DER MÄRTYRER UND DAS PARADIES

Schiitische Megaposter als Ausdruck des normativen Gedenkens

Von Ulrich Marzolph

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Das moderne Teheran. Foto: U. Marzolph

Wer heute nach Teheran, der Hauptstadt der Islamischen Republik Iran, reist, dem wird bereits bei der Fahrt vom westlich der Stadt gelegenen Flughafen ins Zentrum und später an zahlreichen Punkten innerhalb der Stadt ein Phänomen auffallen, das besonders in den späten 1990er-Jahren immer mehr um sich gegriffen hat: Die zu den Straßen hin liegenden fensterlosen Wände der großen Wohnblocks und Geschäftshäuser sind mit großflächigen bunten Darstellungen verziert. Die Darstellungen befassen sich in Bild und Schrift mit unterschiedlichen Themen. Vor allem in den unmittelbar zurückliegenden Jahren scheint die Teheraner Stadtverwaltung beziehungsweise deren Abteilung für Stadtverschönerung sich der Möglichkeiten des Mediums der Megaposter zunehmend bewusst zu werden. Vorrangig sind die Teheraner Megaposter jedoch ein von religiös-politischen Organisationen genutztes Medium, dessen überwiegendes Thema die Darstellung von als Märtyrer (persisch: shahid ) bezeichneten Personen ist, die im Dienste des schiitisch-islamischen Bekenntnisses ihr Leben gelassen haben. Das Gedenken, welches in diesen schiitischen Megapostern zum Ausdruck kommt, macht sie über ihren kunstgeschichtlichen oder ästhetischen Wert hinaus zu Bestandteilen einer von offizieller staatlicher Seite unterstützten Propaganda. Nach dieser wird der Akt des Martyriums im Rahmen der iranisch-schiitischen Erinnerungskultur als konstitutiver Faktor der theokratisch geführten Islamischen Republik Iran verstanden.

Die Megaposter porträtieren meist einzelne Männer, überwiegend solche, die im Krieg mit dem Irak ums Leben gekommen sind. Gelegentlich werden auch zwei Personen abgebildet, seltener kleinere Gruppen von drei, fünf, oder mehr Personen; die zahlenmäßig größte zusammenhängende Gruppe wird durch die neun iranischen Journalisten gestellt, die von den Taliban im afghanischen Mazar-e sharif ermordet wurden. Die beigefügten Texte sind immer relativ kurz. Sie beinhalten in unterschiedlicher Zusammenstellung einerseits die grundlegenden Angaben zur Identifizierung des Bildinhaltes, mithin den Namen des oder der Gefallenen und den Ort oder Anlass des Todes. Andererseits geben sie vor, wie das Bild interpretiert werden soll. Dies geschieht etwa mit einem Zitat aus dem Tagebuch oder Testament der verstorbenen Person, einem Zitat aus dem Koran, oder – häufig – einem programmatischen Ausspruch des früheren oder des jetzigen Führers der islamischen Revolution, Khomeinis oder Khamene’is. Die Porträtierung der Verstorbenen erfolgt meist mit photographischer Genauigkeit, während die Hintergründe eher unspezifisch gehalten sind und oft durch Blau- und Weißtöne Himmel und Wolken suggerieren. Ergänzt werden derlei Ensembles einerseits durch Symbole, vorrangig die Blut und Märtyrertod symbolisierende rote Tulpe oder Rose, sowie durch das Porträt Khomeinis oder die gemeinsame Darstellung Khomeinis und Khamene’is.

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Foto: U. Marzolph

Auftraggeber der meisten Megaposter sind verschiedene religiös-politische Gruppierungen. Schätzungsweise 80% aller Teheraner Megaposter werden im Auftrag der Märtyrerstiftung ( bonyad-e shahid ) angebracht. Das Emblem dieser 1979 – mithin unmittelbar zu Beginn der Islamisierung der Revolution – gegründeten Organisation ist eine geschickte Kombination zentraler Symbole der zeitgenössischen schiitischen Interpretation des Märtyrertums: es enthält den Koran, eine Tulpe (die eine auffällige Ähnlichkeit zu einem Soldatenhelm aufweist) und eine fliegende weiße Taube (als Symbol der Seele) vor einer stilisierten Weltkugel. In einer Zeile, die das Emblem nach oben hin abschließt, steht ein in roter Farbe gehaltener koranischer Spruch, der in seiner vollständigen Form lautet: “Unter den Gläubigen gibt es Männer, die wahr gemacht haben, wozu sie sich Gott gegenüber verpflichtet hatten. Die einen von ihnen haben schon das Zeitliche gesegnet, die anderen haben noch zuzuwarten. Und sie haben nichts verfälscht.” (Sure 33, Vers 23) Damit wird das Märtyrertum im Auftrag des Glaubens zur unmittelbaren Verpflichtung eines jeden Gläubigen erhoben. Der maßgebliche Unterschied zwischen einem Märtyrer und anderen Gläubigen besteht nicht etwa in der Intensität oder Aufrichtigkeit des Glaubens, sondern einzig in der Tatsache, dass der Märtyrer seiner Verpflichtung bereits dadurch nachgekommen ist, dass er sein Leben gelassen hat.

