MODE AUS AFRIKA - MODE IN AFRIKA

Von Ilsemargret Luttmann

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Afrikanische Mode in europäischen Kulturtempeln. Foto: K. Saal

Über die afrikanische Mode herrschen hier im Westen nur diffuse Vorstellungen. Die Kleiderstile, die uns in Verbindung mit Afrika als typisch vorschweben, sind exotisch oder folkloristisch und werden in den seltensten Fällen als modisch empfunden. Mode sehen wir als eine Erfindung der westlichen Kleiderwelt. Dass es sehr wohl Mode in Afrika gibt und sogar eine afrikanische Haute Couture, zeigen gerade in der letzten Zeit Filmreportagen, Ausstellungen und Modeschauen. Welches Bild von der Mode in Afrika vermittelt die afrikanische Haute Couture? Gibt es einen Unterschied zwischen Mode aus Afrika und Mode in Afrika?

Die afrikanische Mode im Dokumentarfilm
Eine größere öffentliche Aufmerksamkeit hat die afrikanische Mode hier in Deutschland insbesondere durch die 2003 und 2004 auf ARTE ausgestrahlten Dokumentarfilme über den nigrischen Modemacher Alphadi ( Der Modedesigner aus der Wüste , von Roberto Lugones, Deutschland/Frankreich 2004) und die senegalesische Kostüm- und Modekünstlerin Oumou Sy ( Oumou Sy. Die Grande Dame der afrikanischen Mode , von Susan Chales de Beaulieu und Claudia Dejá, Deutschland 2003) erfahren. Die Filme zeigten opulente Bilder einer exotischen Mode, die in saftigen Farben schwelgt, faszinierende, handwerklich hergestellte Stoffe verwendet und diese in unendlicher Vielfalt und großen Mengen verarbeitet. Es ist eine Mode, die durch ihren spielerischen Geist und ihre ungenierte Übertreibung beeindruckt. Im Gegensatz zu der bei uns von Understatement und dezenter Eleganz geprägten Mode haben wir es hier mit ausladender Fülle, bewusster Inszenierung und Lust zu tun. Unserer industriell-technischen Perfektion und anonymen Massenproduktion stehen dort traditionelle Herstellungstechniken und Individualität gegenüber. In den Filmen wird der Bezug zur afrikanischen Realität durch die mit den Künstlern geführten Interviews in ihren Ateliers, in ihren Familien und in ihrem sonstigen Lebensumfeld hergestellt. Der Fokus der Dokumentarfilme liegt auf den individuellen Biografien und der Präsentation der herausragenden künstlerischen und organisatorischen Leistungen der Modemacher, die angesichts der rudimentären Strukturen von Kapazität und Technologie der Produktion, Vermarktung und lokaler Kaufkraft in ihren jeweiligen Heimatländern eine umso größere Bewunderung hervorrufen.

Die afrikanische Mode als konsumierbares Kulturprodukt
Die beiden Designer Oumou Sy und Alphadi sind schon seit mehr als zwei Jahrzehnten in ihrem Geschäft erfolgreich und haben dazu beigetragen, der afrikanischen Mode internationale Anerkennung zu verschaffen. Während Oumou Sy durch die grandiosen karnevalesken Modeumzüge in den Straßen Dakars für Aufsehen sorgte und Auszeichnungen für ihre Film- und Theaterkostümentwürfe erhielt, gilt Alphadi als der Initiator und Organisator des spektakulären Modeevents Fima (Festival international de la mode africaine) , das nun schon zum fünften Mal in Kooperation mit internationalen Modestars in der Wüste in der Nähe von Agadez/Niger stattfand.

In Anerkennung dieser öffentlichkeitswirksamen Leistungen, die die afrikanische Modeproduktion auch in wirtschaftlicher Hinsicht gestärkt haben, sind sie - zusammen mit weiteren afrikanischen Persönlichkeiten aus dem Designbereich - 1999 von der niederländischen Prinz-Claus-Stiftung geehrt worden. Die begleitende Ausstellung, die der Öffentlichkeit im Reichsmuseum Leiden vorgeführt wurde, wanderte anschließend in die Ifa-Galerie in Stuttgart, die dann auch die erste deutschsprachige Publikation ( Sand und Seide. Mode made in Afrika ) zu dem Thema afrikanische Mode herausbrachte. Fünf Jahre später war eine große Werkschau der vielschichtigen Arbeit von Oumou Sy im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg zu sehen. Im Unterschied zur Prinz-Claus-Stiftung, die entsprechend ihrem aufklärerischen Auftrag den vorzüglichen Band The Art of African Fashion herausgab, um den historischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Kontext von Mode in Afrika nachzuzeichnen, konnte man hier im Museum nur das auf den exotischen Schein reduzierte Kunstprodukt bestaunen.

