Eine ethnographische Erzählung über den indischen „Stamm“ der Birhor

Von Markus Schleiter

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Bewohner der Birhor-Siedlung Durdura und Gäste bitten um ein Auftragsfoto! Foto: M. Schleiter

„Heute tanzen wir die ganze Nacht! Wir Birhor arbeiten viel, und wir müssen in den Wald gehen. Deswegen trinken und tanzen wir jede Woche von Dienstag an“, erklärt mir Lugu im September 2001. Er ist Angehöriger der indischen „Stammesgruppe“ der Birhor. Shyam, ein Freund aus der zwei Busstunden entfernt liegenden Kleinstadt Rairangpur, und ich unterhalten uns mit Lugu über den heutigen Abend. Lugu redet weiter. Es ist ihm anzusehen, dass er sich auf das Fest freut. „Wir Birhor tanzen jede Woche auf dem akrar , unserem Tanzplatz. Kommt, lasst uns vorher noch rüber zu den Santal gehen und Reisbier trinken!“

Wir gehen durch die Siedlung in Richtung des benachbarten Santal-Dorfes, vorbei an kleinen, engen Häusern, alle von der gleichen Größe, die meisten schon etwas baufällig, bedeckt mit einem rostigen Wellblechdach. Die indische Regierung hat sie vor 13 Jahren errichtet. Fast alle 70 Bewohner des Dorfes sitzen draußen vor ihren Häusern, die an zwei sandigen Wegen aufgereiht sind, umgeben von viel Grün infolge der Regenzeit. Ein Mädchen ruft mir zu: „Tanzen wir?“ Ich antworte wie es mir beigebracht wurde: „Wir tanzen!“ Eine alte Frau, die in einer Gruppe älterer Frauen steht, ruft mit knarrender Stimme zu mir herüber: „Lerne unsere Sprache, wir können dich sonst nicht verstehen. Wer wird dir zuhören, wenn nicht wir!“

Heute war Markttag in Jashipur, einer Kleinstadt im indischen Bundesstaat Orissa, gelegen am National Highway 6 von Kalkutta nach Madras. Viele aus dem Dorf sind heute die zehn Kilometer zum Markt gelaufen, um ihre Produkte zu verkaufen. Die Siedlung Durdura befindet sich am Rande des Similipal-Nationalparks. Sie liegt inmitten von hellgrünen Reisfeldern, hier und da unterbrochen von kleinen Wäldern und Dörfern der verschiedenen „Stammesgruppen“. Lugu ist 25 Jahre alt, verheiratet und hat eine Tochter und einen Sohn. Er lebt von der „traditionellen“ Beschäftigung der Birhor, dem Herstellen von Schnüren aus der Rinde des Bauhinia-Schlingbaumes. Die nächsten zwei Tage wird er nicht arbeiten. Heute hat seine Frau alle Schnüre verkauft, im Gegenzug Reis und Gemüse für die Woche eingekauft.

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Sukurmuni Murmu und Thanjhiri Murmu aus der Birhor-Siedlung Durdura üben dort unter Anleitung ihrer Großmutter neue ‚moderne’ Santal-Tänze, die sie zuvor auf einem nächtlichen Dorftheater-Wettstreit gesehen haben. Foto: M. Schleiter

Shyam, mein Freund aus Rairangpur, und ich sind seit einer Woche hier. Wir haben ein Haus in der Siedlung bezogen, wo schon eine Maus wohnt und wohl auch ein paar Ratten. Wir haben diesen Ort gewählt für eine ethnologische Feldstudie zu den Birhor. Vor vier Jahren studierten Shyam und ich gemeinsam anthropology an der Utkal University in Bhubaneswar, der 250 Kilometer entfernt gelegenen Hauptstadt Orissas. Damals besuchten wir diese Siedlung das erste Mal für vier Tage. Inzwischen ist Shyam verheiratet und hat seit einem Jahr eine Tochter. Als Angehöriger der Santal-„Stammesgruppe“ versteht er die Sprache der Birhor, während ich mich mit den Bewohnern der Siedlung noch vor allem in Oriya, der Staatssprache Orissas, unterhalte.

