HAARE

Von Magie und Status, Macht und Moden bis zu globalen Trends

Von Gerda Kroeber-Wolf und Ulrike Krasberg

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René Magritte, The Rape, 1934. Kopfhaar und Körperhaar sind Attribute der Anziehungskraft weiblicher Sexualität.

Magie und Haare
In vielen Kulturen lokalisiert man den Sitz der Seele des Menschen oder eines Schutzgeistes in oder auf dem Kopf und betrachtet das Haar gleichsam als sakrale Region. So ließen zum Beispiel die Toraja auf der indonesischen Insel Sulawesi bei Kindern, denen man die Haare abrasierte, stets eine Locke auf der Stirn stehen als Zuflucht für die Seele. Besonders langes Haar gilt als Ausdruck von Stärke und positiven Kräften. Bei den Sikh-Bruderschaften in Indien ist es vorgeschrieben, Haare und Bart unbeschränkt wachsen zu lassen. Lange Bärte und langes Haar kennzeichnen ihren religiösen Zusammenhalt.

Das weibliche Haar gilt neben seelischen/religiösen Aspekten auch als Symbol der Fruchtbarkeit. Bei Wendy Cooper lesen wir, dass weibliches Haar im Zusammenhang mit der Körperbehaarung der Frau als Symbol und Zeichen für Sexualität und Geschlechtlichkeit gesehen wird und besonders für Männer ein Auslöser sexueller Begierde ist. Dies sieht sie auch als Bedeutungshintergrund für die Tradition, dass während der Pupertätsriten bei vielen Völkern in Afrika (zum Beispiel der Wafiomi in Westafrika), die sich über einen Zeitraum bis zu einem Jahr hinzogen, die Haare der Mädchen nicht geschnitten werden durften. Den gleichen Symbolgehalt hat ihrer Meinung nach auch die Sitte im orthodoxen Judentum, Bräuten vor der Hochzeit die Haare zu schneiden oder zu scheren. Die neu wachsenden Haare sind dann ein Zeichen der weiblichen Fruchtbarkeit in der Ehe. Im Islam hat das Gebot, dass Frauen in der Öffentlichkeit ihre Haare mit einem Kopftuch verbergen sollen, den gleichen Hintergrund. Man fürchtet, männliche Lust werde durch das lange weibliche Kopfhaar ungebührlich angeregt. Das Haar muslimischer Frauen gilt als sexuell aufreizend und steht damit öffentlich getragenen Frisuren nicht zur Verfügung.

Frisuren als Status
Ganz anders stellt sich das „Kopftuch“ der Frauen in Westafrika dar, das nicht im Sinne von „Verhüllung“ verwendet wird. Durch die Art wie es ihre Trägerinnen auf dem Kopf drapieren, dient es der Komplettierung ihres „ outfits “. Wie ein Hut krönt es ihre modische Gesamterscheinung.

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Traditionelle weibliche Frisur. Bandiagara, Mali, Westafrika. Foto: G. Chesi, MdW

Damit dient das Kopftuch in Afrika heute dem gleichen Zweck wie traditionelle Frisuren, nämlich soziale Botschaften zu senden. In den ländlichen Gebieten Afrikas gab es eine Vielzahl von unterschiedlichen Frisuren und damit Aussagen über den Status der Menschen. An Frisuren konnte man die Zugehörigkeit zu einem Volk ablesen, und differenzierter noch: zu einer bestimmten Schicht. Ob jemand dem Adel angehörte, Sklave war oder Bauer, die Frisur verriet es. Ebenso zeigte sich der Status im Lebenszyklus: Ein Kind wurde anders frisiert als Verheiratete, eine verheiratete Mutter anders als eine Witwe. Und natürlich gab es unterschiedliche Frisuren für Männer und Frauen. All diese Frisuren konnten ungemein kunstvoll sein, mit eingearbeiteten Zöpfen aus Sisalfasern oder Kaurimuscheln und Perlen wie im nördlichen Namibia, sie wurden mit Tonerde gestaltet oder geglättet und über am Kopf befestigte kleine Holzrahmen gespannt, wie in Guinea oder Mali. Wie faszinierend diese Frisuren waren, bezeugen die vielen ethnologischen Berichte (schon aus der Kolonialzeit), zu diesem Thema.

