NUR ÜBER MÄNNER SIND FRAUEN VOR GEISTERN GESCHÜTZT

Die Bedeutung der Religion für die Mafa-Frauen (Nordkamerun)

von Godula Kosack

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Frauen beim Frauentag in der Kreisstadt. Wer es sich leisten kann, schafft sich eine Frauentagsuniform an. Foto: G. Kosack

Die Mafa, eine etwa 200.000 Menschen starke Volksgruppe im nördlichen Mandara-Gebirge in Nordkamerun, leben hauptsächlich von Hirse, die sie im Hackverfahren auf den Terrassenfeldern anbauen. Die meiste Feldarbeit verrichten die Frauen. Die Verfügungsgewalt über das Produkt der Feldarbeit liegt allein bei den Männern. Die Hirse kommt in den Speicher des Mannes, zu dem nur er Zugang hat. Etwa 80 % der Mafa üben noch den Ahnen- und Erdkult aus, etwa 10 % sind christianisiert und weitere 10 % islamisiert.

Was das Verhältnis zwischen Männern und Frauen entscheidend bestimmt, ist das Gesetz, dass den Männern die Erde gehört. Die männlichen Ahnen haben sie urbar gemacht und sie ihren Söhnen hinterlassen. Daraus leiten die Männer alle Rechte ab. Die für die Frauen wohl am schwersten zu ertragende Konsequenz dieses Mafa-Gesetzes ist die, dass die Kinder dem Manne gehören. Eine Frau, die das Haus ihres Mannes verlässt, ungeachtet dessen, ob es ihre eigene Entscheidung ist zu gehen, ob der Mann sie verstößt oder ob sie Witwe geworden ist, muss ihre Kinder zurücklassen. Sie werden im besten Falle der Obhut der Großmutter väterlicherseits anvertraut. In der Regel ist diese oder eine der anderen Frauen des Mannes für die Stiefkinder zuständig. Da Nahrung knapp ist, versorgen die Frauen ihre eigenen Kinder besser als die Stiefkinder. Etwa die Hälfte aller Mafa-Kinder stirbt, ehe sie zehn Jahre alt sind an Krankheiten, die häufig auf Unterernährung zurück zu führen sind. Viele Frauen bleiben deshalb bei einem ungeliebten Mann, um ihre Kinder nicht in Stich lassen zu müssen.

Die Rolle der Mafa-Frauen im religiösen Leben

Die Mafa haben alljährlich Feste und Zeremonien durchzuführen, durch die die Gemeinden als Einheit bestätigt werden, ähnlich wie sich die Christen beim gemeinsamen Abendmahl als Gemeinde bestätigen. Zu diesen Festen gehört das "Bier der Trockenzeit", das dem Ahn einer minimal lineage (hier etwa: Familienzweig) gewidmet ist und auf dem Vorhof des Gehöfts eines Lineageältesten unter seiner Leitung geopfert wird. Begleitet von Gebeten an den gemeinsamen Ahn, wird etwas Bier an die Erde gegeben, ehe die versammelte Gemeinde dann gemeinsam davon trinkt. Zu diesem Opfer sind alle Gehöftsherren, die die Ahnentöpfe der verstorbenen Väter und Großväter in ihren Gehöften aufbewahren und zu gegebenen Anlässen beopfern, verpflichtet. Das Bier für zeremonielle Anlässe wird stets von den Frauen gebraut.

Im Anschluss an das "Bier der Trockenzeit" findet das Neujahrsfest statt. Dieses Fest konstituiert unter der Leitung des Dorfhäuptlings die traditionellen Dörfer. Alle noch schwelenden Konflikte im Dorf müssen zuvor bereinigt werden. Am Vorabend des Festes wird im Rahmen einer großen Mahlzeit für alle Nachkommen des Gehöftsherren - also auch für die verheirateten Töchter und deren Kinder - Zeremonien und Opfer über den Ahnentöpfen und an den Hausaltären gemacht. Am eigentlichen Festtag zelebriert der Erdpriester, das ist der genealogisch Älteste eines Klanviertels, eine Zeremonie am Erdopferplatz. An diesem Tage versammeln sich auch alle Nachkommen eines verstorbenen Großvaters, um am Kult über dem Ahnentopf dieses Großvaters teilzunehmen. Dazu wird, immer begleitet von Gebeten, etwas Bier über den Topf geschüttet und dann getrunken.

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Über das Steinorakel werden die transzendenten Kräfte befragt. Foto: G. Kosack

Bei Krankheit, Ernteausfall oder auch bei sozialen Problemen im Bereich der Verwandtschaft wird das Orakel - in der Regel mit Steinen, seltener mit einer Krabbe – befragt. In der Regel wird ein Opfer an einen der Ahnentöpfe oder seltener der Hausaltäre fällig, um den verstorbenen Vater, Großvater oder die verstorbene Großmutter, bzw. einen der Hausgeister mit Hirsebier und anderer Nahrung zu besänftigen, damit sie das Übel, das sie geschickt haben, wieder beseitigen. Ist aber der Hausherr abwesend, etwa in der Stadt, um Geld zu verdienen, dann können die Frauen weder das Orakel befragen noch die nötigen Opfer bringen. Ohne den Ehemann sind sie den transzendenten Kräften schutzlos ausgeliefert.

