VERSÖHNUNGSZEREMONIEN NACH BLUTRACHE

Mündliche Kommunikation in Nordalbanien

Von Stéphane Voell

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Traditioneller Ort für Stammesversammlungen am Fluss Fan i vogël in der Nähe von Orosh, Mirdita. Der Ort ist heute als nationales Denkmal klassifiziert. Foto: St. Voell

Wenn von Oralität oder Mündlichkeit gesprochen wird, dann denkt man häufig nur an Kommunikation, die über die Stimme geführt wird. Der Unterschied zwischen den so genannten Schriftkulturen und den überwiegend mündlich geprägten Gesellschaften liegt jedoch nicht darin, dass bei den einen geschrieben, was bei den anderen gesprochen wird. Auch in Schriftkulturen gibt es immer noch Oralität, und mündliche Gesellschaften verfügen ebenfalls über weitere Kommunikationsmöglichkeiten neben dem gesprochenen Wort. Tendenziell wird in Schriftkulturen das geschriebene Wort als Träger wichtiger Information bevorzugt, während in der Oralität keine strikte Hierarchie der Kommunikationskanäle besteht. Daher ist orale Kommunikation plurimedial. Spiel, Tanz, Ritual oder Kleidung, Körperbemalung und Bilder können gesellschaftlich wichtige Botschaften transportieren. Keine einzelne Form der Kommunikation ist bei mündlich geprägten Gesellschaften so vorherrschend wie das geschriebene Wort in Schriftgesellschaften. Ich stelle nun ein Beispiel plurimedialer oder performativer Kommunikation vor: die Versöhnungszeremonie nach Blutrachefällen in Nordalbanien.

Im heutigen Nordalbanien hat Mündlichkeit immer noch eine große Bedeutung. Ich meine damit nicht, dass die Menschen dort nicht lesen und schreiben können. Das sozialistische Regime hat bis 1991 große Anstrengungen in Albanien unternommen, das ganze Land zu alphabetisieren. Jedoch ist dort Schrift ein Kommunikationsmedium neben anderen. Schriftliche Verträge bedeuten nicht viel. Dies ist beispielsweise bei Streitigkeiten nach Diebstahl oder Landkonflikt zu bemerken. Die Konflikte in Nordalbanien werden noch immer nach dem "Kanun" gelöst, das heißt dem vergessen geglaubten nordalbanischen Gewohnheitsrecht, das in den turbulenten Jahren nach dem Fall des Sozialismus im Jahre 1991 wieder an Bedeutung gewann. Wenn ein Konflikt über Älteste oder Anführer der Großfamilien vermittelt und ein Kompromiss gefunden wurde, dann reicht es nicht aus, wenn die Konfliktparteien ein Schriftstück mit dem gefundenen Kompromiss unterschreiben. Die gütliche Lösung des Konflikts muss öffentlich aufgeführt werden. Dies kann in einer Bar mit einer Tasse Kaffee erfolgen, bei beigelegten schwerwiegenden Problemen wie Blutrache ist die Bühne für die Aufführung der Konfliktlösung weitaus größer.

Die Praxis der Blutrache in Nordalbanien ist ein komplexes Phänomen und regional sehr unterschiedlich. Mal wird Blutrache nach so genannten traditionellen Regeln praktiziert, mal ist Blutrache ein ideologischer Deckmantel für Bandenkriminalität. Aber ich will hier nicht die Blutrache diskutieren (ich verweise auf die angeführte Literatur), nur das grundlegende Prinzip soll kurz erläutert werden. Das erste Blutvergießen ist häufig auf die verletzte persönliche Ehre zurückzuführen. Die Ehre ist in Nordalbanien ein hohes Gut und wird sie verletzt, ist ihre Wiederherstellung meist nur dadurch möglich, dass man auf die Person schießt, von der man "geschändet" wurde. Das ist in der Praxis zwar nicht ganz so einfach, aber so ist die idealtypische Vorstellung vieler Nordalbaner. Ehre in diesem Sinne können nur Männer verlieren. Sollte eine Frau entehrt werden, dann fällt die Aufgabe, zu rächen, auf die Männer ihrer Familie zurück. Die Antwort auf eine Tötung nach einer Ehrverletzung lässt den Prozess der Blutrache beginnen, denn wurde ein männliches Familienmitglied getötet, obliegt es den anderen männlichen Mitgliedern, sich wiederum an dem Mörder oder seinen männlichen Verwandten zu rächen.

Die gerichtliche Behandlung der Fälle ist bis jetzt meist unzureichend, denn wenn ein Mörder nach einer Tötung in einer Blutrache von der Justiz zu Gefängnis verurteilt wurde, dann löst dies nicht das Problem. Die Familie des Toten kann entweder darauf warten, dass der Mörder wieder frei kommt, und ihr verlorenes Familienmitglied dann rächen, oder sie rächen sich an anderen männlichen Verwandten des Mörders. Die Gefängnisstrafe scheint nicht abschreckend zu sein. Blutrache kann jedoch über die Vermittlung von Ältesten oder Mediatoren von Nichtregierungsorganisationen vermittelt werden.