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Gemälde von Anton Wilhelm Tischbein (1730 - 1804), Frau von Borries mit ihren Kindern

Perücken in Europa
Die Üppigkeit und handwerkliche Kunstfertigkeit, die man an vielen traditionellen afrikanischen Frisuren bewundern kann, haben in mancher Hinsicht Ähnlichkeit mit der Perückenmode in Frankreich, die König Ludwig XIII. vor dreihundert Jahren einführte. Ludwig XIII. litt unter Haarausfall, und er zeigte sich dem Volk nie ohne Perücke. Sein Hofstaat und der Adel fingen ebenfalls an, Perücken zu tragen. Schon bald kamen diese in weiten Teilen Europas in Mode. Vornehm und schick waren vor allem hoch aufgetürmte Perücken. Über ein Drahtgestell, das man sich auf den Kopf setzte, stülpte man eine aus Menschen-, Pferde- oder Ziegenhaar gefertigte Lockenperücke. Nur sehr vorsichtig konnten sich vornehme Damen mit solch hohen Perücken bewegen. Manchmal gingen Diener hinter ihnen her. Sie mussten mit einem Stab diese komplizierten Hochfrisuren stützen, damit sie nicht bei einer plötzlichen Bewegung vom Kopf fielen. Zugleich kam die Mode auf, Perücken und Haare mit weißem Puder oder mit Mehl zu bestreuen. So blieb es neugierigen Blicken verborgen, ob sich unter der Perücke eine Glatze oder graue Haare versteckten. Durchaus üblich war es damals, dass auch schon kleine Kinder besonders bei Hofe weiß gepuderte Perücken trugen.

Mode und Botschaften
Auch heute können – wie eh und je – Frisuren Botschaften über ihre TrägerInnen aussenden. Diese zeigen jedoch weniger den Status der Gruppe an, in die jemand hineingeboren wurde, sondern stehen für die Gruppe, zu der sich jemand in freier Entscheidung zugehörig fühlt. Frisurenbotschaften der heutigen Zeit stehen immer auch im Zusammenhang mit globalen Modetendenzen. In Bezug auf westliche Mode und Frisuren ist uns das geläufig, die europäisch/us-amerikanische Haut Couture ist in allen Metropolen der Welt zu finden. Aber auch die afrikanische (Frisuren-)Mode basiert längst nicht mehr nur auf lokalen Traditionen. Heute steht auch in Westafrika, so schreibt der Soziologe Tshikala K. Biaya aus Dakkar (Senegal), Schönheit und Eleganz des outfits im Zusammenhang mit der Globalisierung.

Zu Beginn des letzten Jahrhunderts, in der „Hoch-Zeit“ des Kolonialismus, stand die Nachahmung europäischer Modestile im Zentrum der afrikanischen Haarmode (Haarglätten, Haut bleichen, europäische Kleidung). Parallel zum intellektuellen Widerstand (Léopold Sédar Senghor und die Bewegung der Négritude) gegen die Kolonialisierung wurde in der lokalen städtischen Kultur (Dakkar, Abijan, Bamako) auch die „ black is beautiful “-Bewegung und mit ihr der Afrolook aus Amerika übernommen.

Während im 18. und 19. Jahrhundert auf den Sklavenschiffen, die gen Westen fuhren, Menschen aus Afrika für immer ihrer Heimat entrissen wurden, ist es nun - viele Generationen später - möglich, einen regen, nicht nur kulturellen Austausch zwischen der schwarzen Diaspora in Amerika und der Heimat in Afrika herzustellen. Menschen aus der schwarzen Diaspora holen sich Ideen aus den kulturellen Traditionen in Afrika, und AfrikanerInnen nehmen die von ihren brothers and sisters in Amerika mit neuen Ideen und veränderten Inhalten versehenen alten Traditionen wieder auf.

