SELBSTBEHAUPTUNG EINER MÜNDLICH ÜBERLIEFERTEN RELIGION

Zur Sprechkultur bei den Kiranti im Hindu-Königreich Nepal

Von Martin Gaenszle

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Mewahang-Tribalpriester bei der Anrufung der Ahnengottheit Sarangdew. Foto: M. Gaenszle

Die Kiranti in Ostnepal haben eine vielseitige und noch weitgehend lebendige orale Tradition, die (je nach Untergruppe) mundhum, muddum, ridum oder ähnlich genannt wird. Diese besteht zum einen aus Mythen, das heißt Erzählungen über den Ursprung und die Taten der Ahnen, und zum anderen aus Ritualtexten in einer eigenen Ritualsprache, hauptsächlich Anrufungen der Ahnen. Die Religion der Kiranti ist vor allem eine mündliche Praxis: Im Wesentlichen ist sie eine sprachliche Kommunikation mit den Vorfahren, ein ständiges Anreden, Bitten, Versprechen und Verhandeln. Dabei werden auch Gaben ausgetauscht, sodass Religion ein Geben und Nehmen ist (vor allem durch Opfer von Feldfrüchten und Haustieren). Aber kaum etwas geschieht ohne die dazugehörenden Worte, die ebenfalls als eine Gabe an die Ahnen betrachtet werden.

Bei den Mewahang Rai zum Beispiel, einer Untergruppe der Kiranti, gibt es folgende Sprechgenres. Erstens die zeremoniellen Dialoge. Hierbei handelt es sich um Verhandlungen, die von Vertretern (meist Älteste) zweier Parteien geführt werden, etwa von Frauengebern und Frauennehmern im Rahmen der Heiratsverhandlungen oder von Angehörigen des Verstorbenen und den Trauergästen im Rahmen der Totenrituale. Zweitens Laienanrufungen, das sind Anrufungen, zu denen grundsätzlich jeder Erwachsene in der Lage ist. Sie finden zum Beispiel im Rahmen des Totenrituals oder auch anlässlich des alljährlichen Ernteritus statt. Drittens Anrufungen der Ältesten: Dies sind etwas längere Texte, etwa die Anrufungen am Hausschrein, am Herd oder das "Heben der Kopfseele". Und viertens die Rituale der initiierten Spezialisten. Dies sind die komplexeren Rituale der Tribalpriester ( ngo:pa ) und Schamanen ( makpa ), die der Sicherung des häuslichen Wohlstands und der persönlichen Vitalität dienen und sich über viele Stunden hinziehen. Diese Rituale beinhalten im Allgemeinen Wahrsagungen sowie gesungene rituelle Reisen. Für die meisten Kiranti wäre es widersinnig, diese Worte aus einem Buch abzulesen – es wäre ein Affront gegen die Vorfahren. Und doch übt die Schrift als Medium religiöser Texte schon seit längerer Zeit eine Faszination aus.

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Statue des von Unbekannten ermordeten Erfinders der Kiranti-Schrift. Foto: M. Gaenszle/CPDP

Bis heute wird diese orale Sprechkultur in den allermeisten Kiranti-Siedlungen in den östlichen Bergen Nepals praktiziert. Allerdings gibt es viele Entwicklungen, die diese Sprachen und Oraltraditionen bedrohen. Die Nationalsprache Nepals, das Nepali, ist überall auf dem Vormarsch. Durch den Handel, die staatliche Verwaltung und vor allem durch die staatlichen Schulen, in denen noch vor nicht allzu langer Zeit das bloße Sprechen indigener Sprachen verboten war, verbreitet sich diese indoeuropäische Sprache in alle Täler des Landes und verdrängt die lokalen Sprachen. Viele Sprecher der kleineren Sprachen (es gibt über 100 Sprachen in Nepal) sehen diese selbst als minderwertig an und wechseln zur Nationalsprache, die mit mehr Prestige verbunden ist. In neuerer Zeit jedoch, vor allem seit der Demokratiebewegung von 1990, die zu einer neuen Verfassung führte, gibt es aber auch eine Wiederentdeckung des Wertes der eigenen Sprache und Kultur. Teilweise wird sogar militanter Widerstand gegen die als unterdrückerisch empfundenen staatlichen Institutionen des Hindu-Königreichs geleistet. Um diese Entwicklungen richtig zu verstehen, ist es sinnvoll, einen kurzen Blick auf den geschichtlichen Kontext zu werfen.

