GESCHICHTEN ERZÄHLEN

Eine afrikanische Tradition zur Vermittlung moralischer Wertvorstellungen

Von Sabine Dinslage

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Kinder einer Großfamilie der Lyela in Burkina Faso. Foto: S. Dinslage

Afrikanische Gesellschaften, die über keine eigene Schriftsprache verfügen, bewahren ihr kulturelles Erbe in den traditionellen Formen der mündlichen Überlieferung. Es werden Geschichten erzählt, die traditionelle Werte, Normen und moralische Verhaltensmuster verdeutlichen und bewahren. Diese Geschichten geben nicht nur Einblick in das kulturelle Erbe verschiedener Ethnien, sondern für die Menschen selbst schafft die Erhaltung der oralen Überlieferungen ihrer Vorfahren Traditionsbewusstsein und ein Gefühl für gemeinsame Wurzeln.

Während meiner Feldforschungsaufenthalte bei drei ethnischen Gruppen in Westafrika, den Lyela in Burkina Faso, den Bulsa in Ghana und den Jukun in Nigeria, erlebte ich den Wert oraler Tradition speziell im Familienleben. Bei allen drei Großfamilien, mit denen ich jeweils für Monate eng zusammenlebte, gehörte das Geschichtenerzählen zum abendlichen Beisammensein. Diese Zusammenkünfte bieten nicht nur den Erwachsenen nach getaner Arbeit einen willkommenen Anlass zu Entspannung und heiterer Kommunikation, sondern sie haben im Hinblick auf die zuhörenden Kinder und Jugendlichen auch eine pädagogische Funktion.

In den meisten noch traditionell lebenden afrikanischen Gesellschaften gibt es weder schriftlich festgelegte Verhaltensmuster noch eine formale Erziehung; was nicht heißt, dass Kinder in diesen Gesellschaften völlig ohne Regeln und Verhaltensvorschriften aufwachsen. Es gibt viele Methoden, mit deren Hilfe die Kinder lernen, ihren angemessenen Platz in der Gemeinschaft zu finden, wobei die einfachste und bevorzugte Methode das Erzählen von Geschichten ist. Erzählungen werden von jeher von Eltern und Erwachsenen als ein pädagogisches Instrument benutzt, den Kindern einen Leitfaden für traditionsgemäßes Verhalten an die Hand zu geben und ihnen zu helfen, einen Sinn für ethnische Solidarität zu entwickeln.

So dienen zum Beispiel Erzählungen, die Muster von sexuellen Verhaltensweisen und Moralvorstellungen enthalten, auch heute noch als Mittel zur Aufklärung der Kinder und Jugendlichen. Außerdem geben sie eine Art Anleitung für den Umgang mit Sexualität im Familienleben und in der Beziehung der Geschlechter zueinander. Neben der Aufklärungsfunktion vermitteln diese Geschichten aber auch Aussagen über die sozialen Rollen und moralischen Werte der jeweiligen Gesellschaften.

Während meines Forschungsaufenthaltes bei den Bulsa in Ghana war ich in einer Großfamilie als vollwertiges Familienmitglied integriert, konnte an den abendlichen Erzählrunden teilnehmen und miterleben, in welch lebhafter und drastischer Art die Erzählungen vorgetragen wurden. So zeigte sich auch der offensichtlich natürliche, freie und humorvolle Umgang der Bulsa mit sexuellen Themen.

Die grundlegende Natur der Bulsa ist offen und freundlich, und im täglichen Leben nutzen sie jede Gelegenheit zum Lachen, Scherzen und Spaß haben. In diesem Zusammenhang werden sexuelle Themen nicht vermieden; im Gegenteil, unter Freunden sind sexuelle Andeutungen und Witze durchaus üblich und fördern die allgemeine Heiterkeit der Kommunikation.