Allmählich wird es dunkel, nur der Mond beleuchtet das Dorf. Die Grillen zirpen laut in dieser Nacht. Viele Bewohner sitzen vor ihren Häusern und singen oder diskutieren lautstark. Immer mehr Menschen versammeln sich in der Dorfmitte. Sie sitzen in Gruppen um den Platz, an dem sich die beiden Wege des Dorfes treffen. Auch Besucher aus den Nachbardörfern erscheinen. Die Tanzfeste der Birhor sind vor allem bei jungen Männern der Santal beliebt. Heute sind die unverheirateten Frauen aus der dreißig Kilometer entfernt liegenden Birhor-Siedlung bei Kendumundi eingeladen. Gobora, in dessen Haus wir bei unseren ersten beiden Besuchen in der Siedlung zu Gast waren, verabschiedet sich von uns: „Ich habe Kopfschmerzen, ich gehe schlafen, damit es mir morgen wieder besser geht.“ Noch nie habe ich ihn tanzen gesehen.

In diesem Moment beginnen fünf Mädchen, die sich eng zusammengestellt haben, ein Lied in sehr hoher Tonlage zu singen:
„Zuviel Matsch, zuviel Wasser auf dem Weg,
Mädchen, ich werde mit dir kommen,
Frage deine Mutter, frage deinen Vater,
Mädchen, ich werde mit dir kommen.“
Junge Männer aus dem Dorf haben sich ebenso als Gruppe zusammengestellt. Sie wiederholen die eben gehörte Strophe des Liedes. Daraufhin beginnen die Mädchen die nächste Strophe, die wiederum von den Jungs wiederholt wird. Lugu sagt zu mir: „Das ist ein Birhor-Lied. Wirst Du tanzen?“ Noch zwei weitere Strophen werden abwechselnd gesungen. Dann beginnt ein junger Mann namens Adivasi auf der umgehängten Handtrommel den Takt zu geben. Er geht langsamen Schrittes auf dem Tanzplatz umher. Alle Tänzer folgen ihm und fassen sich an den Händen. Eine lange Menschenkette, angeführt von kleinen Mädchen und Jungen bis zu alten Frauen und Männern des Dorfes, bildet sich. Lugu schiebt mich zwischen zwei jungen Frauen – meist wechseln sich junge Männer und Frauen in der Reihe ab – und ich versuche, allerdings vergeblich, Rhythmus und Schritte nachzuahmen. Dennoch scheinen sich alle zu freuen, dass der Gast mit ihnen tanzt. Nach einigen Minuten ist das Lied zu Ende. Lugu erklärt mir: „Nun wird wieder gesungen. Das ist wieder ein Birhor-Lied.“ Der Abend nimmt seinen Lauf. Von Zeit zu Zeit gehen Lugu und ich zur Gruppe der Santal. Viele der Birhor treffen sich hier immer wieder, um das ausgeschenkte Reisbier zu genießen.

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Vor einem Interview mit Gobora Murmu und Soben Murmu in der Birhor-Siedlung Durdura. Foto: Shyam Hembram

Am nächsten Morgen nehmen Shyam und ich uns vor, einige Liedtexte der Birhor aufzuschreiben.
„Gobora, kennst du die Texte der Birhor-Lieder?“
„Ich kann nicht singen, fragt Lugu und Ranjen.“
Mit Stift und Heft in der Hand suchen wir nach den beiden.
„Ranjen, wir wollen die Liedtexte von gestern Abend niederschreiben. Kannst du uns helfen?“
„Ich muss erst etwas trinken, gebt mir ein paar Rupien für Reisbier, dann kann ich die Lieder wieder singen.“
Wir einigen uns auf zehn Rupien und Ranjen leiht sich Goboras Fahrrad, um zwei Flaschen Reisbier zu holen. Zusammen mit Lugu, der sich bereit erklärt hat, uns zu helfen, warten auf seine Rückkehr. Ein kleiner Junge kommt vorbei. Ich frage ihn nach seinem Namen.
„Mein Name ist Officer.“
Ich staune etwas und wende mich fragend an Lugu und Shyam:
„Er heißt wirklich so, er wurde geboren, als der für die Entwicklung dieses Dorfes zuständige officer gerade hier war.“
Von ferne hören wir Motorengeräusche. Auf zwei Motorrädern treffen drei gut gekleidete Herren ein. Der Ältere mag ungefähr fünfzig Jahre alt sein, die anderen beiden sind vielleicht 25. Ersterer stellt sich mir vor. Er ist Ethnologe aus Bhubaneswar und will hier herausfinden, ob ein staatliches Alphabetisierungsprogramm erfolgreich war. Ich bin froh, dass er gerade in dem Moment kommt, als ich mit Stift und Zettel, wie es sich für einen ernsthaften Ethnologen gehört, beginne, mir Notizen über die Kultur der Birhor zu machen. Meine Tanzeinlagen gestern Abend hätten sicherlich nicht dazu beigetragen, einen guten Eindruck zu machen. Aber nun fürchte ich, dass Ranjen mit den Bierflaschen in der Hand zurückkommt. Alkohol gilt an indischen Universitäten als sehr verwerflich. Doch ich brauche mir keine Sorgen zu machen. Ranjen kommt später ohne Bier zurück.