Die für einen säkularen westlichen Beobachter befremdliche Propagierung des Märtyrerwesens fordert zu einer Reihe von Fragen heraus. Vorschnell mag man geneigt sein, die heutige Relevanz des Märtyrergedankens in Iran mit der großen Zahl der Opfer zu begründen, die sowohl die Revolution von 1978/79 als auch der Krieg mit dem Irak 1980–88 gefordert haben. Das Andenken dieser Opfer, die ihr Leben für den Aufbau und den Erhalt des heutigen Staatswesens gegeben haben, scheint Grund genug dafür, den Märtyrern als Helden dadurch Dankbarkeit zu zollen, dass man sich ihrer Opfertat erinnert. Dieser Gedanke ist sicherlich nicht falsch, wird aber der historischen Dimension des Phänomens im schiitischen Iran nicht gerecht.

Historische Hintergründe zu den Megapostern
Das Schisma der islamischen Gemeinde in Schiiten und Sunniten resultiert aus einer einfachen, jedoch folgenschweren Frage, nämlich derjenigen, wer nach dem Tod des Propheten Mohammed im Jahre 632 die Führung der islamischen Gemeinde übernehmen sollte. Da Mohammed weder einen Nachfolger bestimmt hatte noch einen direkten männlichen Nachkommen hinterließ, blieb die Entscheidung zwischen einem würdigen Nachfolger oder einer Person, die sich durch verwandtschaftliche Beziehung und persönliche Bindung zu Mohammed auszeichnete.

Ein offener Streit zwischen den verschiedenen Fraktionen, führte letztlich einerseits zur Etablierung der (sunnitischen) Dynastie der Omayyaden sowie andererseits zur Begründung der Reihe der schiitischen Imame als rechtmäßiger Leiter der islamischen Gemeinde. Die schiitische Position in der Nachfolgefrage ist in der eindeutigen Anerkennung Alis als des einzig rechtmäßigen Nachfolgers des Propheten Mohammed begründet; die Schiiten sind die “Partei Alis” ( shi’at Ali ).

Als Ali im Jahre 661 seinerseits ermordet wurde, fiel nach schiitischer Sicht die Nachfolge automatisch seinem ältesten mit Fatima gezeugten Sohn Hasan zu. Als sich nach Hasans Tod und dem Amtsantritt von Mu’awiyas Sohn Yazid die Nachfolgefrage erneut stellte, machte Alis jüngerer Sohn von Fatima, Husein, seinen Anspruch geltend. Im Jahr 680 zog Husein mit einem kleinen Trupp von Mekka durch die Wüste in Richtung auf das irakische Kufa, von dessen arabischen Stammeskriegern er sich Unterstützung seines Anliegens erhoffte. Husein wurde am 10. Muharram 61 (10. Oktober 680) in der Ebene von Kerbela vom zahlenmäßig weit überlegenen Herr des Kalifen vernichtend geschlagen. Die männlichen Mitglieder seines Klans sowie die unterstützenden Kämpfer wurden regelrecht gemetzelt, ihre abgeschlagenen Köpfe schickte man nach der Schlacht mit den gefangen genommenen Frauen und Kindern zum Kalifen nach Damaskus; der einzige überlebende männliche Nachkomme Huseins war sein Sohn Ali, genannt “Zein al-‘abedin”(Zierde der Gottesdiener). Er führte die Reihe der schiitischen Imame fort.

