Einige Gedanken zum indischen Kastensystem

Von Ulrich Oberdiek

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Ein Brahmane in einem Pilgerort Nordindiens, vor den in Tücher eingeschlagenen Pilgerbüchern seiner Familie, in denen seit Generationen die Pilger aufgezeichnet sind, die den Ort besucht haben. Der Brahmane war als Rechtsanwalt tätig. Foto: U. Oberdiek

Das so genannte Kastensystem Indiens hat immer wieder die Aufmerksamkeit fremder Beobachter auf sich gezogen, seit portugiesische Seefahrer des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts das Wort „casta“ (Stamm, Klan, Linie, Abstammungsgruppe) zum ersten Mal für die stark voneinander abgegrenzten Gruppen verwendeten. Im Zuge der Unabhängigkeit Indiens wurde das Kastensystem offiziell schon 1947 „abgeschafft“. Gibt es also überhaupt noch Kasten und das Kastensystem? Offenbar ja, denn sicherlich weit über 90 Prozent der arrangierten Ehen werden innerhalb der eigenen Unterkaste geschlossen, was meist informell und „mündlich“ vereinbart wird. Aber auch in den indischen Tageszeitungen werden Ehegesuche nach Kasten geordnet: Brahmanen, Marwari (Händlerkasten), Punjabi (Sikhs, Kshatriyas) et cetera. Darüber hinaus gibt es eine - kleinere - Sektion mit der Überschrift "Green Card Holders", also Personen, die eine Arbeitserlaubnis für die USA besitzen, eine sehr begehrte Kategorie, die aber quantitativ nicht ins Gewicht fallen dürfte, und es gibt sogar die Charakterisierung "Kaste kein Hindernis!".

Kastenstrukturen
Während die vier varnas , Großgruppen (Brahmanen, Kshatriyas, Vaishyas, Shudras), eher den Charakter von Ständen haben (Priester/Lehrer, Herrscher/Soldaten/Beamte, Händler, Arbeiter/Handwerker) und eine Art Wertehierarchie darstellen, richtet sich die interne Heiratsordnung nach den Unterkasten oder jatis .

Jati (Kaste, auch Geburt) ist die feinere Unterscheidung, die im Alltagsleben von Bedeutung ist. Traditionell wird nur innerhalb der jati geheiratet (Endogamie). In den meisten Fällen kann man sagen, welchem varna man eine jati zuordnen kann, und oft auch, ob die jati in diesem varna einen hohen oder eher niedrigen gesellschaftlichen und religiösen Status hat. Familiennamen sind oft auch die Bezeichnung für die Kaste, und so weiß man, dass jemand namens Mitra oder Trivedi zur Großgruppe der Brahmanen gehört oder Oswals und Guptas der Händlerkastengruppe (Vaishya) zuzuordnen sind. Es gibt Tausende solcher jatis , aber in einem kleinen Dorf oder einer Region wird man feststellen, dass vielleicht nur fünf, zehn oder 20 vertreten sind. Meist sind es berufliche Tätigkeiten, die für das Funktionieren einer Dorfgemeinschaft wichtig sind. Von den in einem Dorf vertretenen jatis ist meist eine - sie muss nicht zum höchsten varna zählen - „dominant“, etwa wenn sie über den meisten Grundbesitz verfügt und so ökonomische und dann oft auch politische Macht hat. Die Gesamtzahl von etwa 3.000 Kasten entsteht hauptsächlich durch eine unterschiedliche Namensgebung (nach Region oder auch Sprache). In der Realität und nach Funktionen (Berufen) ergibt sich eine viel kleinere Zahl, wobei es allerdings besonders bei Kastenspaltungen zu feinen Herkunfts- und Funktionsunterscheidungen kommen kann. Das „Aushandeln“ des Kastenstatus in einem Dorf oder einer Region hat einen ständigen Spannungszustand zwischen den Gruppen zur Folge und trägt dazu bei, dass das Abgrenzungsbestreben der Kastengruppen intensiviert wird.