In Frankreich engagierte sich schon früh der Verlag Revue Noire für die afrikanischen Mode- und Schmuckdesigner und brachte 1997 eine Sondernummer der gleichnamigen (anspruchsvollen) Kulturzeitschrift heraus, in der die namhaftesten unter ihnen vorgestellt wurden. Im letzten Jahr beteiligte sich das staatliche französische Kulturprogramm Afrique en créations sogar unmittelbar an der Gestaltung der Fima in Agadez, indem es junge afrikanische Nachwuchsdesigner prämierte.

Die späte Rezeption der afrikanischen Mode
Die Rezeption der afrikanischen Mode in Europa setzt mit vielen Jahren Verspätung ein, vor allem wenn man bedenkt, dass der Modeboom in Westafrika bereits Ende der Siebzigerjahre ausbrach. Die Gründe dafür liegen auch in unserem eigenen ambivalenten Verhältnis zu Mode und körperlichen Inszenierungen, die nur in distanzierter Form - als Kunst, Ironie, Rebellion oder Pervertierung - geduldet werden. Der intensive Modekonsum in Afrika wurde von westlichen Beobachtern zum Teil mit großem Unbehagen zur Kenntnis genommen und als tragische kapitalistische Irreleitung gedeutet. Wie bedeutsam Kleidung und Selbstdarstellung mittels materieller Symbole in Afrika von jeher waren und wie sie als Ausdrucksmittel von Ambitionen und Selbstverständnis eingesetzt wurden und werden, danach wird auch in den Afrika-Wissenschaften erst in jüngster Zeit gefragt. Nur dadurch, dass man die aktuelle Modeentwicklung und ihre spezifische Produktion aus der Perspektive der Kunst- und Kulturgeschichte Afrikas betrachtet, kann ihre Bedeutung als Artikulation von Modernität erkannt werden. Ansonsten bleiben nur Verständnislosigkeit oder Faszination und das Gefühl von Exotik.

Mode aus Afrika versus Mode in Afrika

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Moderne Selbstdarstellung eines "chief" in Nigeria, Foto: Daniel Lainé, African Kings, Berkely-Toronto 2001, S. 67

Welches Bild wird dem Zuschauer oder Museumsbesucher von der Mode in Afrika vermittelt? Was erfahren wir darüber, wie sie aussieht, wer sie kreiert und herstellt, auf welchen Vorbildern sie beruht? Wer trägt was und wo? Indem uns in den Medien und Kulturpalästen individuelle Modedesigner vorgestellt werden, bleiben diese Fragen unberücksichtigt, aber auch deren eigene Inspirationsquellen und kulturell geprägtes Verständnis von Kleidung und Ästhetik werden nie thematisiert.

Wenn wir es in Modeschauen mit elitärer Haute Couture zu tun haben, dann ist das Designerprodukt Mode nicht unbedingt auf die gängigen Trends der Alltagsmode übertragbar. Die in Europa bekannten afrikanischen Designer konzipieren darüber hinaus eine Form afrikanischer Mode, die sich an externe Adressaten wendet. Die Nachfrage nach ihren Kollektionen, sei es als Konsumgut oder als Ausstellungsobjekt, kommt vornehmlich aus dem Westen, ebenso wie ihre Anerkennung als Couturier einzig und allein durch westliche Kulturmanager und den westlichen Kulturmarkt erfolgt. Somit hat sich eine Art parallele Modeszene entwickelt, in der andere ästhetische Maßstäbe gelten als für den Kleidungsstil der afrikanischen Elite und der städtischen Mittelschicht. Charakteristisch für die Modekreationen von Oumou Sy und Alphadi - das gilt ebenso für viele andere wie Nawal El Assad (Côte d'Ivoire), Angy Bell (Côte d'Ivoire), Pépita D. (Benin), Colé Ardo Sow (Senegal) - ist der demonstrative Einsatz des afrikanischen Textilkulturerbes. Allerdings tauchen die ethnisch-kulturellen Ausdrucksformen nicht mehr isoliert und getrennt auf, sondern sie werden zu einem Stilmix verarbeitet und zu einem neuen Produkt zusammengefügt. Durch die Haute Couture ist es zu einer Aufwertung handwerklicher Textilprodukte und Herstellungsverfahren gekommen, wovon die Stickerei, die Weberei, die Reservefärbetechnik und andere Formen der Textilbemalung profitiert haben. Die so konstruierten Modelle könnten den Eindruck eines neotraditionalistischen oder ethnischen Stils erwecken, der durch die Kombination mit massiven Accessoires verstärkt wird. In Wirklichkeit handelt es sich aber nicht um die Reproduktion alter Stile, sondern um einen spielerischen, manchmal auch ironischen, immer aber auch ehrfürchtigen Umgang mit dem materiellen Kulturerbe. Das Wissen um diesen subjektiv gestalteten Umgang mit den tief verankerten und reichen Textil- und Kleidertraditionen Afrikas wird jedoch den Museumsbesuchern und dem Fernsehpublikum vorenthalten.

