ANDREAS HOFFMANN: KÖRPERWEG – HAUTKONTAKT

Von Rosita Nenno

Körperporträt

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Installation. Foto: A. Knauer

Es geht um die Haut
Die eigene Erscheinung
Erlebt und gesehen
Gespürt und reflektiert
Ins Bild gesetzt

(Auszug aus dem Text- und Skizzenbuch II – 05)

Das eigene Abbild, die Darstellung des menschlichen Körpers stellt seit Urzeiten eine Faszination dar. In Andreas Hoffmanns Schaffen ist es das zentrale Thema, das sich parallel zu seiner darstellenden Kunst entwickelt hat. Mit Körperabgüssen und Abformungen in Salz, Blei und Leder hat er sich in den 1990er-Jahren mit der Position des Körpers im Raum beschäftigt und gleichzeitig – über die Materialität – mit den Fragen nach Leben und Tod. In seinem „Projekt Menschengefäß“ sowie in „Körperkreuz“ packte er den Körper in Lederriemen; die entleerte Form, die als Skulptur bestehen blieb, reduzierte den Körper auf seine Begrenzung, die die Ambivalenz aufwarf, darin die Überreste eines vergangenen Körpers zu sehen oder die „Häutung“ eines Wesens, das sich von seiner Hülle in einen neuen Lebensabschnitt verabschiedet hat.

Die Haut ist das größte Sinnesorgan des menschlichen Körpers, es begrenzt ihn in seiner gesamten Oberfläche und macht ihn durch individuelle Merkmale einzigartig und unverkennbar. Sie ist die Schnittstelle, an der Inneres nach außen transportiert wird und umgekehrt. Das Leben hinterlässt seine Spuren auf der Haut, die Haut eines Bergarbeiters, der 30 Jahre unter Tage verbracht hat, erzählt eine andere Geschichte als die des Sonnen(studio)anbeters, ein Baby ohne Hautkontakt verkümmert. Andreas Hoffmann nähert sich der Haut im Detail und überschreitet dabei die Grenze des Wieder-Erkennens. Mit der Kamera, die Bereiche von nur wenigen Quadratzentimetern aufzeichnet und den Körper fragmentiert und kontinuierlich abscannt, beschreibt Andreas Hoffmann „Wege über den Körper“, die er um ein Vielfaches vergrößert auf eine Leinwand projiziert. Aus dieser Kombination von Detailaufnahmen und extremer Vergrößerung resultiert eine Wahrnehmung abseits der menschlichen Gewohnheit, der Körper wird zu einer Folge abstrakter Bilder, entfremdet und jenseits aller voyeuristischen Betrachtungen.

Körperweg – Hautkontakt 2
Rückenansicht Andreas Hoffmann. Foto: A. Knauer

"Körperweg : Hautkontakt" ist auch eine Provokation. Die Möglichkeit für den Besucher der Ausstellung, sich der Kamera auszusetzen, die eigene Haut in die Öffentlichkeit zu tragen, gleicht einer „Veröffentlichung“ seiner selbst und erlaubt gleichzeitig eine neue Perspektive auf den eigenen Körper, unverstellt, ein Spiegel der eigenen Person mit den schönen/geliebten und den hässlichen oder ungeliebten Seiten. Trotz der heute im Straßenbild unverblümt auftauchenden Selbstdarstellung, besonders gepiercter und tätowierter Körperpartien, verlangt die Konfrontation mit dem unzensierten „Körperweg“ den Mut, sich jeder einzelnen Pore des eigenen Körpers zu stellen und trotz der Abstraktion den eigenen Körper wiederzuerkennen und das Erlebte zu reflektieren.

Hoffmann, geboren 1961 in Eningen, hat eine lange Erfahrung in der Auseinandersetzung mit dem Körper, seiner Beschäftigung mit Masken folgte in den 80er-Jahren ein Aufenthalt an der Theaterakademie in Arhus in Dänemark sowie die Mitarbeit am Theater, wo explizit der eigene Körper zum Einsatz kam. 1985 begann er sein Bildhauerstudium an der Freien Kunsthochschule in Nürtingen, bevor er Ende der 80er-Jahre an die Hochschule der Künste in Berlin wechselte.

Dort befasste er sich erstmals mit dem Kokon als geschütztem Raum, das heißt mit einer Kapsel als Hülle entstehenden Lebens, als Ort der Entwicklung, den man erst verlässt, wenn man in einen anderen Daseinszustand übergeht. In einer Arbeit mit dem Titel „Menschenfrucht“ tauchte erstmals ein embryonaler Körper aus Pergament, transparent und verletzlich, im Zentrum des Kokons auf, bevor in den „Menschengefäßen“ das menschliche Maß und der eigene Körper zum Inhalt von Hoffmanns Schaffen wurde. Er selbst steckte in Performances in den Gefäßen, die noch mit Schnüren in Form gehalten wurden, in denen gefangen er sich bewegte und abkämpfte in einem existenziellen Überlebenskampf. Übrig bleibt die Hülle als Relikt, verlassen, entleert (?), und man stellt sich die Frage, ob es wohl die sterblichen Überreste sind oder die Häutungen eines zu neuer Dynamik erwachten und seinen Grenzen entwachsenen Lebens. Andreas Hoffmann überlässt dem Betrachter die Wahl zwischen Leben und Tod.

