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Gewalt und Ehre zwischen den Zeiten

Von Jan Koehler

Schule der Straße 1
Hof, Tbilisi 1997. Foto: J. Koehler

Für die meisten Konflikte, die im letzten Jahrzehnt sowjetischer Herrschaft in den verschiedenen kaukasischen Republiken ausgetragen wurden und die mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion vielerorts in kollektive Gewalt eskalierten, spielen informelle Organisationsstrukturen junger Männer eine wichtige Rolle. Um eine solche Organisationsstruktur geht es im Folgenden: Um den von einer jugendlichen Subkultur geprägten „Raum der Straße“ in der georgischen Hauptstadt Tbilisi.

Die Schule der Straße
Die Schule der Straße (georgisch: kuchis skola ) ist ein sozialer Übergangsraum, den die überwiegende Mehrheit von Jugendlichen in Georgien, ungeachtet ihrer ethnischen, religiösen und sozialen Zugehörigkeit, zu passieren hat. Zentrale Institution sind die regelmäßigen öffentlichen Treffpunkte junger Männer einer Nachbarschaft, birzha (Börse) genannt. Dieser Übergangsraum büßte jedoch seine integrative Funktion und gesellschaftliche Anerkennung mit der Entstehung eines postsowjetischen Gewaltmarktes im Zuge der Bürgerkriege der frühen 90er Jahre ein.

Die folgende Konfliktsituation - typisch im Tbilisi der späten 80er-Jahre - gebe ich aus der Perspektive von Achiko wieder. Achiko stammt aus einer angesehenen Intelligenzia-Familie und war zur Zeit des Interviews (1995) noch stolz darauf, sich trotz seines intellektuellen Hintergrundes das Prestige eines Guten Jungen (ein auf den Börsen angesehener Junge, der in Konflikten mitreden kann) erarbeitet zu haben.

Lederjackensammler
Achiko hatte als Vierzehnjähriger einen um ein Jahr jüngeren Börsenkumpel, Goga, dem sehr an einer Karriere in der kriminellen Welt lag. Ungeachtet seiner jungen Jahre hatte sich Goga schon einen einschlägigen Ruf als verwegener Jackenräuber auf den Börsen seines Viertels verschafft. Seine Freunde bestätigen, dass er in seiner Jugend 46 Jacken "abgezogen" habe. Es galt als Gogas Besonderheit, dass er seinen Opfern die eigene Visitenkarte mit Adresse hinterließ. Besondere Bewunderung wurde ihm von seinen Freunden dafür zuteil, dass er in den anschließenden Auseinandersetzungen mit den Opfern und deren Kumpel sich regelmäßig als gerechter Guter Junge durchsetzte.

Goga hatte sich nun eines Tages ein neues Opfer ausgespäht: einen jungen Studenten der Kunstakademie, der den Ruf eines Muttersöhnchens hatte. Zusammen mit Achiko und einem dritten Kumpel, die sich etwas abseits hielten, stellte Goga den Studenten. Er erklärte seinem Opfer, dass er dessen Jacke bekäme, da er als dedas bichi (Muttersöhnchen) keine Möglichkeit hätte, Goga von seiner ehrenwerten Haltung (kai bichoba) zu überzeugen. Der Student weigerte sich, seine Jacke herzugeben. Goga zeigte daraufhin eine Pistole der Marke Mauser und erklärte, dass seine Kumpel dahinten noch eine automatische Waffe hätten. Er lud die Waffe einmal durch, um mit der herausspringenden scharfen Patrone zu zeigen, dass die Waffe geladen war. Als der Student sich immer noch weigerte, der Aufforderung des Jungen Folge zu leisten, lud Goga noch einmal durch und reichte dem Studenten die Waffe mit den Worten: "Wenn du glaubst, dich mir widersetzen zu könne, dann beweise es".

