MASKIERTE MASKEN

Wie man gefährliche Götter in schöne Bilder verwandelt

Von Johannes Neurath

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Maske eines Viejo des Blauelstern-Tanzes, Cora, Jesús María del Nayar, 1907. Slg. Preuss, Inv.-Nr. 38260, Ethnologisches Museum-SPK, Berlin.

Die Huichol- oder Wixarika-Indianer leben in der südlichen Sierra Madre Occidental (auch bekannt als Gran-Nayar-Region) in Mexiko. Sie sind als „Künstler und Schamanen“ weltbekannt. Ihre Initiationsriten, die auf einer kollektiven Suche nach Visionen basieren, beinhalten auch den rituellen Gebrauch des halluzinogenen Kaktus Peyote (Lophophora williamsii). Peyote wird in den Steppen des zentralen Hochlands Nord-Mexikos (Wirikuta genannt) gesammelt. Zu diesem Zweck werden Pilgerreisen veranstaltet. Eine sensationalistische Berichterstattung über das Thema „Peyote“ regt seit Jahrzehnten die Phantasie westlicher, an Drogen und/oder indianischer Spiritualität interessierter Jugendlicher, Künstler, Hippies bzw. New-Age-Adepten an. Im Zusammenhang mit der etwas einseitigen, westlichen Berichterstattung haben die Huichol höchst erfolgreich vielfarbige „psychedelische“ Kunstformen entwickelt, zunächst so genannte Fadenbilder, später zunehmend auch Glasperlenmosaike aller Art.

Aber auch Masken gehören zu diesen neuen Kunstformen, sind sie doch Mexikos bekannteste Ethnographica. Museen, aber auch Privatleute besitzen umfangreiche Maskensammlungen. Bei den Huichol-Indianern sowie bei ihren Nachbarn, den Cora, Tepehuanes und Mexicanero spielen Maskentänze eine bedeutende Rolle. Auf den ersten Blick scheinen diese Masken nicht dafür geeignet zu sein, als „schamanische Kunst“ vermarktet zu werden. Die traditionellen Masken stellen Gottheiten dar, die das Gegenteil der visionssuchenden Peyote-Pilger verkörpern: Es sind Götter der Unterwelt, die im Westen lokalisiert und als chaotisch angesehen wird. Der Unterwelt wird nicht nur ungebremstes Wachstum zugeordnet, sondern auch der Ur-Ozean, die Sintflut, der Nachthimmel und das Totenreich. Diese Aspekte der Huichol-Religion interessieren die urbanen Freizeit-Visionssucher gewöhnlich ganz und gar nicht.

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Maske eines Viejo des Wainarori-Tanzes, Huichol, Foto: L. Diguet, Musée de l'Homme, Paris.

Was die Sache jedoch kompliziert macht, ist die Tatsache, dass viele dieser dunklen, bedrohlichen Gottheiten von den Huichol als Fremde angesehen werden, als teiwarixi , „Nachbarn“, eine Kategorie, die nicht nur die lokalen Mestizen, sondern alle nicht-indianischen Bevölkerungen umfasst. Bei der Gestaltung der Masken sind daher auch die für die mestizische Landbevölkerung typischen Schnauzbärte meist sehr wichtig. Die langen, wirren Haare der Masken spielen andererseits auf die Urmutter Takutsi Nakawé („Unsere Urgroßmutter Altes Fleisch“) an, deren despotische, matriarchale Herrschaft durch die Visionssuche der Vorfahren der Huichol und die Geburt der Sonne im Osten glücklicherweise beendet wurde. Auch die Agavenfasern ( ixtle ), das Material, aus denen Bärte und Haare gefertigt werden, verweisen auf die chaotischen Zustände in der Unterwelt. Aus dem Saft der Agavenpflanzen werden die alkoholischen Getränke bereitet, von denen es heißt, dass sie „dort unten im Westen“, im Land der Toten, stets reichlich fließen bzw. in der mythischen Vergangenheit in allzu großem Ausmaß genossen worden sind, wodurch es notwendig wurde, die Herrschaft Takutsis gewaltsam zu beenden.