Historischer Hintergrund: Die Kiranti und das Hindu-Königtum

Die Kiranti-Gruppen haben seit langem den Ruf, leidenschaftliche Krieger zu sein, und tatsächlich haben sie bis ins 18. Jahrhundert den kleinen Hindu-Königtümern im Süden (Udaypur, Makwanpur etc.) militärische Unterstützung gegeben. Doch in den Jahren 1772-74 wurden die Kiranti vom König Gorkhas, Prithvi Narayan Shah unterjocht und dadurch Teil des Hindu-Königreichs Nepal. Wegen ihrer Lage am östlichen Rand des Territoriums und weil bekannt war, dass diese tribalen Gruppen leicht ihre Loyalität dem König von Sikkim erweisen konnten, behandelten die neuen Herrscher in Kathmandu die Kiranti mit Vorsicht. Es wurde ihnen weitreichende Autonomie zugestanden: Der Status der lokalen Oberhäupter wurde durch den König anerkannt, und die Menschen konnten ihre kulturellen Praktiken weiter pflegen, solange sie Steuern zahlten, die grundlegenden Gesetze achteten und das Verbot der Kuhtötung einhielten. Von besonderer Bedeutung war dabei das Privileg, die kommunale Form des Bodenrechts beizubehalten, das so genannte kipat -System. Dieses bedeutete, dass Landbesitz den Kiranti vorbehalten war, denen das Land aufgrund ihrer ethnischen Abstammung gehörte. Dadurch war es schwierig für Neusiedler Äcker zu erwerben.

Doch im Laufe der Zeit wurde dieser Status der Semi-Autonomie untergraben. Indem sie eine Politik der schrittweisen Abschaffung des kipat -Systems verfolgten und gleichzeitig die lokalen Oberhäupter stärkten - und damit das traditionelle politische System auflösten - gelang es den Gorkhali-Herrschern zunehmend, die Kiranti-Region zu kontrollieren und anzugleichen. Der Staat unterstützte die Besiedlung durch Immigranten, vor allem verschiedene Hindu-Kasten aus Westnepal, die Land erwerben konnten, indem sie nicht bebautes Land besetzten. Nicht selten schafften es diese Immigranten, vor allem Brahmanen, die als Geldverleiher fungierten, sich kipat -Land anzueignen und es in Individualbesitz umzuwandeln. Gleichzeit aber wurden die brahmanische Kultur und die Hindu-Religion generell immer einflussreicher.

Die Kiranti reagierten in ambivalenter Weise. Auf der einen Seite neigten sie dazu, die religiösen Werte der Hindus aufgrund des Prestiges dieser Schrifttradition zu respektieren. So wurden schon frühzeitig verschiedene Feste, wie Dasain und Tihar, in die Kultur der Kiranti integriert. Aber auf der anderen Seite waren sie auch stolz auf ihre ethnische und sprachliche Identität: Sie kämpften für die Erhaltung ihrer bodenrechtlichen Vorrechte (des kipat –Systems) und auch für ihre kulturelle Autonomie, wie sie in der oralen Tradition, ihrer Sprechkultur, zum Ausdruck kommt.

Die „Entdeckung“ der Kiranti-Schrift

Die ambivalente Haltung gegenüber der hinduistischen Tradition tritt mit besonderer Deutlichkeit in der Satyahangma-Bewegung zutage, die von einem charismatischen Führer namens Phalgunanda ins Leben gerufen wurde. Phalgunanda Lingden war ein Limbu (Angehöriger der größten Untergruppe der Kiranti), der für einige Zeit als Gurkha in der Britischen Armee gedient hatte und in die hinduistische Jasmani-Sekte initiiert worden war. In den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts begann er schließlich. eine neue Religion zu verkünden, die auf einer Revitalisierung der Kiranti-Traditionen beruhte. Er rief die Kiranti dazu auf, nur ihre eigene Sprache zu sprechen und in der so genannten Kiranti-Schrift zu schreiben. Diese Schrift, die auch als Srijanga-Schrift bekannt ist, hat teilweise Ähnlichkeiten mit der tibetischen Schrift und wurde im 18. Jahrhundert entwickelt, als sich das buddhistische Königreich Sikkim bis in das Kiranti-Gebiet im heutigen Nepal erstreckte. Die Verbreitung dieser Schrift wird generell dem buddhistischen Mönch Srijanga zugeschrieben, der schließlich ermordet wurde. Es ist unklar, wer hinter der Tat steckte, doch Srijanga wird heute als ein Märtyrer verehrt, der für die Sache der Kiranti eintrat und dafür sterben musste (siehe das vor kurzem errichtete Denkmal in Dharan, Abb. 2). Für Phalgunanda und seine Anhänger war die Existenz dieser Schrift, die schon fast vergessen worden war, ein Beweis für eine uralte Schrifttradition der Kiranti, die ihre Religion jener der Hindus und Buddhisten ebenbürtig machte. Die mündliche Überlieferung wurde nun ansatzweise verschriftlicht. Tatsächlich aber war die neue Religion Phalgunandas stark von hinduistischen Idealen und Praktiken geprägt: Er hielt die Kiranti dazu an, kein Fleisch mehr zu essen und keinen Alkohol mehr zu trinken. Wenn sie eine solchermaßen gereinigte Religion praktizierten, so würden sie auch ihr verlorenes kipat -Land wiedererhalten. Einige Jahre hatte die Bewegung großen Zulauf, doch nach dem Tod Phalgunandas um 1940 verlor sie an Gewicht bis sie sich schließlich nahezu völlig auflöste.