Der Student nahm die Waffe, wurde bleich und erwiderte: "Wie alt bist du?". Goga nannte sein Alter. Der Student erklärte, er sei 17 Jahre alt, und fragte weiter, ob Goga jemanden lieben würde. Dieser verneinte die Frage. Daraufhin erklärte der Student: "Ich liebe ein Mädchen. Sie heißt Nino ... . Richte ihr aus, dass ich sie liebe und sie um Verzeihung bitte. Ich kann aber keine Kinder erschießen", hielt sich die Waffe an den Kopf und drückte ab.

Kein Schuss löste sich. Goga hatte nur zwei Patronen im Magazin gehabt. Der Student wurde nach dieser dramatischen Handlung von den drei Provokateuren umarmt, und Achiko meinte, dass der Student von da an moralisch über ihnen gestanden hätte.

Das Verhalten Gogas ist ein verbreitetes Spiel mit der Ehre in Georgien. In der Verbindung mit Gewaltmitteln ist es unter den Jungen eine Spielart des Offiziersroulettes (russisches Roulette), wobei allerdings der Zufall durch Menschenkenntnis und die Einschätzung der Nerven des Anderen eingegrenzt wird.

In Konfrontationen auf der Straße geht es darum, souverän zu reagieren. Das heißt, überhaupt zu reagieren und die Herausforderung nicht einfach geschehen zu lassen, aber auch keine Furcht zu zeigen. Angemessen zu reagieren heißt, die erforderliche Reaktion nicht opportunistisch nach dem tatsächlichen Kräfteverhältnis auszurichten und schließlich bei einer ungerechten Niederlage entweder die Sache später selbst zu regeln oder aber im Falle deutlicher Chancenungleichheit eine Regelung vor einer zuständigen und der Sache angemessenen Autorität zu finden.

Entscheidend ist, dass in der Konfliktbewältigung nicht auf die Verwandten, insbesondere nicht auf die Eltern, zurückgegriffen wird und keine staatlichen Institutionen bemüht werden. Dieses Verhalten markiert die einzige klare Grenzlinie zwischen dem Muttersöhnchen und dem Guten Jungen . Ansonsten ist das Spiel um Ehre relativ offen. Es ist bei weitem nicht immer vorhersehbar, welcher Prestigeressource sich die Kontrahenten bedienen werden. Entweder sie wählen eine der verschiedenen Formen verbaler Verhandlung, verlassen sich auf ihre Geschicklichkeit oder Verwegenheit in der Gewaltanwendung, oder sie stützen sich auf den Einfluss und die Stärke der Börse oder auf ihren Kontakt zu anerkannten Autoritäten der Unterwelt.

Die Zuweisung von Ehre und Schande

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Clique junger Männer 1997 beim Umtrunk in Tbilisi, Tschuguretis Ubani (Stadtteil). Foto: J. Koehler

Für die Zuschreibung von Ehre und Schande gibt es in der Schule der Straße eine Reihe von Agenturen. Innerhalb des Rahmens der Börsen sind dies die Autoritäten der Straße ( Alte Jungs , eine Art Profi-Brooker). Sie beurteilen Neulinge und Fremde anhand des Verhaltens in (zufälligen) Auseinandersetzungen und in eigens inszenierten Prüfungen, wobei die Prüfungen in einer offenen Provokation oder einer gemeinsamen Aktion stattfinden können. In der Zeit meines Feldaufenthaltes waren offene Provokationen die gängigsten Einstiege in eine Prüfungssituation. Etwa die in einem schnöseligen Georgisch und einem den Börsenjungs eigenen Tonfall geäußerten Fragen: "Hast du eine Zigarette?", "Hast du Streichhölzer?" oder "Wie spät ist es?". Prüfungen dieser Art in der gemeinsamen Aktion sind direkt der kriminellen Unterwelt entlehnt. Dort muss sich ein Anwärter, neben allgemeinen Verhaltensregeln und der Fähigkeit des verbalen Vermittelns von Gerechtigkeit, gerade auch in der kriminellen Aktion beweisen. Aber auch das Verhalten in formellen Auseinandersetzungen kann als Prüfungssituation dienen.