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Gewebte Tasche mit Darstellung Teiwari Yuawis als charro oder Cowboy. Sala Gran Nayar, Inv.-Nr. 23.31g1-82, Museo Nacional de Antropología, INAH, México

Bei den Cora, Huichol und anderen Gruppen des Gran-Nayar-Gebietes spielen die maskierten Figuren häufig die Rolle des so genannten viejo de la danza . Diese Viejos („alte Männer“) spielen den „heiligen Clown“, der obszöne Witze macht, aber auch während der Tänze und Rituale für Ordnung sorgt. Bei den Huichol stellen die Viejo oft auch den Clown Nairi („Feuerregen“) dar, den Ehemann der Göttin Takutsi Nakawé.

Für die Huichol verharren die Mestizen in der finsteren Vorzeit. Im Gegensatz zu den Ahnen der Huichol verließen die Vorfahren der Mestizen nicht die Unterwelt, um in das Lichtland von Wirikuta zu wandern. Deswegen halten die Huichol sie für kulturlos. Es wird gesagt, es fehle ihnen an sozialem Sinn und sie seien skrupellos und habgierig. Mestizische Viehzüchter und Händler kontrollieren viele wichtige wirtschaftliche Aktivitäten der Region und versuchen seit mehr als einem Jahrhundert, das kommunale Land der Huichol und Cora in Besitz zu nehmen. Die von den Huichol als Mestizen angesehenen Götter gelten als mächtig, unberechenbar und potenziell gewalttätig. Dementstrechend ist auch der Kult für diese feindlichen Gottheiten gefährlich. Aber er ist wichtig für diejenigen Indianer, die in der nicht indianischen oder nicht kommunalen Wirtschaft und Politik erfolgreich sein wollen, sei es als Viehzüchter, Musiker oder Künstler, sei es als Politiker, Drogenschmuggler oder Bandit. Als der mächtigste aller dieser Götter wird Tamatsi Teiwari Yuawi („Unser Älterer Bruder, der Dunkelblaue Mestize“) angesehen. Diese Huichol-Version des Schwarzen Cowboys oder charro negro , einer beliebten Figur der mestizischen Folklore, entspricht ganz dem indianischen Stereotyp des bedrohlich Fremden und wird auch mit der Nachtsonne, dem Abendstern und der - dem Stechapfel ähnlichen - Pflanze Kieri (Solandra brevicalyx) identifiziert.

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Kommerzielle Maske mit Glasperlenapplikationen, Huichol, Privatsammlung, um 1995

Es war also nicht so einfach, die traditionellen Masken in „psychedelische Kunst“ zu verwandeln. Während sich die Indianer des Gran-Nayar-Gebietes in gewissen Ritualen als „hässliche“ Mestizen maskieren, wollen nicht indianische Touristen Masken kaufen, um ihre Wände „schön“ indianisch zu dekorieren. Die Transformation der Masken bedeutete einerseits, Haare und Bärte wegzulassen, andererseits, Glasperlenapplikationen anzubringen. Motive und Technik der Glasperlenmosaike stammen aus anderen Bereichen der traditionellen Religion, wie zum Beispiel den Opfergaben oder der Textilkunst, aber auch aus der Tradition der gelben Uxa-Gesichtmalereien (ein Symbol der aufgehenden Sonne), wie sie von den Peyote-Pilgern verwendet werden. Adler, Hirsche und andere heilige Tiere, Maispflanzen, Peyote und Peyote-Blüten gehören zur solaren Welt Wirikutas, genauer: zur Visionssuche, und sind damit genau die Art von „Symbolen“, die indianische Spiritualität suchende Käufer interessieren. Die Glasperlen selbst symbolisieren Wasser und Leben. Im Falle der traditionellen Votivobjekte (vor allem Kürbisschalen) handelt es sich um eine Repräsentation dessen, was von den Göttern im Tausch für diese Gaben erbeten wird. Bienenwachs ist das Material, das die Huichol verwenden, um Perlen, Faden und andere Dinge auf diverse Oberflächen zu kleben. Bienenwachs ist aber nicht nur Klebemasse, sondern ein heiliger Stoff, der auf die Segen bringende Tätigkeit des ersten Schamanen oder Kulturheroen Tsitsika verweist, dessen Gesang und Musikbogenspiel im Summen der Bienen fortlebt.