Der indische Ethnologe stellt sich vor ein paar herumsitzende Bewohner der Siedlung. Für einige Zeit redet er mit lauter Stimme, schaut dabei aber nicht die Sitzenden an, sondern blickt über ihre Köpfe hinweg in Richtung der Berge. Die kleine Gruppe Umhersitzenden erweckt auch nicht den Eindruck, als ob ihre Aufmerksamkeit dieser Rede gilt, aber es unterbricht ihn niemand. Er hat ein kleines, buntes Heft in der Hand. Das ist das Unterrichtsmaterial eines neuen Schreibkurses für das ländliche Orissa. Am Ende fragt er, ob jemand das Heft schon gesehen habe, es soll in ganz Orissa verfügbar sein. Aber niemand kennt es.

Als der Ethnologe und seine Begleiter nach einer Stunde wieder abgefahren sind, erzähle ich Ranjen von meinen Befürchtungen mit den Bierflaschen. Er grinst:
„Mach dir keine Sorgen, ich habe die Motorräder gehört und das Bier weiter vorne abgestellt.“
Eilig bringt er die Flaschen herbei, und so kann die Arbeit beginnen. Wir bitten Ranjen und Lugu uns die Liedtexte von den Birhor-Liedern des gestrigen Abends aufzuschreiben.
„Ich kenne keine Birhor-Lieder.“
„Aber Lugu, gestern hast du die ganze Zeit Birhor-Lieder gesungen, wie du sagtest.“
„Nein, das war ein Lied von den Santal. Ich habe das nur gesagt, weil wir Birhor die Lieder getanzt haben. Die Birhor sind immer von Ort zu Ort gezogen und dabei haben wir Lieder von den anderen Stämmen gelernt.“
„Ranjen“, frage ich verwirrt weiter, „ihr singt also keine eigenen Lieder?“
„Nein, ich kenne kein einziges Birhor-Lied. Oft kommen Besucher, die Lieder singen. Diese lernen wir dann. Wenn ihr wollt, kann ich euch auch ein Lied der Kolho vorsingen, das ich von einem Freund gelernt habe, als ich noch in der Schule war.“

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Tänze am Morgen nach einer nicht-arrangierten Doppelhochzeit aus Anlass des ‚Eindringens’ von zwei Schwestern in das Haus von zwei Brüdern in der Birhor-Siedlung Durdura im November 2001. Foto: M. Schleiter

Wenn niemand Birhor-Lieder kennt, gibt es offensichtlich auch keine eigenen Lieder bei den Birhor, überlege ich. Die Birhor scheinen ein „Stamm“ ohne die „Tradition“ eigener Lieder zu sein. Aber warum gibt es sie nicht? Das ist eine interessante Forschungsfrage! – Bestens. Ich frage Shyam, ob er das gestern gehörte Santal-Lied kennt. Er sagt:
„Die Sprache ist schon Santali, aber so singen wir keine Lieder. Santal-Lieder sind sehr poetisch, aber hier wiederholen sie immer nur ein paar Zeilen. Sie singen alles falsch.“
Es sollten eineinhalb Jahre vergehen, bis mir vollkommen unerwartet wieder „traditionelle“ Birhor-Lieder vorgesungen wurden. Diese enthielten Worte aus zwei verschiedenen Sprachen, nämlich der Ho-Sprache und dem Birhori.
„Das sind unsere Birhor-Lieder, wir singen sie immer schon“, erklärt eine alte Frau.
„Woher kennst du Sie?“
„Woher kennst du deine Lieder? Unsere Eltern und Großeltern haben sie uns vorgesungen.“

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Baha Bonga (Salbaum-Blütenfest) in der Birhor-Siedlung Durdura am 21. 3. 2002. Foto M. Schleiter

