„SEX“ UND „GENDER“

Margaret Mead und die Anfänge der Frauenforschung in der Ethnologie

Von Dagmar Schweitzer de Palacios

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Margaret Mead auf Feldforschung. Courtesy of Gordon Skene Sound Collection. All rights reserved. /UPI/THE BETTMANN ARCHIVE, http://encarta.msn.com/ media_461517832/ margaret_mead.html

Im öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs hat sich innerhalb der letzten Jahrzehnte der Begriff „gender“ als Kategorie von Geschlecht etabliert, etwa in „gender mainstreaming“ oder „gender studies“. Dabei wird von vornherein angenommen, dass es keine geschlechtsneutrale Wahrnehmung der Wirklichkeit gibt, sondern die Lebenssituationen und Interessen von Mann und Frau generell unterschiedlich sind und bei allen gesellschaftlichen Projekten oder wissenschaftlichen Untersuchungen berücksichtigt werden müssen.

Der Differenzierung von Geschlecht Rechnung zu tragen ist keinesfalls immer selbstverständlich gewesen. Ihr geht eine lange Entwicklung voraus, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in den USA ihren Anfang nahm und bei der die Ethnologie eine entscheidende Rolle spielte. Die damaligen amerikanischen ethnologischen Arbeiten beruhten vorwiegend auf Feldforschung. Darüber hinaus gab es durch eine - im Vergleich zum deutschsprachigen Raum - frauenfreundlichere Universitätsgeschichte auch für Frauen die Möglichkeit einer akademischen Ausbildung. Dadurch gelangten die Rolle und Beziehung von Geschlechtern in den Blickwinkel der Untersuchungen Schließlich kam es im Zuge der Frauenbewegung zu Verknüpfungen von wissenschaftlicher Theorie und soziopolitischer Praxis, da sich vielfach die Forscherinnen für deren Forderungen einsetzten.

Margaret Mead (1901-1978), die durch ihre auf Jugend und Sexualität bezogenen Kultur- und Persönlichkeitsstudien Berühmtheit erlangte, gilt als Wegbereiterin der ethnologischen Frauenforschung. Zwei ihrer zahlreichen Werke sind direkt dem Thema "Geschlecht" gewidmet, so ihr Buch „Geschlecht und Temperament in drei primitiven Gesellschaften“ (1935) und „Mann und Weib. Das Verhältnis der Geschlechter in einer sich wandelnden Welt“ (1949); dazu kommt ein erst 1960 veröffentlichter, rückblickender Aufsatz über eine ihrer Informantinnen des Jahres 1929 aus Samoa „Vermittlerin zwischen zwei Welten: Phebe Clotilda Coe Parkinson“, der in einem Sammelband von Brigitta Hauser-Schäublin von 1991 zu finden ist.

Zur Zeit Meads beherrschte eine sozialdarwinistisch geprägte Denkweise die Natur- und Gesellschaftswissenschaften. Die Geschlechter „Mann“ und „Frau“ bildeten darin biologische Kategorien, die den Fortbestand der menschlichen Rasse garantierten. „Geschlecht ist angeboren“ hieß es damals und „die physischen Unterschiede sind als natürliche Ursache anzusehen, die zwangsläufig zu einer unterschiedlichen gesellschaftlichen Stellung von Mann und Frau führt, wobei die Frau naturgebunden eine dem Mann untergeordnete Rolle einnimmt“.

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Phoebe Parkinson. Aus: B. Hauser-Schäublin: Ethnologische Frauenforschung, 1991

Mead, durch ihren Lehrer Franz Boas und ihre Kollegin Ruth Benedict beeinflusst, verfolgte jedoch einen anderen Ansatz: sie brachte die Kategorie Geschlecht in den Zusammenhang mit Kultur. Grundlegend dafür war das Konzept, Kultur als ganzheitliche Einheit zu betrachten, in der jedes einzelne Phänomen Teil eines zusammenhängenden Ganzen bildet und mit allen anderen kulturellen Phänomenen in Beziehung steht. Kultur wird dabei nicht durch biologische Zwänge geformt, sondern durch freie Entscheidung der Menschen. Jede Kultur folgt bestimmten Zielen, auf sie die Handlungen ausrichtet, und entwickelt Grundmuster, an denen sich das Verhalten orientiert und bewertet wird. Die aus einem Reichtum an Möglichkeiten als Passende ausgewählten Werte und Wertmaßstäbe werden über Generationen hinweg immer stärker institutionalisiert und im politischen und religiösen System verankert. Nachkommen werden in dieses System hineingeboren und entsprechend geprägt. Kulturelle Entwicklung ist daher kein natürlicher, allgemeingültiger Prozess, sondern folgt dem jeweiligen vorherrschenden kulturellen Muster. Die Biologie spielt dabei nur insofern eine Rolle, da sie die menschlichen Veranlagungen erklärt, auf die jede Kultur zurückgreift.