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Ein dem Ksatriya-varna angehörender Mann, der einen "tea shop" betreibt und – wie sein Sohn - als Milchhändler tätig ist. Foto: U. Oberdiek

Schon in alten Texten wie zum Beispiel dem etwa 2.000 Jahre alten Gesetzbuch des Manu, das das Zusammenleben der Menschen in vielen Aspekten beschreibt, werden Kastenregeln beschrieben. Dabei nennt Manu nicht nur die vier großen Gruppen, sondern auch Unterkasten. So würde etwa die Kastenbezeichnung der Kinder eines Brahmanen mit einer Vaishya-Frau Ambashtha heißen. Es geht noch einen Schritt weiter, indem danach Namen für Kinder genannt werden, die wiederum aus Verbindungen eines solchen Mischkastennachwuchses entstanden sind - also etwa wenn ein Ambastha eine Frau aus einer anderen Mischverbindung heiratet. Derartige Listen haben sicher auch etwas mit der in alten Texten verbreiteten „Lust am Klassifizieren“ zu tun - gleich um welche Sache, um welches Thema es geht.

Die Ordnung des Lebens
Grundcharakteristika des Systems sind von vielen Autoren beschrieben worden: Erblichkeit der Kaste, das heißt, man wird hineingeboren, traditionell mit der Kaste verbundene Berufe (was heute allerdings nicht mehr bindend ist), Heirat nur innerhalb der Kaste und diverse Regeln und Glaubenssätze, die dieses Verhalten durchsetzen sollen (Kasten-Dharma). Die religiösen Vorstellungen der Reinkarnation (Wiedergeburt - so lange, bis die „Erlösung“, moksha, mukti , erlangt wird) und des Karma (Früchte des Handelns, auch über die Wiedergeburten hinweg) sind dabei wesentliche Glaubensvorstellungen. Das Festhalten an Kastentraditionen ist aber nicht nur statisch, sondern kann sich durchaus in dem Versuch äußern, dass eine Kaste in der gegenwärtigen Situation, das heißt in diesem Leben einen höheren Status, eine Höhergruppierung im Kastensystem anstrebt, und es gibt auch individuelles Verhalten, das einem „Fluchtversuch“ aus der eigenen Position gleichkommt: etwa wenn ein Angehöriger einer „unreinen“ Kaste seinen stigmatisierenden Nachnamen gegen einen anderen austauscht, der dies verbergen soll. Aber es ist eine Flucht aus der Position im System, nicht aus dem System selbst!

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Angehörige von Händlerkasten (Vaishya-varna) in ihren Geschäften in Delhi. Foto: U. Oberdiek

Ein wesentlicher Faktor der Fortdauer des Kastensystems ist die arrangierte Ehe: Ehen werden von den Eltern oder Großeltern arrangiert, die dafür sorgen, dass die Ehepartner aus der eigenen Unterkaste kommen. Es lässt sich allerdings im „modernen“ Leben nicht immer vermeiden, dass zwei junge Leute verschiedener Kasten sich kennen lernen (etwa im College) und beschließen zu heiraten, aber das ist sehr selten. Vereinzelt kommt es auch vor, dass Eltern in solchen „Entgleisungsfällen“ einwilligen. Flucht und manchmal sogar Selbstmord zeigen jedoch die dramatische Wirklichkeit dieser Regeln auch heute.

Die Trennung der Kasten voneinander beruht auch auf Vorstellungen von ritueller Reinheit und Unreinheit. Die Unreinheit wird zum einen direkt und körperlich verstanden (Wäscher, Barbier, Straßenkehrer - Berufe, die in vielen Kulturen als „unrein“ gelten) und hat mit Schmutz und auch mit Abfallprodukten des menschlichen Körpers zu tun. Zum anderen wird die Unreinheit an eine religiöse Unreinheit gebunden: Personen im rituell unreinen Zustand dürfen nicht in einen Tempel gehen oder Riten durchführen. Und Personen, deren Kastenstatus an sich „rein“ ist, wie etwa Brahmanen, können unrein werden, wenn sie Kontakt mit „Unberührbaren“ hatten oder etwas „Verunreinigendes“ getan haben. Vor einem Tempelbesuch beispielsweise muss die rituelle Reinheit wieder hergestellt werden, um dort eine puja (Andacht) verrichten zu können. Der Unterschied ist, dass Unberührbare immer unrein sind, ein „verunreinigter“ Brahmane aber nur zeitweilig - bis er die entsprechenden Riten durchgeführt hat, die ihn wieder „rein“ machen. Die Unreinheit ist nach Kasten abgestuft - sodass nach diesen Regeln fast jeder versucht, sich von den Mitgliedern anderer Kasten fern zu halten, um seinen Reinheitsstatus nicht zu verlieren. Nur den untersten Kasten kann es gleich sein, wen sie treffen oder berühren - sie können nicht unreiner werden.