Huseins Tod in der Schlacht bei Kerbela stellt das zentrale Martyrium des Schiitentums dar, ein Trauma, welches das Denken und Handeln der Schiiten wie kein zweites Ereignis bestimmt. Der Todestag Huseins, der 10. Muharram, gilt den Schiiten als der höchste Feiertag, bei dessen Vorbereitung und Durchführung das Martyrium des Husein in Wort und Tat alljährlich nachempfunden wird. Besonders nach Einführung des Schiitentums als “Staatsreligion” in Iran brachte das Gedenken an das Martyrium Huseins eine reiche Literatur hervor, die das tragische Geschehen mit zahlreichen realen und noch mehr phantastischen Details ausschmückte. Darüber hinaus wurde das Martyrium in individueller Kasteiung bei Trauerprozessionen nachempfunden, in der autochthonen Gattung des oft als “persisches Passionsspiel” bezeichneten ta’ziye mit Schauspielern ausagiert und einem breiten Publikum hundertfach von professionellen Geschichtenerzählern nahe gebracht. Die Geschichtenerzähler nahmen ihrerseits oft Bezug auf bildliche Darstellungen, deren erhaltene Exemplare das Geschehen der Schlacht bei Kerbela oft summarisch zusammenfassen. Derartige bildliche Darstellungen dürfen als thematische Vorläufer der Teheraner Megaposter gelten.

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Foto: U. Marzolph

Was die heutigen Megaposter zu Dokumenten der schiitischen Erinnerungskultur macht, ist ihre vielschichtige, wenngleich nur in Andeutungen erkennbare Verknüpfung mit dem für das schiitische Selbstverständnis konstitutiven historischen Geschehen. Die zentralen Anknüpfungspunkte dabei sind Ali, der vorbildhafte Mensch schlechthin und Husein, der aufrechte Märtyrer, sowie, eher als gelegentliche Randerscheinungen, andere Mitglieder der ahl-e beit , der islamischen “heiligen Familie”, etwa Huseins Mutter Fatima. Das zentrale symbolische Element der Megaposter ist neben dem Blut des Märtyrers, das durch die Tulpe symbolisiert wird, Wasser – denn Wasser spielte auch beim Martyrium Huseins eine zentrale Rolle: wenngleich Husein dem Euphrat nahe war, verweigerten die gegnerischen Truppen ihm den Zugang zum Wasser, sein Wasserträger Abol-Fazl Abbas wurde beim Versuch, mit einem Wasserschlauch zum Fluss zu gelangen, grausam verstümmelt. Durch das historische Geschehen hat das Element Wasser somit eine semiotische Aufladung erfahren, die bei jedem Schiiten unmittelbare Erinnerung an das tragische Geschehen evoziert. Verknüpfungen des Todes der iranischen Soldaten sind aber nicht nur auf das historische Geschehen gerichtet; vielmehr entsteht durch die Verklammerung mit den omnipräsenten Führern der islamischen Revolution, Khomeini und Khamene’i, eine legitimatorische Verknüpfung der Vergangenheit mit der Gegenwart und mehr noch: wird das gegenwärtige Geschehen als normativ für die Zukunft aufgefasst.

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Foto: U. Marzolph

Die Megaposter
Auf einem Megaposter an einer Hauswand, die unmittelbar neben dem niedrigen Eingangspavillion zur Hauptverwaltung der Märtyrerstiftung im Zentrum von Teheran liegt, wird ein gefallener Soldat dargestellt, der seine Maschinenpistole abgelegt hat und demütig vor dem Eingang zum Paradies steht – ein Lohn, der jeden Märtyrer unmittelbar nach seinem Tod erwartet. Das Bild ist im Stil einer klassischen persischen Miniaturmalerei gehalten, der zugehörige Spruch liest sich shahid avval kasi-st ke be behest vared mishavad (”Der Märtyrer ist der Erste, der das Paradies betritt”).


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Foto: U. Marzolph

Ein Poster, das mehrere der genannten Elemente verknüpft, zeigt die in Sterne eingefassten Porträts dreier Märtyrer vor einem Tulpenfeld, flankiert von den beiden Führern der Revolution, und überstrahlt von dem in eine Sonne eingebetteten Schriftzug des Namens Ali. Als Wahlspruch steht ein weiteres Mal der Ausspruch Khomeinis: “Der Märtyrertod ist die Kunst der Männer Gottes!” Das Bild ist bezeichnenderweise an einer der Stellen angebracht, an der die Tanklastwagen der Teheraner Stadtverwaltung Wasser zum Gießen der zahlreichen Grünflächen auftanken. Die Tatsache, dass unmittelbar benachbart ein anderes Bild zum sparsamen Verbrauch von Wasser aufruft – angesichts der gelegentlich notwendigen Wasserrationierung in Teheran ein dringendes Gebot der Stunde – deutet darauf hin, dass bei der Komposition der unterschiedlichen Elemente durchaus eine bewusst planerische Hand im Spiel war.