In diesen Ansatz integrierte Mead nun „Geschlecht“ als Kategorie. Demnach sind Geschlecht und auch die verschiedenen Altersstufen als Teil von Kultur wesentliche Kategorien, die dazu dienen, eine Gesellschaft zu strukturieren. Zwar hat sich die Kategorie Geschlecht aus der physischen Natur des Menschen entwickelt, doch sind physische Dispositionen allein nicht ausreichend, um alle mit ihnen verknüpften Bedeutungen nachvollziehbar zu erklären. Vielfach handelt es bei diesen Bedeutungen um ein Konstrukt.

Biologisches Geschlecht zieht auch nicht zwangsläufig bestimmte Geschlechterrollen nach sich, vielmehr sind diese Rollen kulturell vorgegeben. Geschlecht wird immer in einer bestimmten Form institutionalisiert, was aber „keineswegs in Form eines vorgeschriebenen gegensätzlichen Verhaltens zu geschehen oder durch Begriffe wie Herrschaft und Unterwerfung erfassbar zu sein“ hat. Kultur entscheidet darüber, welche Eigenschaften bei den Geschlechtern wertgeschätzt werden und wie sich geschlechtliche Differenzierungen äußern. Entweder manifestieren diese sich durch verschiedene Rollen- und Aufgabenverteilungen oder aber durch geschlechtsspezifische Verhaltenserwartungen. Hier gibt es von Kultur zu Kultur wesentliche Unterschiede.

Die Festlegung von unterschiedlichen Eigenschaften bei Mann und Frau - wie in den westlichen Kulturen - ist längst nicht bei allen Kulturen die Regel. Bestimmte Eigenschaften (Mut oder Fleiß etwa) können als Ideal auch Geschlechter übergreifend sein. Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften sind daher nicht auf die Geschlechtszugehörigkeit zurückzuführen. Die jeweilige Typenbildung ist kulturell determiniert und hängt davon ab, welchen Persönlichkeitstypus eine Kultur bevorzugt. Schließlich kommt Mead zu dem Schluss, dass die Wesensunterschiede zwischen den Menschen eine andere Ursache als die geschlechtliche Zugehörigkeit haben. Sie sind eher die Folge verschiedener Typen von Temperament. Jeder Mensch gehört seiner Veranlagung nach einem bestimmten Typus an, doch entscheidet die Kultur über den Idealtypus, wobei wiederum Alter und Geschlecht in die Bewertung mit einfließen können.

Mit ihrem Ansatz legte Mead auf doppelte Weise den Grundstein der modernen und postmodernen Geschlechterforschung: Zum einen weist sie auf den Unterschied zwischen biologischem und sozialem Geschlecht hin, auch wenn sie das biologische Geschlecht für nicht weiter hinterfragbar hielt. Sie verwendete dabei noch nicht die heutigen Begriffe „sex“ und „gender“, sondern spricht von „sex“ und „sex temperament.“ Obwohl es dauerte, bis sich diese Unterscheidung in Wissenschaft und Öffentlichkeit etablierte, eröffneten sich der Forschung ganz neue theoretische Möglichkeiten, die weg von der Auffassung einer natürlichen Zweiteilung der Geschlechter führten.

Zum anderen spricht sie Differenzen innerhalb der beiden Geschlechter an, ein Aspekt mit denen sich die Forschung auch in Deutschland unter dem Schlagwort „difference within“ erst wieder in den 1990er-Jahren auseinandersetzt. Durch ihren ganzheitlichen Ansatz hatte Mead die Beziehung der Geschlechter im Blick, ohne sie nach Kriterien ihrer eigenen Kultur zu bewerten, wie es vielfach durch die feministische Ethnologie geschah, die die Frau wieder in eine dem Mann untergeordnete Position stellte und die Kategorie männlich/weiblich als Gegensatzpaar auf fasste, dem sie qualitative Attribute wie Natur/Kultur, öffentliche/häusliche Domäne zuordnete. Die Hierarchisierung der Geschlechter fand dabei nach Wertmaßstäben der westlichen Kultur statt.