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Zwei Uxa-Gesichtbemalungen der Peyote-Pilger, Zeichnung: Carl Lumholtz

Die Tatsache, dass Glasperlen, Bienenwachs oder die genannten Tiere und Pflanzen auf den finsteren Masken wenig Sinn machen, ist für die Huichol-Künstler von Vorteil, da dadurch viele Probleme vermieden werden können, die bei anderen Genres der Kunst und des Kunsthandwerks auftreten. Vor allem besteht keinerlei Gefahr, dass die dargestellten Götter ihrem Hersteller irgendwelche gesundheitlichen Probleme oder religiösen Komplikationen bereiten. Die Kraft der Symbole ist durch die Absurdität des Kontextes weitgehend neutralisiert. Die verschiedenen, durch die Glasperlenapplikationen dargestellten Motive lassen sich durchaus erklären, aber die Objekte selbst sind im indianischen Sinn bedeutungslos und definitiv nicht heilig.

Die kommerziellen Masken stellen im Grunde genommen ihre Käufer dar: im Huichol-Stil dekorierte Mestizen- bzw. Nicht-Indianer-Gesichter. Die urbanen Liebhaber der Huichol-Kultur ( huicholeros ) sind, im Unterschied zu den auf den traditionellen Masken dargestellten lokalen mestizischen Viehzüchtern, nicht hinter dem Land der Indianer her, sondern gierig auf Peyote, heilige Visionen und schamanische Lehren im Stile der "Lehren des Don Juan". In den Masken haben die Huichol eine Möglichkeit gefunden, die Nachfrage ihrer Kunden nach "indianischer Spiritualität" zu befriedigen und dabei Geld zu verdienen, ohne sich allzu sehr vereinnahmen zu lassen - ein besonders anschauliches Beispiel für die auch in anderen Bereichen beobachtbare Strategie der Huichol einen, wenn man so sagen will, konsumentenfreundlichen, "plastik-schamanischen" Diskurs zu produzieren und gleichzeitig das für sie selbst Wesentliche ihrer Religion vor der Kommerzialisierung oder Medialisierung zu schützen.

Weiterführende Literatur

Es gibt bisher noch keine speziellen Studien über die rituellen oder kommerziellen Masken der Huichol und ihrer Nachbarn im Gran-Nayar-Gebiet. Allgemeine Informationen über die Religion der Huichol-Indianer findet sich in Las fiestas de la Casa Grande (Neurath 2002). Preuss (1908) enthält interessante Beobachtungen über Maskenrituale der Cora-Indianer. Uxa-Gesichtsbemalungen werden in Lumholtz (1900) detailliert beschrieben. Empfehlenswerte neue Publikationen über die Huichol-Textikunst bzw. Glasperlenapplikationen auf Kürbisschalen sind Schaefer (2002) und Kindl (2003).

Lumholtz, Carl (1900): Symbolism of the Huichol Indians. Memoirs of the American Museum of Natural History 3 (1): pp 1-291
Kindl, Olivia (2003): La jícara huichola. Un microcosmos mesoamericano. INAH, Universidad de Guadalajara, México
Neurath, Johannes (2002): Las fiestas de la Casa Grande. Procesos rituales, cosmovisión y estructura social en una comunidad huichola, INAH, Universidad de Guadalajara, México
Preuss, Konrad Theodor (1908): Ethnographische Ergebnisse einer Reise in die mexikanische Sierra Madre. In: Zeitschrift für Ethnologie 40: S. 582-604
Schaefer, Stacy B. (2002): To Think with a Good Heart. Wixárika Women, Weavers, and Shamans. Salt Lake City: University of Utah Press

Zum Autor

Johannes Neurath. Studium der Ethnologie an den Universitäten Wien und Mexiko (UNAM). Ab 1992 Feldforschungsaufenthalte bei den Huichol in Jalisco, ab 1995 auch bei den Cora in Nayarit. Seit 1998 Investigador (Wissenschaftler) am Museo Nacional de Antropología, Mexiko. Daneben Lehrbeauftragter an der Facultad de Filosofía y Letras, UNAM. Seit 2000 Mitglied des Sistema Nacional de Investigadores, Mexiko. Museo Nacional de Antropología, INAH, México jnkpap@prodigy.net.mx


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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