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Zuhörerschaft beim Geschichtenerzählen bei den Bulsa in Nordghana. Foto: S. Dinslage

Kinder sind von solchen Erzählrunden nicht ausgeschlossen. Niemals werden Kinder weggeschickt, wenn sexuelle Themen zur Diskussion stehen. So wachsen die Kinder bei den Bulsa in einer Atmosphäre von sexueller Offenheit und Freizügigkeit auf. Am Abend, wenn sich die Menschen in den Gehöften versammeln, um Geschichten zu hören und zu erzählen, sind immer Kinder allen Alters unter der Zuhörerschaft vertreten. Die meisten dieser gebotenen Erzählungen beinhalten amüsante Einzelheiten, die mit ausdrucksstarken Gesten und Mimik erzählt werden. Für Jung und Alt sind diese Erzählsitzungen ein willkommener Anlass zu fröhlicher Unterhaltung und gemeinsamem Spaß.

Geschichten, die sexuelle Themen in facettenreicher Weise beinhalten, sind besonders beliebt. Sie werden überwiegend in den späten Abendstunden, wenn jedermann entspannt ist, erzählt; sie sind jedoch nicht einer speziellen Zuhörerschaft vorbehalten. Während viele der kleinen Kinder zu dieser Zeit schon eingeschlafen sind, erfreuen sich die älteren von etwa 6 Jahren aufwärts besonders an diesen Erzählungen und zeigen reges Interesse. Im Vergleich zu den Erwachsenen reagieren die Kinder auf ihre eigene Weise auf diese Geschichten und lachen auch über andere Einzelheiten.

Höchst ausdrucksstark und erheiternd sind solche Geschichten, in denen sexuelle Organe als Personen gezeigt werden. Sie sprechen miteinander und handeln auch wie Personen, wenn sie ihre biologische Funktion in einer witzigen und oft drastischen Weise demonstrieren. Die Komplexität und Effektivität solcher Erzählungen sind offensichtlich: Den Kindern dienen sie als Sexualerziehung, indem sie die Funktion der Sexualorgane demonstrieren und gleichzeitig sexuelle Normen lehren. Den erwachsenen Zuhörern bieten diese unterhaltenden Erzählungen in humorvoller Weise sowohl Muster für sexuelles Verhalten als auch für das Verhalten in Alltagssituationen.

Die folgende exemplarische Geschichte dieses Typs mag ihren moralischen Inhalt, ihre pädagogische Funktion und ihren fröhlichen Realitätsbezug zeigen:

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Buma Bationo, 5 Jahre alt. Foto: S. Dinslage

Penis, Vagina und Hoden streunen umher und sammeln Erdnüsse. Vagina und Penis sammeln gemeinsam, wogegen die Hoden ihre eigenen Wege gehen, um die gesammelten Erdnüsse ganz allein zu essen. Penis bietet Vagina viele Erdnüsse an. Plötzlich werden sie von einem Gewitter überrascht. Penis macht sich Sorgen, was zu tun wäre, während die Hoden ruhig weitersammeln. Vagina verhält sich still, weil sie sehr gut weiß, warum Penis ihr immer Erdnüsse angeboten hat. Satt und faul vom Verzehr all ihrer Erdnüsse legen sich die Hoden nieder. Als es schließlich zu regnen anfängt, läuft Penis zu Vagina, bittet um Unterschlupf und findet Schutz in ihr. Sogleich kommen auch die Hoden angelaufen und möchten auch hinein. Penis sagt: „Besetzt, für euch ist hier kein Platz mehr“, und er versperrt den Hoden den Eingang.
Die explizite Botschaft dieser Erzählung lautet: „Das ist der Grund, warum ein Mann immer versucht, eine Frau zufrieden zu stellen.“ Und „Das zeigt auch, warum Penis und Vagina immer nett zueinander sind.“

Diese Erzählung, obwohl sie so kurz und einfach ist, übermittelt eine aussagekräftige Botschaft. Durch die witzige Personifizierung der Sexualorgane amüsiert sie die Erwachsenen und hat für die Kinder gleichzeitig einen hohen pädagogischen Wert: „Penis und Vagina sind gut zueinander“ – dies beinhaltet eine grundlegende Botschaft in der Sexualerziehung der Kinder. Indem in einer lustigen und unkomplizierten Weise gezeigt wird, wie sexueller Geschlechtsverkehr funktioniert, wird den Kindern eine natürliche und freie Einstellung zur Sexualität vermittelt. Wenn sie diese Geschichten in der Gemeinschaft hören, lernen sie, dass Themen, die die Sexualität betreffen, nichts mit Scham und Peinlichkeit zu tun haben.

