Monate dauernden teilnehmenden Beobachtung vor Ort, immer mehr Bedeutung beigemessen. Durch die „Culture and Personality“-Forschung erhielt die für die Forschung notwendige Selbstreflexion des Feldforschers wesentliche Impulse.
Bis heute gehört die nunmehr fest etablierte „Culture and Personality“-Forschung zu einem der fruchtbarsten Gebiete in der Ethnologie und trägt zu deren interdisziplinärer Verflochtenheit bei. Gerade durch Bereiche der „Angewandten Fragestellungen“ hat die alte Völkerkunde deutliche professionelle Entwicklungen erfahren. Dies ist eigentlich nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass sich noch vor 100 Jahren die Ethnologie und die Psychologie als nahe verwandte Geschwister gefühlt haben. Aber nicht im Lande eines Wilhelm Wundts, sondern in den USA kam diese Betrachtungsweise zur Blüte.

Der heute im 94sten Lebensjahr stehende St. Galler Ernst Eduard Boesch (*1915) hat mit seinem Lebenswerk zu dieser „Culture and Personality“-Forschungsrichtung beigetragen. Der gelernte Psychologe und Psychoanalytiker lebt heute in Saarbrücken an seinem längsten Wirkungsort und mischt sich gelegentlich - wenn er gefragt wird - noch in aktuelle Tagesdebatten ein. Nach seinem Studium in Genf und der Tätigkeit als Schulpsychologe des Kantons St. Gallen wurde Prof. Boesch 1951 auf den neuen - und bis 1969 einzigen - psychologischen Lehrstuhl an der 1948 gegründete Universität des Saarlandes berufen. Von 1955 bis 1958 leitete Boesch, von der Uni beurlaubt, im Auftrag der UNESCO das International Institute for Child Study in Thailand und später an der Universität des Saarlandes das 1962 gegründete Institut für Entwicklungshilfe, sowie bis 1987 die „Sozialpsychologische Forschungsstelle für Entwicklungsplanung". Hier arbeiteten Ethnologen (zum Beispiel Paul Hinderling) und Psychologen an gemeinsamen Projekten. Am bekanntesten sind die Untersuchungen zum Arzt-Patienten-Verhalten im ländlichen Thailand, durchgeführt in den 1960er- und Folgejahren. Allerdings wurde die methodische Bedeutsamkeit dieser Untersuchungen damals noch nicht in seiner Gänze erkannt. 1986 wurde Boesch zum Ehrenmitglied der Arbeitsgemeinschaft Ethnomedizin ernannt.

Symbolischen Handlungstheorie und Kulturpsychologie
Bereits 1958 formulierte Ernst Boesch eine kulturbezogene Handlungstheorie, die er in den folgenden Jahrzehnten systematisch zur heutigen Symbolischen Handlungstheorie und Kulturpsychologie weiterentwickelte. Sein Ausgangspunkt war die Beobachtung der Bedeutungsvielfalt von Handlungen. Diese beruht auf der gleichzeitigen Bildung unterschiedlicher Handlungsschemata: „Indem der Handelnde sich in seinem Handeln auch selbst erlebt, verbinden sich sachlich materielle Handlungserlebnisse notwendigerweise mit subjektiv funktionalen“. So wie (im Sinne Piagets) die Objekterfahrungen zu Objektschemata, und diese wiederum zu Objektkonzepten werden, so führen auch die subjektiven Handlungserfahrungen zu Systematisierungen eigener Art, die Boesch „Fantasmen“ nennt. Sachliche und subjektive Handlungsvalenzen führen zu zwei unterschiedlichen Konstruktionen der Wirklichkeit, in Boeschs Terminologie „Objektivierung” und „Subjektivierung”.

Kultur kann deshalb für Boesch keine unabhängige Variable sein, wie auch Jürgen Straub in seinem Vorwort zu dem von Boesch 2005 veröffentlichten Band: „Von Kunst bis Terror – Über den Zwiespalt in der Kultur“ hervorhebt. Seine Kulturpsychologie erfordere geradezu eine handlungstheoretische Betrachtungsweise, denn zugleich sei es ja der Mensch in seiner Kreativität und Verantwortlichkeit, der Kultur schaffe.