Gewaltspiele unter Gleichen
Gewalt hat das Potential, Räume zu öffnen, in denen die Regeln der Alltagswelt aufgehoben sind und scheinbar eigene Regeln existieren. Mit „Gewalt“ sind Handlungen und Zustände gemeint, die außergewöhnlichen Umständen entsprechen. Die Schule der Straße kann als ein Raum gesehen werden, in dem bekannte Grenzen überschritten, manchmal aufgelöst und neu gezogen werden. Der Jugendliche verlässt offizielle, unabhängig von ihm bestehende Räume, wenn er die Straße betritt: das Haus oder die Wohnung der Eltern bzw. Verwandten, den unmittelbar angrenzenden Hof, die Schule. Er verlässt zugleich den unbestrittenen Geltungsbereich familiärer Hierarchien und geteilter Verantwortung für Ehre und Schande, richtig und falsch, Recht und Unrecht. Er verlässt in den meisten Fällen auch einen Bereich gleicher ethnischer Zugehörigkeit, in dem Interaktion unter Gleichen in hierarchischen sozialen Schichten organisiert ist.

Die Straße mit ihren weitgehend nachbarschaftlich organisierten Börsen erkennt diese Grenzen nicht an. Da fast alle Nachbarschaften in Tbilisi ethnisch gemischt sind und sich im Konfliktfall zwischen Einzelpersonen, Börsen oder Börsenzusammenschlüssen grundsätzlich Gleiche gegenüberstehen, deren Autorität zumindest formal nicht an der ethnischen oder sozialen Herkunft festgemacht werden kann, versagen hier die häuslichen Begrifflichkeiten von sozialer Stellung. Entscheidend ist nicht, ob diese Vorstellungen (z. B. Überlegenheit einer ethnischen Gruppe über die andere) wirklich aufgegeben werden, sondern dass sie im Rahmen der Aushandlung von Prestige über die Zuweisung von Ehre und Schande in der Konfliktaustragung nicht als Argument zur Verfügung stehen. Diese spezielle "Entgrenzung" der üblichen anerkannten Räume in den sowjetischen Peripherien ist hervorzuheben, weil sich genau hierin die Schule der Straße als informell institutionalisierter Übergangsbereich von vielen street corner societies "westlichen Typs" unterscheidet. Hierin ist auch die Ursache dafür zu sehen, dass die Meisterung dieses Übergangsraumes eher Chancenreichtum als Beschränkung in der weiteren gesellschaftlichen Karriere bedeutet. Dieser spezifische Chancenreichtum steht den "Zuhausebleibenden" - Mädchen und Muttersöhnchen - nicht offen.

Neue Konfliktdynamiken und der Niedergang der Schule der Straße
Bis zum Zerfall der Sowjetunion war die Schule der Straße relativ harmlos und gesellschaftlich anerkannt. Der Staat hatte in der offiziellen Welt einen deutlichen Anspruch auf das Gewaltmonopol. Andererseits gab es die soziale Schicht der Diebe, der höchsten Würdenträger der kriminellen Welt, die ihrerseits Monopolisierungsbestrebungen von Gewalt(mitteln) und Gerechtigkeit in der Unterwelt betrieben. Einfach gesagt, hatten die Jungs überhaupt keine Chance, sich auf eigene Faust eine AK-47 oder Makarow-Pistole zu organisieren, um im eigenen Aktionsradius Raubüberfälle zu organisieren. Diese Versuche wurden sowohl vom Staat als auch von den Dieben eingedämmt. Die Gewaltmittel, die der Prestigeökonomie der Straße damals zur Verfügung standen, waren im Wesentlichen auf Fäuste und seit den 70er-Jahren vermehrt auch auf Messer beschränkt.

Mit dem Zerfall des staatlichen Gewaltmonopols ab 1989 und der Konjunktur militärisch bewaffneter Banden aus dem Erbe der staatlichen Gewaltdienste fiel auch die Welt der Diebe überall in der ehemaligen Sowjetunion in Agonie, und es wurde deutlich, dass diese eigentümliche Organisationsform der Unterwelt in ihrer Existenz von den Besonderheiten sowjetischer Staatlichkeit abhängig gewesen war.