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Foto: U. Marzolph

Eines der am stärksten emotional anrührenden Megaposter der Teheraner Innenstadt war an einer der stark frequentierten Stadtautobahnen in Richtung der nördlichen Stadtviertel angebracht; es wurde mittlerweile übermalt. Es zeigte ein kleines Mädchen, das eine Rose in der Hand hält und seinen aufgebahrten verstorbenen Vater mit den Worten betrauert: “Mein als Märtyrer verstorbener Vater, keine Rose duftet süßer als das Andenken an dich!” Dem Bild beigegeben war eine Reihe von in achteckigen (“islamischen”) Sternen eingefassten Anrufungen, die das gesamte Spektrum der schiitischen Glaubensrichtung abdecken: Mohammed, dessen Tochter Fatima (Schriftzug Zahra’), Ali, dessen Söhne Hasan und Husein, sowie der in Verborgenheit die Geschicke der Welt bestimmende zwölfte Imam al-Mahdi. Oben rechts war in einer Art Aufriss des Weltalls ein Ausblick auf das Paradies, den zukünftigen Aufenthaltsort des Märtyrers, gegeben. Der Schriftzug sprach den Märtyrern Trost zu, dass ihr Sieg von der Gemeinschaft nicht vergessen werde. Eine erst später vor das Bild gestellte Tafel ergänzte die Interpretationsrichtung Khomeinis, der vor einer mit dem stilisierten Namenszug des Ali verzierten Wand darauf verwies, dass einem Schiiten Ali als ständiges Vorbild dient, “in Frömmigkeit, Gottvertrauen, und Unterstützung für die Unterdrückten” ( shi’e bayad moshaye’at konad Ali-ra [... be zohd, be taqva, be residegi be mazlum] ...).

In ihrer Gesamtheit stellen die Teheraner Megaposter ein ungemein kraftvolles Bekenntnis zum Märtyrertum als eines konstitutiven Elements des Schiitentums dar. Dabei werden religiöse und staatliche Elemente untrennbar miteinander verwoben. Individuen werden durch ihre massenhafte plakative Allgegenwart zu entpersonalisierten, stereotypen Leitbildern, und Individualität wird im normativen Gedenken des Martyriums dem Gemeinwohl untergeordnet. Iran ist nach wie vor eine Gesellschaft im Umbruch. Christlich-europäische Betrachter mögen bei vielen der in Iran anzutreffenden Phänomene zunächst Fremdheit und Unverständnis empfinden. Gerade im Kontext der weltpolitischen Ereignisse des vergangenen Jahres sollte man sich jedoch vor vorschnellen Folgerungen hüten. Auch beim Phänomen der Teheraner Märtyrerposter kann eine detaillierte Betrachtung zu einer differenzierten Sichtweise führen, die letztendlich die Chance eines adäquaten Verständnisses des Fremden birgt.

Dieser Beitrag ist eine gekürzte deutsche Fassung von: Ulrich Marzolph: The Martyr’s Way to Paradise: Shiite Mural Art in the Urban Context. In: "Ethnologia Europaea" 33,2 (2003) 87-98

Weiterführende Literatur

Chelkowski, Peter J. (Hg.) (1979): Ta‘ziyeh: Ritual and Drama in Iran. New York
Chelkowski, Peter; Hamid Dabashi (1999): Staging a Revolution: The Art of Persuasion in the Islamic Republic of Iran. New York
Garthwaite, Gene R. (1991): Popular Islamic Perceptions of Paradise Gained. In: Sheila S. Blair, Jonathan M. Bloom (Hg.) (1991): Images of Paradise in Islamic Art. Hanover, NH: 25–31
Marzolph, Ulrich (2001): Narrative Illustration in Persian Lithographed Books. Leiden/Boston/Köln

Zum Autor

Dr. Ulrich Marzolph ist Professor am Seminar für Arabistik und Islamwissenschaften der Universität Göttingen und Mitarbeiter an der Enzyklopädie des Märchen.





Irankarte
Iran. Karte: E. S. Schnürer

Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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