In dem 1980 erschienenen Band „Kultur und Handlung“ kennzeichnet Boesch „… Kultur als ein Handlungsfeld, dessen Inhalte vom von Menschen geschaffenen oder genutzten Objekten bis zu Institutionen und Ideen oder Mythen reichen. Als Handlungsfeld bietet die Kultur Handlungsmöglichkeiten, stellt aber auch Handlungsbedingungen: sie bietet Ziele an, die mit bestimmten Mitteln erreichbar sind, setzt zugleich aber auch Grenzen des möglichen oder richtigen Handelns. Der Einzelne steht zu diesem Feld immer in einer zwiespältigen Beziehung: er fügt sich ein, genießt es, passt sich an, aber, im kleinen oder großen, rebelliert er auch, sucht Grenzen zu erweitern, Vorhandenes zu transformieren, zu ergänzen oder zu ersetzen. Diese beiden antagonistischen Beziehungsrichtungen treffen wir eindrücklich Tag für Tag an. Wie der Einzelne sich gegenüber seiner Kultur definiert, sie nachvollzieht, erweitert, verwandelt und was er dabei als seine Kultur betrachtet, wissen wir nicht: sie ist ein komplexes Bild, das er allmählich formt und das sich zusammensetzt aus den vielfältigen Kleinigkeiten eines vertrauten Alltags bis hin zu den unscharfen, obgleich emotional erfüllten projektiven Bildern seiner Heimat, seiner Vorfahren, seines Landes, seiner Religion“. Bei der Symbolischen Handlungstheorie handelt es sich um eine ich-psychologische Handlungstheorie, die aber folgerichtig mündet in Fragen des Spannungsverhältnisses zwischen Individuum und Gruppe, in den Verschränkungen zwischen Fantasmus und Mythos.

Spannungsverhältnisse oder (konstruktivistisch betrachtet) Ordnungsdefizite beruhen auf dem nicht reflektierten Auseinanderlaufen von persönlichem Handlungsmotiv und kollektiver Erwartung oder von eigenem unbewussten Handlungsmotiv und bewusster Intention. Boesch geht daher von einem zentralen Handlungsmotiv aus: dem Erstellen von Innen-Außen-Gleichgewichten. Gemeint ist damit das Bestreben, in einer widerständigen Welt Bereiche zu schaffen, die man als ich-konform erlebt - Bereiche, die sowohl real wie imaginiert sein können.

Diese Auffassung führt Boesch zu einem vertieften Verständnis unterschiedlicher Funktionen von etwa „fiktiver Kunst“ oder „dogmatischer Religion“, aber auch von ganz gewöhnlichen alltäglichen Aspekten der kulturellen Praxis. Das Fiktive in der Kunst und das Symbolische unseres Handelns erlauben es, (glückliche) Momente einer Innen-Außen-Harmonie zu schaffen und zu erleben und Spannungen zwischen Individuum und Gruppe auszugleichen. „Wenn wir in der ganzen Menschheitsgeschichte kaum ein Volk ohne ästhetische Gestaltungen finden, so gründet dies sicherlich darin, dass das Ästhetische und Imaginative mitwirkt an den Gemeinsamkeiten der Kultur“.
Und so wird für Boesch das Gedicht zum Gleichnis für das immer währende Streben nach einem Einklang zwischen Ich und Welt, zu einem Paradigma - also des Schaffens von Kultur. Nun brauche man dazu aber nicht unbedingt Dichter zu sein, auch „... die Wissenschaftlerin tut es, der Techniker, der Politiker, die Bildhauerin, der Bastler, die Gärtnerin, der Musiker. (...) Wo immer sie sich in ihr Tun versenken, sich ihm wirklich hingeben, schaffen sie, geleitet von Bildern, eine Wirklichkeit, die Äußeres mit Innerem in Einklang zu bringen sucht - eben Kultur. Es sind unsere Bilder, die die Kultur bald verfestigen, bald verwandeln, und so wird ein vertieftes Verstehen unserer Bilder zu einem vordringlichen Anliegen einer Kulturpsychologie“.

Methodisch gesehen nutzt Boesch auch in seinen Spätwerken „Sehnsucht - Von der Suche nach Glück und Sinn“, „Das lauernde Chaos - Mythen und Fiktionen im Alltag“ und dem oben genannten „Von Kunst bis Terror – Über den Zwiespalt in der Kultur“, in denen er sich eingehend mit aktuellen kulturellen und gesellschaftlichen Problemen befasst, sowohl eigene wie fremde Erfahrungen, systematische wie zufällige Beobachtungen, künstlerische und literarische Quellen. Kurz, er schränkt seine Erhebungen nicht ein, sondern bezieht die ganze Palette verfügbarer Informationen oder Daten, in sein konnotationsanalytisches Vorgehen ein.

Boesch selbst versteht seine Handlungstheorie nicht nur als ein theoretisches Konzept, sondern auch als eine Methode: „... eine Vorgehensweise, die mir immer wieder hilfreich war, wenn es darum ging, die vielfältigen Fragen gerade auch der angewandten kulturpsychologischen Forschung zu präzisieren“.