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"Körperkreuz". Foto: C. Perl-Appl

Während „Menschengefäß“ und „Körperkreuz“ den Körper als Ganzes abbilden (als „Ganzkörpermasken“ kann man sie auch sehen), stand in „Stückfeld“, einer Installation von aus Salz gebildeten Fragmenten, Abformungen von Händen, Armen, Gesichtspartien, Fuß- und Beinstücken, das „Pars pro Toto“, jedes Einzelstück für den Körper als Ganzes.

Otto Pannewitz vermerkt zu Andreas Hoffmanns Werken: „Seit vielen Jahren kreist Andreas Hoffmanns Werk um das Menschenbild in Form des Selbstbildes in all seinen Facettierungen von der totalen bis hin zur fragmentierten Figur. Dabei ist die Rolle des Künstlers der des Archäologen vergleichbar, der seine Feldforschung nicht an historischen Plätzen betreibt, sondern am menschlichen Körper. Ist in früheren Jahren der Körper als Gesamtheit von Interesse gewesen, das sich im Sinne der klassischen Bildhauerauffassung äußerte, so gilt Andreas Hoffmanns Intention mit steigender Tendenz der fragmentierten Betrachtung von Volumen und, neuerdings, Oberflächen. Die Materialien seiner Betrachtungen entstammten und entstammen weitgehend der Natur: Wachs, Stärke, Salz und Blei; heute arbeitet der Künstler fast ausschließlich mit Salz (Anm. der Autorin: der Text wurde vor einigen Jahren geschrieben ). Dieses gilt seit alters her als lebensnotwendiges Nahrungsmittel und in seiner konservierenden Eigenschaft auch als Relikte und Spuren des Vergangenen bewahrendes Medium.“

Niemals geht es dem Künstler um eine narzisstische Selbstbeobachtung, der Körper bleibt ein Abstraktum, auch wenn Andreas Hoffmann heute filmische Mittel einsetzt zur detailgenauen Beobachtung der Körperoberfläche, der Poren, der Behaarung, der Zeichen des Gelebten und des Alters. Hoffmann macht sich auf eine „Spurensuche“, in der das Fragment für das Ganze steht, in der die Einzigartigkeit des menschlichen Körpers wie eine Landschaft erscheint, die er auch grafisch fixiert.

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Andreas Hoffmann mit Körperweg-Leporellos. Foto: R. Nenno

Die Installation im DLM (Deutsches Ledermuseum Schuhmuseum Offenbach) besteht aus einer zylinderförmigen Projektionswand, in deren Innerem sich eine drehbare Plattform befindet und eine sich in der Vertikale bewegende Kamera, die die Körperwege aufzeichnet. Gleichzeitig erscheint auf der Rundleinwand die Projektion eines Körperweges. Diese Installation wird ergänzt durch Körperweg-Leporellos und eine Bilderwand aus circa 500 12,5 x 12,5 Zentimeter großen, mit Harzen und Pigmenten überarbeiteten Ausbelichtungen mit dem Titel „Die eigene Haut zu Markte tragen“.

Besucher haben die Möglichkeit, sich nach Vereinbarung ihren eigenen „Körperweg“ erstellen zu lassen, den sie als DVD zusammen mit einer edierten Grafik im Format 12,5 x 12,5 Zentimeter in Graupappebox erhalten. Anmeldungen unter hoffmann@hoffmann-kunst.de, Tel. 0173/6723483 oder direkt vor Ort.

Die Ausstellung ist entstanden in Kooperation mit dem Museum der Weltkulturen Frankfurt und im Kontext mit deren Ausstellung „Hautzeichen – Körperbilder“. Sie wird eröffnet am 13. Mai 2006 um 20.00 Uhr mit einer Performance von Andreas Hoffmann. Preview zur Langen Nacht der Museen am 29. April 2006 mit Künstlergespräch um 19.00 Uhr und 23.30 Uhr, Performance um 21.30 Uhr. Dauer der Ausstellung bis 17. September 2006, täglich 10.00–17.00 Uhr, samstags bis 22.00 Uhr. Danach ist sie zu sehen in der Galerie der Stadt Sindelfingen, Eröffnung am 24. September um 11.00 Uhr.

Unterstützt durch den Museumskooperationspool der Stadt Frankfurt am Main sowie durch Stiefel Laboratorium GmbH Offenbach

Zur Autorin

Dr. Rosita Nenno, Kunsthistorikerin, Deutsches Ledermuseum Offenbach


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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