Immer wieder erklären mir Witwen ohne Sohn, dass sie leiden, weil niemand für sie das Orakel befragen kann, wenn sie krank sind, und niemand für ihren Mann das Ahnenopfer bringt. Solange ein Sohn im Hause ist, übernimmt dieser bei allen Zeremonien die Rolle des Hausherren, auch wenn er noch ein Kind ist.

Die Verstorbenen im Jenseits unter der Erde führen, solange sie durch die Opfer an die Ahnentöpfe ernährt werden, ein dem irdischen Dasein entsprechendes Leben. Sie bauen Häuser und Hirse an, wobei dieselbe Arbeitsteilung wie auf Erden besteht. Männer, die Söhne hinterlassen, leben länger in diesem Jenseits: ihre Ahnentöpfe werden zwei Generationen lang versorgt. Frauen, die Söhne geboren haben, werden nur eine Generation lang ernährt. Die Erd- und die Wassergeister, die an bestimmten Plätzen leben, auf denen Kulte ausgeführt werden, sind männlich oder weiblich. Doch die Opfer an sie können nur von Männern gebracht werden.

Die Bedeutung der Christianisierung

Überall im Bezirk Koza am Fuße der Mandara-Berge haben sich - auf Initiative einer Lehrerin - Frauengruppen gebildet, etwa 15 an der Zahl mit jeweils 20 bis 30 Mitgliedern. Die erste Gruppe wurde 1989 gegründet, als in diesem hauptsächlich von Christen bewohnten Bezirk, heftige Ehekonflikte auftraten. Diese Konflikte wurden in mehreren Versammlungen öffentlich diskutiert, und gemeinsam wurde nach Lösungen gesucht. Das regte die Frauen an, weiter gemeinsam über ihre Situation nachzudenken: das war die Geburtsstunde der ersten Frauengruppe.

Was das Leben für die Frauen so schwer macht, ist ihre fast vollständige materielle Abhängigkeit von ihren Ehemännern. Deshalb suchten die Frauen nach einer eigenen ökonomischen Basis. Eine Nähmaschine sollte gekauft und Nähkurse durchgeführt werden, damit die Frauen in Bezug auf angemessene Kleidung nicht länger von der Gunst ihrer Ehemänner abhängig wären. Die nächste Überlegung galt einem eigenen Einkommen, das über die Kleinstbeträge, die der Verkauf von Hirsebällchen und Hirsebier auf dem Markt einbrachte, hinausgehen sollte. Schließlich wurden Beiträge für ein Startkapital erhoben und davon ein Gemeinschaftsfeld gepachtet. Die Frauen, die bislang nur Feldarbeit für ihre Männer verrichtet hatten, würden nun selber über die Früchte ihrer Arbeit verfügen können - ein fast revolutionärer Akt in einer Gesellschaft, in der es von der Tradition her undenkbar ist, dass Frauen Grundbesitz haben. Dass das Beispiel dieser ersten Frauengruppe innerhalb eines Jahres Schule machte, kann nur aus dem allgemeinen Bedürfnis der Frauen nach Selbständigkeit erklärt werden. Überall, wo Dorfentwicklungskomitees entstanden, die die Verbesserung der Wasserversorgung, der Infrastruktur, des Gesundheits- und Bildungswesen zum Ziele hatten, bildeten sich auch Frauengruppen.

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Frauen singen christliche Lieder. Frauen, die die traditionelle Religion pflegen, ist das Trommeln untersagt. Foto: G. Kosack

Dieser Einbruch modernen Lebens steht im Zusammenhang mit der Christianisierung. Die Mitglieder der Frauengruppen sind fast ausschließlich Christinnen: Protestantinnen, Katholikinnen und Adventistinnen. Der traditionellen Religion angehörende Männer dulden es selten, dass Frauen auf anderen als auf ihren eigenen Feldern arbeiten. So bedeutet Christianisierung für die Frauen, dass sie sich - wenn auch noch im begrenzten Rahmen - ökonomisch emanzipieren können.

Ein weiterer Vorteil der Christianisierung für die Frauen ist das Gebot der Monogamie und das Verbot der Scheidung, das vor Ort alle Missionen vertreten. In beiden finden die Frauen eine emotionale und soziale Sicherheit. Als „Traditionelle“ können sie jeder Zeit straflos von ihrem Mann oder - nach seinem Tod - von dessen Verwandten verjagt werden. Nur bei einem bereits erwachsenen Sohn haben sie das Recht auf Bleibe, haben sie keinen Sohn droht ihnen Obdachlosigkeit. Andererseits aber fühlen sich die christianisierten Frauen aufgrund des Scheidungsverbots nicht mehr frei, einen unerträglichen Ehemann zu verlassen.