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Blick auf das nordalbanische Puka. Mehrere Versöhnungsorganisationen versuchen hier, Landkonflikte und Blutrache zu vermitteln. Foto: St. Voell

Es gibt zwei Arten der Versöhnung: die Verzeihung ( pajtim ) und den Verzicht ( falje e gjakut ). Der Verzicht auf die Blutrache bedeutet, dass die Familie, die das Blut eines Verwandten rächen muss, dazu bewegt wird, von ihrer Pflicht abzusehen und der anderen Familie zu verzeihen. Das nicht gerächte Blut wird über Blutgeld ausgeglichen. Die Verzeihung ist eine Versöhnung nach einer ungefähr gleichen Anzahl von Toten auf beiden Seiten. Die Verzeihung ist am wahrscheinlichsten, wenn dieses Gleichgewicht erreicht ist. Wann genau ein Verzicht oder eine Versöhnung gesucht wird, ist schwer zu sagen. Entweder einigen sich die Streitparteien selbst darauf, den Vermittlungsprozess zu beenden, weil sie erkannt haben, dass die Blutrache ein Ende haben muss, oder anerkannte Vermittler, Pfarrer und andere Älteste sprechen die Konfliktparteien von außen an.

Erst nachdem die Ältesten oder Vermittler in langer Arbeit eine Übereinkunft mit den Blutracheparteien erreicht und beide Seiten einer Versöhnung zugestimmt haben, kommt es zur abschließenden Versöhnungszeremonie. Da die Verhandlungen der Ältesten oder Vermittler keine öffentliche Angelegenheit sind, muss die gütliche Einigung anschließend bekannt gegeben werden. Dafür reicht es nicht aus, die Nachricht über die Versöhnung mündlich oder schriftlich zu verbreiten. Innerhalb der Abschlusszeremonie wird der langwierige Mediationsprozess öffentlich gemacht und damit die Versöhnung zelebriert. Heutzutage lädt man dazu die Presse ein. Wichtige Personen von internationalen Organisationen und Lokalpolitik geben der Veranstaltung weiteres Gewicht.

Die Veranstaltung findet meist an besonderen Tagen statt, das heißt an religiösen Festen wie Ostern, Sankt Nikolaus oder Weihnachten. Eine Gruppe von Menschen macht sich in aller Frühe auf den Weg. Vorneweg geht der Pfarrer, er trägt Kruzifix und Evangelium mit sich. Ihm folgen Männer, die vier bis sechs Wiegen mit Säuglingen vor sich her tragen. Manchmal liegen die Säuglinge falsch herum in ihrer Wiege, und erst nach einer erfolgten Versöhnung werden sie richtig herum gedreht. Der Wiege folgt der reuige Mörder. Die Albaner nennen ihn fajtor (Schuldiger) oder katil (Schlächter, Mörder, Unmensch). Seine Hände sind auf seinen Rücken gefesselt. Hinter dem fajtor gehen Freunde und Angehörige, manchmal auch entfernte Familienmitglieder des Opfers.

Ziel dieser Prozession ist das Haus des nächsten Verwandten des Toten. Dies ist in der Regel der Hausherr des Haushaltes, aus dem der Tote stammt. Der Hausherr wird falësi (Vergebender) oder zoti e gjakut (Herr des Blutes) genannt. Der Priester klopft nach Ankunft der Prozession an die Tür des falësi : „O Kol Preng Name , öffne diesen Männern und Christus die Tür.“ Alle Teilnehmer des Zuges werden in das Innere des Haus geleitet, doch niemand setzt sich. Es wird weder Kaffee noch Raki gereicht.

Der falësi tut, als wüsste er nicht, was die Anwesenden begehren, und fragt nach der Absicht des Besuches. Mal ergreift zunächst der Priester das Wort, mal ist es das eloquenteste anwesende Mitglied der Familie des fajtor , der dem falësi antwortet. In der Rede wird betont, dass die Familie des falësi sicherlich viel Leid erfahren habe. Die Verzeihung jedoch sei die Pflicht eines jeden Christen und sei des Tapferen viel würdiger, als Rache zu nehmen. Der Priester fleht im Nahmen des Kreuzes, des heiligen Buches und des unschuldigen Blutes den falësi um Vergebung an.

Doch der falësi gibt nicht so schnell nach. Es folgt eine längere Phase des Sträubens vor der Verzeihung auf der einen Seite und des ununterbrochenen Bittens und Flehens auf der anderen. Der falësi zählt die Verdienste des getöteten Familienmitgliedes auf und sagt, dass sein Herz nicht bereit sei. Doch endlich, nach manchmal mehreren Stunden des Bittens und des Sträubens, ist der falësi zur Versöhnung bereit. Entweder geschieht dies sehr kurz: Der falësi sagt lediglich, dass er dem fajtor verzeihe, was auch die anderen Mitglieder der Familie des falësi der Reihe nach sagen. Oder aber die Geste der Verzeihung ist komplexer. Der falësi bittet die Angehörigen des fajtor ins Haus. Letzterem nimmt man endlich die Fesseln mit den Worten ab, es sei ihm verziehen.