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Modefrisur. Quelle: Internet

So sind zum Beispiel die braids , die kleinen am Kopf anliegenden Zöpfchen, die heute von us-amerikanischen männlichen Jugendlichen gern getragen werden, ursprünglich eine Mädchenfrisur, die bei den Wolof in Westafrika Tradition war. Jetzt kommen die Zöpfchen als Männerfrisuren aus Amerika zurück. Wenn die männlichen Jugendlichen in Afrika diese braids tragen, ist das ein Zeichen des Protests der eigenen Gesellschaft gegenüber. Zum einen in Bezug auf die Geschlechterdefinition, zum anderen in Bezug auf gesellschaftliche und politische Normen im eigenen Land. Auf jeden Fall identifiziert sich die Jugend mit den Ideen und Moden der Schwarzen in Amerika. Frisuren stehen für die Zugehörigkeit zu Ideologien und ihren Idolen, wie Bob Marley und der Reggae, Mike Tyson und seine Art zu boxen. Diese Vorbilder dienen dazu, einen eigenen Lebensstil zu entwickeln. Sie symbolisieren eine neue afrikanische Identität, denn sie werden im Prozess der Aneignung dem eigenen lokalen Lebensstil und seinen Wertvorstellungen angepasst. Aber zugleich fühlen sich Jugendliche, wenn sie zum Beispiel Rastazöpfe tragen, dem Reggae und seiner Ideologie zugehörig und sind damit auch ein Teil der Welt außerhalb Afrikas und ihrer Heimat.

Frisurenmode - ökonomisch
Frisurenmoden, Schönheitskonkurrenzen und Modeschauen haben weltweit zu einer dominanten homogenen Schönheitsideologie, basierend auf westlichen Schönheitsidealen, geführt. In Westafrika sind heute sehr alte, traditionelle Frisuren, die typisch für bestimmte Volksgruppen waren und auch nur dort getragen wurden, eine Verbindungen eingegangen mit internationalen Frisurenmoden, die auch außerhalb Afrikas verbreitet sind. Aus diesen Moden wurden dann aber wiederum für Westafrika eigene typische Haarstile entwickelt.

In den Städten hat die Frisur neben der sozialen, ideologischen und identitätsstiftenden Bedeutung auch eine wichtige wirtschaftliche Komponente. Früher wurde in Westafrika die Handwerkskunst des Frisurenherstellens ganz und gar im privaten weiblichen Raum innerhalb der Familie gepflegt und als Ausdruck eines bestimmten kulturellen Schönheitsideals als Handwerk von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Mit dem Aufkommen von Frisörsalons als kleinen Wirtschaftsbetrieben in den Städten Westafrikas haben auch moderne Techniken den Färbens, Glättens und der Verwendung von Haarteilen Eingang gefunden in afrikanische Frisuren. Heute boomt diese Schönheitsindustrie auch im Zusammenhang mit der westafrikanischen Mode. Darüber hinaus stärken der wirtschaftliche Aspekt und die lokale Schönheitskultur die Identität und den Überlebenswillen der westafrikanischen Gesellschaft.

Weiterführende Literatur

Kroeber-Wolf, Gerda (2006): Schön, schöner, am schönsten. Menschen von Kopf bis Fuß. Katalog zur Ausstellung „Hautzeichen – Körperbilder“, Museum der Weltkulturen, Frankfurt am Main
Tshikala. K. Biaya (1998): Hair Statements in Urban Africa: The Beauty, The Mystic and the Madman. In: Els van der plas, Marlous Willemsen (eds.): The Art of African Fashion. Eritrea/USA: Africa World Press (Prince Claus Fund, The Netherlands). S. 75-102
Cooper, Wendy (1971): Hair. Sex, Society, Symbolism. London: Aldus Books
Scherz, A.; E. R. Scherz; G. Taapopi; A. Otto (Hrsg.) (1992): Frisuren. Kopfbedeckungen und Schmuck in Namibia und Südangola. Windhoek, Namibia: Gamsberg & MacMillan Publishers

Zu den Autorinnen

Dr. Gerda Kroeber-Wolf ist Ethnologin, Kustodin am Museum der Weltkulturen in Frankfurt am Main.
Dr. Ulrike Krasberg ist Ethnologin, Privatdozentin an der Universität in Marburg und freie Mitarbeiterin am Museum der Weltkulturen in Frankfurt am Main.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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