Meads fortschrittliche Leistungen sind umso bedeutender, da sie ihre theoretischen Konzepte mit konkretem ethnographischem Material aus ihrer eigenen Feldforschung belegte. Mead hat während der 1920er- und 1930er-Jahre lange Zeit bei den verschiedensten Ethnien auf Samoa, Neu-Guinea, auf den Admiralitätsinseln, bei nordamerikanischen Indianern und auf Bali gelebt und geforscht. Sie konnte durch ihre Beobachtungen nicht nur tiefe Einblicke in die Kulturen bekommen, sondern beherrschte zudem sieben Sprachen der Einheimischen. So war es ihr möglich, direkt Gespräche mit ihren InformantInnen zu führen. Auch in dieser Hinsicht erwies sich ihre Methode als fortschrittlich, denn generell gehörten die Frauen nicht zu den befragten Interviewpartnern von Ethnologen. Man sah eher die Männer als eigentliche Kulturträger an, so dass in den meisten Monographien die Kulturen ausschließlich aus männlichem Blickwinkel dargestellt wurden.

Seitens feministischer Ethnologinnen wurde Mead vorgeworfen, von einer privilegierten männlichen Perspektive aus auf fremde Kulturen zu schauen, da sie sich auch des Materials ihres Mannes bediente und es versäumt habe, Frauen direkt nach ihren Ängsten und Wünschen zu fragen. Doch angesichts der in der damaligen Zeit aktuellen wissenschaftlichen Diskussionen, ist in Bezug auf ihre Forschung dieser Vorwurf ungerechtfertigt. Außerdem beweist Mead in dem oben genannten Porträt einer samoanischen Frau, dass sie sich in der Feldforschungssituation sehr wohl ihrer Rolle als Frau bewusst war. Während in ihren früheren Monographien und Feldforschungsanalysen die InformantInnen im Hintergrund bleiben, erläutert sie in dem Artikel nicht nur die Beziehung zu ihrer Gesprächspartnerin, sondern lässt sie in wörtlicher Rede sprechen und bringt sich selber in den Dialog mit ein. Zeitweise tritt sie dabei nicht als Ethnologin, sondern als Frau auf, die schmerzliche Erlebnisse und Erfahrungen der Informantin nachvollziehen kann. Hier zeigt sich nicht nur Meads persönliche Entwicklung als Wissenschaftlerin, sondern darüber hinaus wird deutlich, dass auch der Schreibstil Ausdruck des jeweiligen ethnologischen "Zeitgeistes" ist. In diesem Sinn nimmt Mead in diesem Aufsatz spätere Schreibstrategien nicht nur der feministischen Ethnologie vorweg.

Letztendlich verstand sich Mead nie als Feministin. Sie betrachtete sich weder als Verfechterin feministischer Forderungen noch identifizierte sich mit ihren Informantinnen, um deren Situation zu verändern. Ihr ging es vielmehr um die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen, um Probleme der eigenen, US-amerikanischen Gesellschaft aufzudecken und durch den Kulturvergleich Lösungsvorschläge zu entwickeln.

Weiterführende Literatur

Mead, Margaret (1992/1949): Mann und Weib. Das Verhältnis der Geschlechter in einer sich wandelnden Welt. Frankfurt/M.
Mead, Margaret (2002/1935): Jugend und Sexualität in primitiven Gesellschaften. Frankfurt/M.
Hauser-Schäublin, Brigitta (Hg.) (1991): Ethnologische Frauenforschung: Methoden, Ansätze, Resultate. Berlin

Zur Autorin

Dr. Dagmar Schweitzer de Palacios ist Ethnologin. Promotion 1994 an der FU Berlin. Feldforschungen 1990-92 und 2000-2001 in Ecuador zum Thema traditionelle Medizin und Austauschbeziehungen im Schamanismus. 2000-2001 und 2003-2005 Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Völkerkundlichen Sammlung der Philipps-Universität Marburg. Derzeit: Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Museum der Weltkulturen, Frankfurt am Main


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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