Individuelle Mode aus den Schneiderateliers

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Der "Yves Saint-Laurent" in Bamako. Foto: U. Bossler

Modeschauen, die von den städtischen Eliten in Afrika als prestigeträchtiges Freizeitgut konsumiert werden, bilden die Schnittstelle zwischen Haute Couture oder Designermode und lokaler Mode. Bilder der Modeschauen finden sich in den verschiedenen lokalen Modezeitschriften wieder und dienen dort als Vorlage und formale Anregungen für die in den Ateliers geschneiderte Mode. Ideengeber sind aber auch die Kleidung der Schauspieler aus brasilianischen Telenovelas, koreanische Modekataloge, die französische Modezeitschrift Vogue und die Bühnenkleidung beliebter MusikerInnen. Kleidungsstile aus benachbarten Ländern werden kopiert oder die der eleganten Frauen auf den Totengedenkfeiern oder Namengebungsfeiern. Schneiderateliers sind Kreativwerkstätten, wo aus der Begegnung von Menschen, Ideen, Geschichte und Materialien eine lokale Mode entsteht. Sie wird individuell für jeden Kunden und jede Kundin zugeschnitten, und kein Modell wird es zweimal geben. Die handwerkliche Anfertigung garantiert die Originalität, die auf der Nachahmung beruht. Die Kopie versucht, das Original zu übertrumpfen, und setzt damit neue Maßstäbe. Unter diesen Bedingungen hat der Wert des Modelabels, das im Westen ein Zeichen von Originalität und damit Qualität ist, keine große Bedeutung, zumal es auch noch teuer bezahlt werden muss. Diese Umkehrung des Gegensatzes von Original und Kopie findet sich auch in der industriellen Stoffproduktion, wo dem hoch geschätzten originalen holländischen wax print ein garanti véritable imi-wax (= garantiert echte Wachs-Imitation), hergestellt in Afrika oder auch Asien, zur Seite gestellt wird.

Mode und Tradition
Die Modeszene in Afrika setzt sich aus Kleiderstilen zusammen, deren kulturelle und geografische Ursprünge sehr unterschiedlich sind. Sie sind in kulturellen oder so genannten traditionellen Kontexten verankert, zugleich sind sie jedoch auch Träger von Modebotschaften und sinnlich-erotischen Anspielungen. Diese Doppeldeutigkeit und Gleichzeitigkeit von Geschichte, Kultur und Symbol auf der einen Seite und Kurzlebigkeit, Willkür und modischem Formenspiel auf der anderen Seite machen die besondere Logik der Entwicklung der afrikanischen Kleidermode aus. Hier bedeuten Mode und Tradition keine Gegensätze. Vielmehr wird Tradition als ein flexibles Potenzial angesehen, das den aktuellen Bedürfnissen immer wieder neu angepasst wird.