Zum Beispiel Milka, die Lehrersfrau. Sie wird von ihrem Mann, mehr als sonst unter den Mafa üblich, geschlagen. Nicht nur dass er sein eigenes Einkommen in teures Flaschenbier umsetzt, sondern Milka muss ihm - sehr zum Ärger der anderen Mitglieder der Frauengruppe - all ihr mühsam durch den Verkauf von Hirsebällchen auf dem Markt verdientes Geld ausliefern, damit er Biernachschub bekommt oder zu Prostituierten gehen kann. Milka fühlt sich diesem Mann verpflichtet. Zwar empfindet sie es als Unrecht, dass er ihr keinen Franc lässt, aber sie ist der Auffassung, dass auf das Leiden in dieser Welt Entschädigung im Jenseits folgt. Auch für die Adventistin Yaudam kommt keine Scheidung in Frage, selbst nachdem sich ihr Mann eine zweite Frau genommen hat und mit ihr nichts mehr zu tun haben will. Wie wird sie Söhne gebären können, die ihr im Alter zur Seite stehen? Die Kirche schließt ihren Mann von den Sakramenten aus, aber Yaudam darf sich keinen anderen Mann suchen, weil dies einer Scheidung gleichkäme.

Für eine afrikanische Frau bedeutet die Christianisierung Fortschritt: Sie ist nicht mehr über ihren Vater, ihre Brüder, ihren Ehemann oder ihren Sohn mit den geistigen Kräften der Erde und des Himmels verbunden. Sie tritt Gott als eigenständige Person gegenüber. Eine traditionelle Mafa-Frau kann ohne ihren Mann oder Sohn keinen Kult ausüben. Ohne Mann ist sie religionslos und damit schutzlos den geistigen Mächten ausgeliefert. Eine Christin dagegen kann Christin bleiben, auch wenn ihr Mann aus der Gemeinde ausgeschlossen wird. Die Gemeinde unterstützt sie. Sie wird zum Individuum. Das ist die Voraussetzung für eine ökonomische und seelisch-geistige Emanzipation.

Die Mafa sind verbunden mit den Geistern des Wassers, des Himmels, der Erde, der Lebenden und der Toten. All diese Kräfte sind gefährlich, können Krankheiten schicken, aber auch Segen spenden. In der Christianisierung sehen viele Frauen die Möglichkeit, sich direkt an die kosmischen Kräfte anzukoppeln. Die Mafa sind mit der Vorstellung aufgewachsen, dass der Mann aufgrund seines Besitzstandes alleine über schöpferische Kräfte verfügt. Der „Himmelshäuptling“ hat dem von seiner Frau geformten menschlichen Wesen den Odem einhaucht. Die irdische Frau, deren Gebärfähigkeit der Ehemann mit dem Brautpreis erworben hat, ist der Garten, in dem der Mann seinen Samen gedeihen lässt. Alles, was aus seiner Erde hervorgeht, gehört ihm. Aus dieser Grundeinstellung heraus finden die Frauen es selbstverständlich, dass ein männlicher "Gott" der Schöpfer aller Dinge ist und sein "Wort" genügt, um Gedeih und Verderb auf die Erde zu bringen. Christus als der "Bruder" der Menschen entspricht der mütterlichen Verwandtschaft. In ihrem Bruder findet eine Mafa-Frau einen Fürsprecher gegen eheliche Willkür. Der heilige Geist, realisiert im Abendmahl, konstituiert die Gemeinde, zu der sich die Frauen als eigenständige Mitglieder zugehörig fühlen können, trotz der männlichen Hierarchie sowohl innerhalb der Gemeinde als auch im gesellschaftlichen Leben.

Schon weigern sich viele Christen, dem Schwiegervater einen Brautpreis zu zahlen. Das führt zu Konflikten, in denen sich die Tochter oft mit Unterstützung der christlichen Frauen gegen ihren Vater durchsetzt. Der Verlust des väterlichen Schutzes wird durch den der Gemeinde ersetzt. Kommt es trotz Monogamiegebotes und Scheidungsverbotes dennoch zu einer Trennung der Partner, dann hat der Mann nicht so ohne weiteres Anspruch auf "seine" Kinder, wenn er keinen Brautpreis gezahlt hat. Eine Tendenz zur Kleinfamilie zeichnet sich ab. Ist die Christianisierung der Mafa-Frauen also ein Schritt zur Emanzipation? Ein Schritt gewiss, aber beileibe nicht der letzte.

Zur Autorin

Prof. Dr. Godula Kosack, 19 Jahre Lehrtätigkeit an der Fachhochschule Frankfurt, Fachbereich Sozialarbeit; Habilitation im Fachgebiet Völkerkunde an der Philipps-Universität Marburg. Seit 1981 Feldforschung bei den Mafa in Nordkamerun.

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Kamerun. Karte: E. S. Schnürer
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Kamerun, Afrika. Karte: E. S. Schnürer


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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