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Traditionelle Arbeit eines Goldschmiedes – Handwerker werden generell dem Shudra-varna zugeordnet. Foto: U. Oberdiek

Solche Reinheitsvorstellungen basieren auf der guna -Lehre des Samkhya-Systems, eines der sechs philosophischen Systeme des Hinduismus, wonach alle „Substanzen“ auf einem Kontinuum zwischen den Polen rein und unrein angesiedelt werden: Nahrung, Substanzen, Körpersäfte, der Körper selbst (je nach Kaste!) und Handlungen sind „rein“ oder „unrein“. Die drei guna -Qualitäten sind zum einen ein positiver, klarer geistiger und „reiner“ Zustand ( sattva ), zum anderen ein Zustand des Angetriebenseins ( rajas ) oder der Dumpfheit und „Unreinheit“ ( tamas ). Diese drei Eigenschaften sind in einem unterschiedlichen „Mischungsverhältnis“ im Menschen vorhanden - je nachdem, was der Mensch tut, isst, denkt. So entsteht auch der Glaube, dass Brahmanen mit der sattva <-Eigenschaft verbunden sind, Kshatriyas mit rajas < und Shudras mit tamas .

Minutiöse Regeln legen Ort, Zeit und Art und Weise der Nahrungsaufnahme, religiöse Handlungen, Körperverrichtungen et cetera fest. Orthodoxe Mitglieder hoher Kasten essen auf Reisen wegen möglicher ritueller Verunreinigungen nicht, andere, „modernisierte“ aus derselben Kaste essen dann sogar (aber meist außer Haus!) Fleisch oder trinken Alkohol, was nach den Regeln sehr negativ, weil rajas - und tamas -behaftet ist. Es dürfte verständlich sein, dass solche Regeln sich einschleifen und zur zweiten Natur werden.

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Studenten aus höheren Kasten protestieren 1990 in Delhi gegen die Quotenregelungen für unberührbare Kasten bei Studienzulassungen. Foto: U. Oberdiek

Die Struktur des indischen Kastensystems ist an sich nicht auf die Aufnahme neuer Gruppen ausgerichtet, sondern darauf, den Status der Mitgliedergruppen zu regeln und zu erhalten. Diese Regeln sind von der höchsten Kastengruppe, den Brahmanen, die sozusagen auch die „Schriftgelehrten“ dieser Kultur stellten, geschaffen worden und werden von ihnen interpretiert und modifiziert. Es gibt aber, wie gesagt, auch eine Bewegung, das heißt Mobilität innerhalb des Systems, und zwar meist von unten: wenn im System tief stehende Gruppen versuchen, in der Hierarchie aufzusteigen, ein Mechanismus, der von M. N. Srinivas als Sanskritisierung bezeichnet wurde und den es schon früh gegeben zu haben scheint.

Allerdings kann man auch Veränderungen im Kastensystem beobachten. Moderne Massenverkehrsmittel lassen eine strikte Trennung der Gruppen nicht mehr zu, und auch im Bildungsbereich oder im Beruf sind Berührungen vorhanden, die über den traditionellen arbeitsbezogenen Minimalkontakt hinausgehen. Dass zum Beispiel der Schatten eines „Unberührbaren“ (die von Mahatma Gandhi Harijans, Kinder Gottes, genannt wurden) nicht auf einen Höherkastigen fallen darf, wie es alte Texte vorschreiben, kann im Umfeld der Großstadt nicht mehr durchgeführt werden.

Häufig ist heutzutage auch eine (individuelle) Abkehr von den traditionellen Berufszuordnungen zu beobachten: Brahmanen werden Ärzte, gehen in die Administration oder betreiben ein Geschäft, und Angehörige von Händlerkasten werden ebenfalls Ärzte oder Ingenieure et cetera. Die ökonomische Notwendigkeit oder der ökonomische Wunsch ist die stärkste Wirkkraft, und mancher Beruf wird auch aus „modernen“ Statuserwägungen gewählt.