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Der boubou als Träger von Modebotschaften

Nehmen wir zum Beispiel den boubou , das weite Gewand, bestehend aus einem großen Rechteck, das in der Mitte ein rundes Loch als Halsausschnitt hat und meistens knöchellang ist. Dieses Kleidungsstück geht auf den arabisch-islamischen Einfluss zurück, denn mit der Islamisierung Westafrikas seit dem elften Jahrhundert kam auch der Kaftan, ein langes, locker herunterfallendes Hemdkleid, aus dem sich im Laufe der Jahrhunderte die spezifisch westafrikanische Form des grand boubou entwickelte. Dieser stellte zunächst ein reines Männergewand dar, wurde später dann aber auch von den Frauen adaptiert. Die Männer tragen darunter eine Hose und ein langärmeliges Hemd aus demselben Stoff und die Frauen einen gewickelten Rock. Ursprünglich signalisierte er die Religionszugehörigkeit, die einen hohen gesellschaftlichen Wert besaß. Das den Körper verhüllende Gewand aus hellem Stoff entsprach den islamischen Geboten der Demut und Bescheidenheit. Dennoch wurde schon immer viel Arbeit und Sorgfalt in die ästhetische Aufwertung investiert, indem der Halsausschnitt (wie auch die Brusttasche bei den Männern) mit einer aufwendigen Stickerei versehen wurde, die natürlich die Blicke der Betrachter anziehen sollte.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als verstärkt kostbare Damaststoffe aus Frankreich, Österreich, Deutschland und der Schweiz nach Westafrika exportiert wurden, entwickelte sich die Mode des grand boubou für Frauen als Ausdruck von Weiblichkeit und Eleganz. Der in Europa für Bettwäsche und Tischdecken verwendete Damast, der vor Ort von spezialisierten Handwerkerinnen gefärbt wurde, galt als das bevorzugte Material, um sowohl die religiösen Werte der Würde und Reinheit auszudrücken als auch dem Bedürfnis nach sinnlicher Ausstrahlung Rechnung zu tragen. Im Rahmen des in den Achtzigerjahren einsetzenden Moderauschs triumphierte gerade der boubou (andere in Afrika entwickelte Kleidungsstile wie die ndoquette , die taille basse, der kaba erlebten ebenso einen ungeheuren Aufschwung) als Inbegriff des femininen Modestils, der entsprechend den Gesetzen des Modemarktes in immer neuen Abwandlungen auftauchte. Nicht der Kleidertypus stand zur Debatte, sondern das Material, die Farbe, die Färbetechnik, der Halsausschnitt, die Länge, die Stickerei, die Accessoires ...

Während also der boubou in religiösen Kontexten weiterhin seine symbolische Rolle spielt, hat er sich in anderen gesellschaftlichen Situationen zu einem Instrument der Modesprache entwickelt. Seine Bedeutung ist kontextabhängig. Diese Vieldeutigkeit lässt sich auch bei den anderen so genannten traditionellen Kleidertypen beobachten.

Mode in Afrika als Sprache der Frauen
Der Rückgriff der aktuellen Frauenmode in Westafrika auf Kleiderstile aus der vorkolonialen Zeit ist einerseits als Reaktion auf die zerstörerische koloniale Kleiderpolitik zu verstehen: Der kolonialen Demütigung wird die Dynamik des vorkolonialen Kulturerbes entgegengehalten. Andererseits nutzen die Frauen aber auch das Potenzial der Mode, um sich ihren Wünschen von modernem Konsum und modernem Lebensstil, wie sie ihn verstehen, hinzugeben. Und die Form, die sie dafür gewählt und kreiert haben, ist afrikanisch, traditionell im Sinn von anpassungsfähig und mit vielen globalen Einflüssen versehen.



Weiterführende Literatur

Jean Allman (Hg.) (2004): Fashioning Africa. Power and the Politics of Dress, Bloomington-Indianapolis Ilsemargret Luttmann (2006): Der Modeboom in Westafrika: lokale und globale Einflüsse, erscheint in Baessler Archiv Ilsemargret Luttmann (Hg.) (2005): Mode in Afrika: Mode als Mittel der Selbstinszenierung und Ausdruck der Moderne, Hamburg: Museum für Völkerkunde Els van der Plas (Hg.) (1998): The Art of African Fashion, Trenton, Asmara Leslie Rabine ( 2002): The Global Circulation of African Fashion, New York, Oxford: Berg

Zur Autorin

Dr. Ilsemargret Luttmann beschäftigt sich seit vielen Jahren mit afrikanischer Mode. Mehrjährige Studien- und Arbeitsaufenthalte in Westafrika. Kuratorin der Ausstellung „Mode in Afrika“ im Museum für Völkerkunde, Hamburg, vom 15.9.-12.10.2005.
E-Mail: iluttmann@yahoo.fr


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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