Selbstbehauptung und revolutionärer Kampf

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Ritueller Umzug von Anhängern der Kiranti-Organisation "Kirat-Yayokkha". Foto: M. Gaenszle/CPDP)

Seit mit der neuen Verfassung von 1990 die Gründung ethnischer Organisationen nicht mehr verboten ist, gibt es eine allgemeine Wiederentdeckung der eigenen Traditionen. Es wurden zahlreiche Kiranti-Kulturorganisationen gegründet (wie zum Beispiel Kirat Rai Yayokkha), welche es sich zur Aufgabe gemacht haben, die indigenen Traditionen zu stärken und, wenn nötig, wiederzubeleben. Besonders für die städtischen Kiranti haben diese Organisationen eine große Bedeutung als kommunaler Brennpunkt und Basis eines neuen Selbstbewusstseins. So werden zum Teil lokale Traditionen, wie die Tänze im Rahmen der Territorialkulte im Frühjahr, in die Stadt verlegt, neu gestaltet und häufig damit auch vereinheitlicht. Am Vollmondtag im Mai zum Beispiel treffen sich seit einigen Jahren regelmäßig verschiedene Rai-Gruppen unter dem Banner ihrer Organisation, um gemeinsam den Sakela-Tanz zu feiern – jede Gruppe etwas anders, aber dennoch zusammen.

Diese Entwicklungen führten auch zu einer Wiederbelebung der Satyahangma-Bewegung durch Atmananda, einen Nachkommen Phalgunandas. Vor allem für die etwas wohlhabenderen Kiranti der Mittelklasse ist seine Version einer hinduisierten, verschriftlichten Kiranti-Religion attraktiv. Es werden mithilfe von Spenden zunehmend Tempel gebaut und Texte publiziert, die ein neues Selbstverständnis repräsentieren.

Andererseits aber wird in jüngerer Zeit vielen Kiranti wieder der Eigenwert ihrer oralen Tradition bewusst. Anstatt sie den Schriftreligionen anzugleichen, entdecken sie mit neuem Stolz den Reichtum ihrer mündlich überlieferten „Naturreligion“ (dieser Terminus wird dabei gerne verwendet). Zum Erhalt der oralen Texte werden mit Unterstützung der Kulturorganisationen zahlreiche kleine Publikationen herausgebracht, doch werden diese im Allgemeinen in den Ritualen selbst nicht verwendet. Das neue Selbstbewusstsein nimmt auch radikale politische Formen an: In einigen Gebieten haben sich militante Kiranti der maoistischen Bewegung, die gegen die Hindu-Monarchie kämpft, angeschlossen und eine „Kirant Autonomous Region“ ausgerufen. Wie auch immer diese Kämpfe, ob auf kultureller oder politischer Ebene, weitergehen, es bleibt in jedem Falle offen, ob und wie die indigene Sprechkultur an die nächste Generation weitergegeben wird. Denn die orale Tradition als sprachliche Kompetenz des Erzählens und Rezitierens ist gleichwohl bedroht.

Weiterführende Literatur

Caplan, L. (1970). Land and Social Change in East Nepal: A Study of Hindu Tribal Relations. London: Routledge and Kegan Paul.
Gaenszle, M. (1991). Verwandtschaft und Mythologie bei den Mewahang Rai in Ostnepal. Eine ethnographische Studie zum Problem der 'ethnischen Identität'. Stuttgart: Franz Steiner Verlag Wiesbaden.
Gaenszle, M. (2002). Ancestral Voices: Oral Ritual Texts and their Social Contexts among the Mewahang Rai in East Nepal. Münster, Hamburg, London: LIT Verlag.

Zum Autor

PD Dr. Martin Gaenszle, Südasien-Institut, Universität Heidelberg Feldforschungen in Nordindien und Nepal martin.gaenszle@urz.uni-heidelberg.de


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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