Kredite nach Kasten

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Familienmitglieder aus der Balmiki-Kaste, einer unreinen Shudra-Kaste, deren Angehörige oft über staatliche Entwicklungsprogramme Stellungen im Staatsdienst erhalten. Foto: U. Oberdiek

Für ökonomisch benachteiligte Gruppen, die in der Regel mit unteren Kastengruppen und Ureinwohnern (Stammeskulturen) identisch sind, hat der indische Staat ein System von Quotenregelungen eingerichtet, das diesen Menschen ihrem Bevölkerungsanteil entsprechende Plätze im Ausbildungssystem und im öffentlichen Dienst sichern soll. Amtlich werden diese Menschen unter den Begriffen von „scheduled castes“ und „scheduled tribes“ zusammengefasst (aufgelistete Kasten beziehungsweise aufgelistete Stämme), Begriffe, die noch aus der Kolonialzeit stammen.

Diese Quotierungen sind kritisiert worden, weil sie wiederum eine Art Diskriminierung oder Unterscheidung bestimmter Gruppen darstellen - wenngleich sie dieses Mal „positiv“ ist, das heißt ihnen helfen soll. Die Einordnung am unteren Ende des Systems seit vielen Jahrhunderten führte zu einer sozialen und ökonomischen Rückständigkeit, ist jetzt Kriterium für ihre Identifikation und wird dadurch indirekt festgeschrieben - wenn auch mit dem Ziel, den Rückstand aufzuholen und die anfängliche Identifikation dann aufzuheben. Die benachteiligten und offiziell förderungswürdigen Gruppen legen inzwischen oft Wert darauf, als solche Gruppen weiterhin bestehen zu bleiben, weil dies sowohl ökonomische als auch Statusvorteile hat: finanzielle Förderung, Ausbildung und Jobs. Politiker haben dies unterstützt, indem sie ihre Wahlprogramme auf diese Gruppen ausgerichtet haben.

Insgesamt zeigt sich also weiterhin, wie in alter Zeit, ein Faible für das Einteilen, Klassifizieren und auch Hierarchisieren, ein stark wirkendes Moment, das möglicherweise ein Hauptgrund für die Stärke und bisher unabsehbare Existenz dieser sozialen Ordnung ist. Warum werden Veränderungen des Gewohnten (nicht nur in Indien, sondern überall) möglichst vermieden? Weil sich die Person dann auf „unbekanntem sozialem Territorium“ befindet - und davon gibt es in Indien viel: Es ist ein Territorium, das als feindlich (die vielen Aspekte des Überlebenskampfes) erlebt wird. Auch vieles, was außerhalb der eigenen Kaste liegt, wird als „feindlich“ erlebt. Die vorherrschende Identität ist „klein“: Sie erstreckt sich auf die eigene Gruppe, Familie, Kaste, Verwandtschaft, das Dorf, es sind „primordiale Loyalitäten“. Es ist nicht an erster Stelle ein größeres Bewusstsein, eine größere Identität, etwa die nationale. Zwar gibt es landesweit operierende „caste associations“, die jeweils eine bestimmte Kaste vertreten, aber ihr Zweck ist nicht, eine „große“ Identität zu erzielen, sondern ein größeres Machtpotenzial für die kleine Identität ihrer Kaste zu entwickeln.

Die sozialen Verbote, in andere gesellschaftliche Bereiche vorzudringen und hier Erfahrung und Wissen zu sammeln, halten die „kleinen Abteilungen“ voneinander getrennt. Wenn man sich „moderne“ Bereiche ansieht, etwa das Leben in der Großstadt oder einzelne Geschäfts- und Produktionsbereiche, die untrennbar mit „Modernität“ (oder gar Postmodernität wie im artifiziellen Computerindustrie-Setting von Bangalore) verbunden sind, kann man feststellen, dass die dort lebenden und tätigen Menschen sich in wesentlichen Dingen durchaus nach alten, traditionellen Regeln verhalten.

Weiterführende Literatur

Oberdiek, Ulrich et al. (1991): Kontinuität und Wandel. Die staatliche Integration indischer Stämme, München
Oberdiek, Ulrich et al. (2002): Gespräche mit einem Brahmanen im Kumaon Himalaya, Münster
Oberdiek, Ulrich et al. (2004): Kamasutra (Eine Einführung), München

Zum Autor

Ulrich Oberdiek ist unter anderem in München (LMU) als Lehrbeauftragter tätig und Autor sowie Herausgeber der Anthropological Abstracts (www.anthropology-online.de).


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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