Heutzutage ist die Phase des Bittens und Sträubens allerdings kürzer. Die Teilnehmer der Prozession werden direkt ins Haus des falësi gebeten, allerdings nicht sofort bewirtet. Nach einigen informellen Gesprächen gehen der Priester und alle anderen Anwesenden aus dem Haus. Auf den Boden legt der Priester ein Lorbeerblatt, die Bibel und ein Kreuz. Alle hocken sich nacheinander vor die Bibel, legen die Hand darauf und schwören: „Ich schwöre, dass ich nicht mit Recht getötet habe, ich habe keinen Konflikt mit ihm, und ich wusste nicht, wer er war.“

Nach der Verzeihung folgt ein Gastmahl im Haus des falësi . Meist bringen der fajtor und seine Familie alles Notwendige für das Mahl mit. Es wird viel gegessen und getrunken. Nach einiger Zeit versuchen der Priester und die Familienmitglieder des fajtor , eine Verringerung oder einen Erlass des Blutgeldes beim falësi zu erreichen. Letzterer hat nach der Versöhnung das Blutgeld oder ein Pfand dafür entgegengenommen. Der falësi sagt in der Regel etwas wie "Die Rache erlasse ich dir, aber die Buße will ich" und bittet dann um das Blutgeld, das heutzutage zwischen 50.000 und 600.000 Lek (ca. 350 bis 4.250 Euro) liegen kann.

Während des Mahls wird immer wieder um eine Herabsetzung der Höhe des Blutgelds gebeten. Dies wird schließlich erreicht, vor allem deswegen, weil der falësi einwendet, dass er kein Geld für ein getötetes Familienmitglied nehmen wolle, dies sei ehrlos. In einigen Fällen kommt es dazu, dass das Blutgeld zwar zunächst genommen, dann aber der Kirche gespendet wird. Anstelle des kostspieligen Mahls findet man heute auch kleinere Gerichte. Die Anwesenden trinken gemeinsam Raki, und jeder der Anwesenden gibt Trinksprüche zu Ehren der Versöhnten aus. Die Frauen des Hauses bringen das so genannte Blutbrot ( buka e gjakut ), das sich die Anwesenden teilen und gemeinsam essen. Danach gehen Letztere gemeinsam in das Haus des fajtor und trinken schwarzen, ungesüßten Kaffee. Dies geschieht sonst nur bei Beerdigungen.

Nach dem Gastmahl wird die Versöhnung über verschiedene weitere Gesten und Riten gefestigt. Zum Zeichen des Löschens der Blutschuld findet man heute in Mirdita die Praxis, dass der falësi zum Haus des fajtor geht und auf den rechten Türstock mit einem Nagel ein Kreuz ritzt. Der Nagel wird nach dem Einritzen über die Schultern hinweg über das Haus des fajtor geworfen. Das eingeritzte Kreuz ist das Zeichen für eine versöhnte Blutrache. Danach reicht man sich die Hände, zuerst der fajtor mit dem falësi , anschließend mit dem Pfarrer, dann mit den Ältesten der beteiligten Familien und schließlich mit den Gästen und den eingeladenen Journalisten. Vor allen Anwesenden verzeiht der falësi dem fajtor noch einmal die Tat.

Es gilt nochmals zu betonen, dass die abschließende Zeremonie nach Konfliktlösungen keinesfalls die Versöhnung selbst ist. Die Zeremonie erfolgt erst dann, wenn die vorhergehende Vermittlung erfolgreich war und beide Konfliktparteien sich mit der Lösung einverstanden erklärt haben. Die Versöhnungszeremonie nach einer vermittelten Blutrache mag daher wie ein übersteigertes Schauspiel wirken, das eigentlich nicht erforderlich ist, weil die Lösung schon feststeht. Es ist in der Tat eine Inszenierung, die aber einen integralen Bestandteil des Lösungsprozesses bildet. Die Lösung muss öffentlich aufgeführt werden. Sie wird auf diese Weise der Öffentlichkeit bekannt gegeben. Die Konfliktparteien erkennen öffentlich an, dass sie mit der Lösung einverstanden sind und dass die Parteien sie respektieren.

Weiterführende Literatur

Voell, Stéphane 2004. Das nordalbanische Gewohnheitsrecht und seine mündliche Dimension (Reihe Curupira, 17). Marburg: Curupira. 365 Seiten.
Schröder, Ingo W. und Stéphane Voell 2002. Moderne Oralität. Ethnologische Perspektiven auf die plurimediale Gegenwart (Reihe Curupira, 13). Marburg: Curupira. 305 Seiten.
Schwandner-Sievers, Stephanie 1996. Zur Logik der Blutrache in Nordalbanien. Ehre, Symbolik und Gewaltlegitimation. In: Sociologus (Berlin) 46, 2: 109-129.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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