EDITORIAL

Religion im Alltag

Der Themenschwerpunkt Religion im Alltag zeigt wie Menschen „Religion“ in ihr alltägliches Leben integrieren. „Alltag“ soll hier nicht als Gegensatz zu Feiertag verstanden werden, sondern als das Gewöhnliche im Gegensatz zum Außergewöhnlichen oder Sakralen. Nicht die heilige Handlung als solche, nicht religiöses Spezialistentum stehen hier im Mittelpunkt, sondern die Art und Weise wie Rituale oder die religiöse Praxis Sinnstiftung und Orientierung im Leben geben. Es geht auch nicht um das Profane im Gegensatz zum Sakralen, sondern darum wie Menschen Religion „leben“. Aus dieser Perspektive ist es gleichgültig, um welche Religionen es geht, ob um eine der so genannten Hochreligionen oder um so genannten Naturreligionen, denn jede steht für ein Ordnungssystem höheren „Ranges“ oder höherer „Macht“, das Orientierung gibt.

Dies wird besonders deutlich im Beitrag von Ulrike Stohrer und in dem von Urte Undine Frömming. Stohrer schreibt über das Ritual des Gästeempfangs in Jemen, dass bei der gewollten Begegnung von nicht immer friedlich gesonnenen Gruppen oder Stämmen Feindlichkeiten durch Rituale sozusagen neutralisiert werden. Und Frömming berichtet über die Gleichsetzung von Vulkanausbrüchen auf der indonesischen Insel Flores mit „Eruptionen“ im zwischenmenschlichen Bereich, die das Zusammenleben erschweren oder verunmöglichen. In beiden Fällen wird durch Rituale eine höhere – sakrale – Ordnung hergestellt, in die die menschliche Ebene eingeordnet wird und so ins Gleichgewicht gebracht wird.

Godula Kosack zeigt in ihrem Beitrag, wie eine durch die traditionelle Naturreligion im Norden Kameruns gesellschaftlich benachteiligte Gruppe von Frauen – geschiedene Frauen ohne Söhne, von denen sie im Alter versorgt werden könnten – als Konvertitinnen zum Christentum die Eigenständigkeit bekommen, die sie brauchen, um sich selbst versorgen zu können.

Im Beitrag von Ulrike Krasberg geht es um die Hilfe einer bestimmten Heiligen in Griechenland bei ungewollter Kinderlosigkeit. Zwar könnten die Frauen auch versuchen mit Hilfe künstlicher Befruchtung schwanger zu werden, die Hilfe der Heiligen aber stärkt ihre Eigenständigkeit, sie werden nicht zur passiven Patientin im Medizinsystem. Sie wenden sich lieber an jene Ordnung, in der Leben jenseits des Zeugungsaktes entsteht.

Lioba Rossbach de Olmos schreibt über die kubanische Santería in Deutschland, dass jedes Mitglied in seiner oder ihrer Individualität als Teil der religiösen Gemeinschaft und Ordnung gesehen und gefördert wird. Die Santería weist sich durch große Alltagstauglichkeit aus, was sich auch in den ganz und gar unprätentiös gestalteten Symbolen und magischen Objekten auf den Santería-Altären einfacher Gläubiger wieder spiegelt.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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