In der ethnographischen Literatur zu den Birhor finden deren Tänze und Lieder seit 1888 – allerdings ausschließlich als „althergebrachte Tradition“ – Erwähnung. Die frühen ethnographischen Berichte zu Indien stammten oftmals von britischen Armeeoffizieren und Administratoren und dienten zur Klassifizierung der einheimischen Bevölkerung. Darin wurde über einen generalisierenden Schreibstil – unter anderem mittels durchgehender Verwendung der 3. Person des Präsens – die Illusion kategorisierbarer kultureller Gruppen wissenschaftlich untermauert. Lieder und Tänze erscheinen auf diese Weise unverändert aus uralten Zeiten übernommen worden zu sein, und damit werden auch Angehörige der Birhor zu einem Überbleibsel einer unbestimmbaren Vergangenheit stilisiert. Diese Darstellungen führen in der Gegenwart dazu, dass Angehörigen der Birhor nicht zugestanden wird, mit ihrer „modernen“ Umgebung zurecht zu kommen. Regierungsbeamte begründen darüber ihre paternalistische Schutzfunktion und rechtfertigen im gleichen Moment die Vernachlässigung ihrer Arbeit und die fortdauernde Armut der Birhor als Folge deren kulturellen Unvermögens.

Mein Anliegen ist es, im Gegensatz dazu, über eine ethnographische Erzählung den singulären Charakter von Festen herauszustellen und die Handlungsmacht individueller Personen darzustellen. In gleichem Maße soll mithilfe dieser Erzählung der Kontext ethnologischer Wissensgewinnung gezeigt werden. Ebenso werden auf diese Weise die Verbindungen zu Staatsbediensteten und Nachbargruppen offensichtlich. Letztendlich widerspricht dann allerdings eine alte Frau aus der Siedlung dieser neuen Sicht auf die Birhor, indem sie mir „traditionelle“ – gar zweisprachige – Lieder präsentiert. Andererseits zeigt gerade dies in Gegenüberstellung zu den anderen geschilderten Meinungen, dass bei den Birhor wie in vielen anderen Kontexten erhebliche Widersprüche in der Sicht auf die eigene „Tradition“ bestehen. In einer konventionellen Ethnographie bleibt dem Ethnologen die Entscheidung, wessen Meinung er als einzig Richtige autorisiert. In diesem Text kann sich der Leser erst einmal, so er will, an postkolonialer Widersprüchlichkeit und Vielfalt erfreuen, anstatt sich an fortwährenden Romantisierungen einer vagen „Ursprünglichkeit“ zu beteiligen.

Teile dieses Beitrages sind eine Vorabveröffentlichung aus der Monographie: Schleiter, Markus (2007): Der indische ‚Stamm’ der Birhor im Spiegel des kolonialen und postkolonialen ethnographischen Schreibens. Heidelberg: Draupadi.

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Indien. Karte: E. Schnürer, Museum der Weltkulturen


Weiterführende Literatur

Adhikari, Ashim Kumar (1984): Society and World View of the Birhor: A Nomadic Hunter and Gathering Community of Orissa. Kolkata: Anthropological Survey of India
Dash, Jagannatha (1998): Human Ecology of Foragers: A Study of the Kharia (Savara), Ujia (Savara) and Birhor in Similipal Hills. New Delhi: Commonwealth Publishers
Driver, W. H. P. (1888): Notes on some Kolarian Tribes: Asurs, Birijiyas, Birhors, Khariyas. Journal of the Asiatic Society of Bengal 57 (1). S. 7–18
Fuchs, Martin; Eberhard Berg (1993): Phänomenologie der Differenz: Reflexionsstufen ethnographischer Repräsentation. In Eberhard Berg, Martin Fuchs (Hg.): Kultur, soziale Praxis, Text: Die Krise der ethnographischen Repräsentation. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S. 11–108
Pels, Peter; Oscar Salemink (Ed.) (1999): Colonial Subjects: Essays on the Practical History of Anthropology. Ann Arbor: University of Michigan Press Roy, Sarat Chandra (1978): The Birhors: A Little-known Jungle Tribe of Chota Nagpur. Ranchi: Man in India Office (1925)
Sahu, Chaturbhuj (1998): Primitive Tribes of India: An Ethnographic Profile. New Delhi: Sarup & Sons
Schleiter, Markus (2005): Enduring Endangerments: Constructing the Birhor ‚Tribe’, Development Officers and Anthropologists from Early Twentieth-Century Colonial India to the Present. In: Huggan, Graham und Stephan Klasen (Ed.): Perspectives on Endangerment. Leipzig: Olms, S. 71-82

Zum Autor

Dr. des. Markus Schleiter ist zur Zeit Lehrbeauftragter im Fach Ethnologie an der Universität Frankfurt und am Südasien-Institut in Heidelberg. Er hat in München zum Thema des ethnographischen Schreibens über die Birhor promoviert und insgesamt ein Jahr Feldstudien in Siedlungen der Birhor in Mayurbhanj, Orissa, Indien durchgeführt.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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