Fantasmus und Konnotationsanalyse
Die Verschränkung von Theorie und Methode soll anhand der Konzepte „Fantasmus“ und „Konnotationsanalyse“ gezeigt werden. Um zunächst den Unterschied zwischen einem Fantasmus und einer Fantasie zu verdeutlichen, möge sich der Leser folgendes vorstellen: Ein Junge klettert auf einen Baum. Oben angelangt, malt er sich aus, auf dem Mast eines Schiffes zu sitzen, und hält spähend Ausschau nach feindlichen Seeräubern. Das ist eine Wachfantasie, wie sie oft Spiele von Kindern (und auch Erwachsenen) anfüllen. Die Tatsache jedoch, dass der Junge in seiner Fantasie die Welt in Freunde und Feinde einteilt, dass er sich die Funktion zuschreibt, gegen Feinde wachsam zu sein, seinen Lebensbereich durch seine Tapferkeit, seine Waghalsigkeit oder seinen Todesmut zu beschützen, nennt Boesch einen Fantasmus. Im Vergleich zu einer Fantasie ist der Fantasmus das Grundlegendere. Es lässt sich leicht ausmalen, dass das gleiche Grundschema eine Vielzahl von Fantasien erlauben würde, und in der Tat konkretisieren Kinder oft die gleichen Themen in vielfältigen Fantasien. Ähnliches gilt zum Beispiel für die Fantasmen des Liebens und Geliebt-Werdens oder diejenigen des Berühmt-Werdens. Fantasmen, als Formmuster unseres subjektiv erfahrenen Handlungspotentials, erweisen sich als Zielmuster, die ihre Konkretisierungen suchen und unsere Assoziationen steuern.

Das Ziel der Konnotationsanalyse besteht darin, die grundlegenden Fantasmen in individuellen und kulturellen Kreationen zu rekonstruieren. Dafür werden Assoziationen angeregt und gesammelt und die darin enthaltenen individuellen und sozial tradierten kulturellen Ordnungsvorstellungen rekonstruiert. Freie Assoziationen evozieren im Wesentlichen Inhalte, die auf die subjektiven Bezüge zwischen Ich und Welt verweisen. Erinnern wir uns daran, dass der Mensch gleichsam in zwei Welten lebt. Die „Sachwelt", aus einem System objektiver Zusammenhänge und die „Valenzwelt", aus einem Netz subjektiver Bedeutungen bestehend.

Diese Art der Konnotationsanalyse kann während des therapeutischen Kontaktes oder im diagnostischen Tiefeninterview erfolgen. In einem Aufsatz von 1977 „Konnotationsanalyse - Zur Verwendung der freien Ideen-Assoziation in Diagnostik und Therapie“ analysiert Boesch die Gründe für die bisher im Unterschied zu standardisierten Fragebögen wenig - oder schlecht – genutzte Methode der „Freien Assoziation“. Nach seiner Einschätzung beruht dies weniger auf der mangelnden statistischen Eignung ihrer Ergebnisse, als auf den Schwierigkeiten ihrer praktischen Anwendung: „Anders als das übliche Interview, das man gemeinhin als die Kunst richtigen Fragens betrachtet, erfordert die Erhebung Freier Assoziationen eher eine Kunst des gekonnten Zuhörens. Das Zuhören bei der freien Assoziation kann sich keinem klar umschriebenen Fokus zuwenden, sondern hat diesen Fokus gleichsam fortlaufend zu entdecken und zu definieren. (…) Fragen sollen dazu dienen, die erhaltenen Assoziationen zu ergänzen, zu vertiefen, zu kontrollieren oder die reflexive Verarbeitung anzustoßen . Es geht also bei den Fragen im Wesentlichen darum, den Prozess des Assoziierens zu stimulieren, um allmählich strukturelle Zusammenhänge zu erfassen - oder, in linguistischer Sprache, die Tiefenstruktur unter den manifesten Inhalten hervortreten zu lassen“.

Natürlich eignet sich die freie Assoziation nicht nur zur Analyse von Träumen und Fantasien - jedes Wahrnehmen, Denken und Tun kann damit untersucht werden. Boesch unterscheidet zwischen kultureller und psychoanalytischer Konnotationsanalyse. Er konnte zeigen, wie die Methode auch dort zu verwenden ist, wo keine direkten Assoziationen zu erlangen sind: Ausführliche und sehr lesenswerte (kulturvergleichende) Konnotationsanalysen hat Boesch beispielsweise durchgeführt über die unterschiedliche Herausbildung des notwendigen Handlungspotentials zum Bauen und Spielen einer europäischen beziehungsweise thailändischen Geige, geleitet von einer jeweiligen (idealen) Tonvorstellung. In der Analyse von Picassos „Guernica" (Boesch 1991, 1995) konnte er die bedrohliche individuell-historische Situation Picassos während der Entstehung des Bildes aufzeigen und die beschwörende Funktion dieses Bildes für Picasso als eine spezielle Form der Bildung eines Innen-Außen-Gleichgewichts belegen.



Weiterführende Literatur
Boesch, Ernst Eduard (1998): Sehnsucht - Von der Suche nach Glück und Sinn. Bern: Huber
- (2000): Das lauernde Chaos - Mythen und Fiktionen im Alltag. Bern: Huber
- (2005): Von Kunst bis Terror – Über den Zwiespalt in der Kultur. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht

Zum Autor
Reiner Büch, Dipl.-Psych., ist Supervisor (BDP) und klinisch tätiger Psychologischer Psychotherapeut.
Bergstraße 57, 66129 Saarbrücken
r.buech@sb.shg-kliniken.de


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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