In diese Umbruchszeit fiel die erste Phase meiner Feldforschung. Es war die Zeit der Hochkonjunktur des Mediums "Gewalt" auf den Börsen Tbilisis und anderer Städte. Die Börsen standen als im Umgang mit familien- und staatsunabhängiger Gewalt geübte Institutionen zur Verfügung und wurden von den neuen Konjunkturrittern des Bürgerkrieges genutzt. Je nach den lokalen Loyalitäten bekam man dort über die Kriegsherren zusehends Zugang zu Kriegsgerät und Protektion.

Dieselben Spiele, die noch wenige Jahre vorher mit einem blauen Auge oder gekränktem Stolz ausgegangen wären, verliefen nun oft tödlich. Angedrohter Gewalt zugunsten der eigenen Ehre zu widerstehen wurde immer öfter zu einer Frage von Leben und Tod - eine Option, die den Börsenveteranen vorangegangener Generationen fremd war.

Diese neuen Gewaltformen, die sich den Regeln der Familie, der Diebeswelt und der Guten Jungs entzogen, wurden insgesamt als grenzenlos ( bezpredel ) bezeichnet. Die Schule der Straße hatte ihren anerkannten pädagogischen Wert eingebüßt und wurde nun als Schule der Grausamkeit gesehen.

Die Prestigeökonomie dieser neuen Organisationsform junger Männer unterschied sich erheblich von den an moralischen Referenzsystemen ausgerichteten Verfahren des Umgangs mit Gewalt in den Räumen der Straße: In einem sich selbst verstärkendem Kreislauf wurde die Gewaltanwendung zum entscheidenden Faktor für Prestigegewinn und Ressourcenausbeutung. Prestige wurde nicht mehr durch kontrollierte Gewalt, sondern durch bloße Gewalt gewonnen, und damit verloren die Hüter der Kontrollmechanismen ihren Einfluss. Diese direkte Koppelung von Gewalt und Prestige trat immer häufiger an die Stelle des Ordnungssystems der Schule der Straße , das in den zur Verfügung stehenden Verfahren der Konfliktaustragung geregelte Offenheit angeboten hatte.

Obwohl die Schule der Straße ein Raum innovativer Anpassungsfähigkeit war, erwies sie sich als unfähig, unter den Bedingungen des Gewaltmarktes der Ökonomisierung von Gewalt zu widerstehen, und büßte so letztlich ihre gesellschaftliche Legitimation ein.

Weiterführende Literatur

Elwert, Georg (1997): 'Gewaltmärkte. Beobachtungen zur Zweckrationalität der Gewalt'. In: T. v. Trotha (Hrsg.): Soziologie der Gewalt. Köln: Westdeutscher Verlag. S. 86-10
Koehler, Jan (2000): Die Zeit der Jungs. Zur Organisation von Gewalt und der Austragung von Konflikten in Georgien. Münster, Hamburg, London: LIT
Koehler, Jan (2003): Die Schule der Straße. Georgische Cliquen zwischen Kämpfen um Ehre und organisierter Kriminalität. In: U. Luig and J. Seebode (Hrsg.): Ethnologie der Jugend: Soziale Praxis, moralische Diskurse und inszenierte Körperlichkeit. Münster, Hamburg und London: LIT
Sutterlüty, Ferdinand (1998): Wie werden Jugendliche zu Gewalttätern? In: J. Koehler und S. Heyer (Hrsg.): Anthropologie der Gewalt. Chancen und Grenzen der sozialwissenschaftlichen Forschung. Berlin: VWF. S. 27-27

Zum Autor

Jan Koehler ist Ethnologe und Co-Leiter des CSCCA-Projektes (Accounting for State-Building, Stability and Violent Conflict: The Institutional Framework of Caucasian and Central Asian Transitional Societies) am Osteuropainstitut der FU Berlin (http://www.oei.fu-berlin.de/cscca).


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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