Auch moralische Aspekte im Hinblick auf das Verhalten innerhalb der Gesellschaft werden in der Erzählung angesprochen. Anhand des unsozialen Verhaltens der Hoden, die die Erdnüsse nur für sich sammeln, anstatt sie mit den anderen zu teilen, wird den Kindern aufgezeigt, welch negative Folgen egoistisches Verhalten haben kann. Teilen wird belohnt, Egoismus und Geiz bewirken den Ausschluss aus der Gemeinschaft.

Ein besonderer Teilaspekt der Erzählung wirft ein Licht auf die Stellung der Frau bei den Bulsa. Hier weist das Verhalten Vaginas darauf hin, dass eine Bulsa-Frau absolut frei entscheiden kann, mit wem sie Sexualverkehr haben will. Nur derjenige, der ihr Geschenke zukommen lässt und von dem sie wirtschaftliche Sicherheit erwarten kann, wird ihre Gunst erringen. Das mag zeigen, dass die Frauen bei den Bulsa sich ihres Wertes sehr wohl bewusst sind. Auch meine Beobachtungen während meines Forschungsaufenhaltes im Bulsa-Land zeigten, wie dominant die Frauen in sexuellen Beziehungen sind, wobei Männer sich sehr bemühen müssen, ihre Frauen gut zu versorgen, um sie zu halten. Eine bemerkenswerte Zahl von Männern bei den Bulsa hat Schwierigkeiten, eine heiratswillige Frau zu finden. Ich habe sogar zahlreiche Fälle erlebt, in denen Frauen durch Entführung zur Heirat gezwungen wurden. Bulsa-Frauen besitzen jedoch so viel Selbstbewusstsein und Initiative, dass sie oftmals, nachdem sie nur für eine kurze Zeit verheiratet waren, nicht zögern, ins elterliche Gehöft zurückzukehren, wenn sie mit ihrem Gatten nicht zufrieden waren.

Eine Variante der Erzählung macht die Entscheidungsfreiheit der Frauen besonders deutlich. Diesmal ist es nicht Penis, der den Hoden den Zutritt verwehrt, sondern hier ist es Vagina selbst, die die Hoden schnippisch darauf hinweist, sie sollten doch Unterschlupf bei ihren Erdnüssen suchen.

In dem Korpus der Oralliteratur der Bulsa gibt es noch eine Vielzahl ähnlicher Erzählungen. Aber schon an diesem Beispiel wird erkennbar, welch offene und freie Einstellung die Bulsa zur Sexualität haben und in welcher Weise sie dieses auch ihren Kindern vermitteln.

In diesen Erzählungen lassen sich aber auch Hinweise auf verborgene Wahrheiten, Konflikte und Verhaltensnormen finden, die sowohl die Koexistenz der Geschlechter als auch die pädagogische Einflussnahme auf die Kinder und Jugendlichen innerhalb der jeweiligen ethnischen Gruppe zeigen.

Mit zunehmender Beeinflussung durch moderne Strömungen droht jedoch das mündlich tradierte Erzählgut dieser Ethnien immer mehr verloren zu gehen. Mit dem fortschreitenden kulturellen Wandel in vielen afrikanischen Gesellschaften geht ein starker Identitätsverlust einher, der sich auch auf die Bewahrung der Erzähltraditionen negativ auswirkt. Die Wertschätzung, die die jüngere Generation der oralen Tradition in früheren Zeiten entgegenbrachte, verliert zunehmend an Bedeutung.

So bleibt es eine dringliche Aufgabe der Ethnologie, diesen Schatz an traditionellem Erzählgut zu erhalten und seine Aussagekraft zu deuten, ehe dieses wertvolle Kulturerbe völlig in Vergessenheit gerät und somit in Zukunft gänzlich verloren geht.

Weiterführende Literatur

Dinslage, S. (1986): Kinder der Lyela. Kulturanthropologische Studien, Bd. 12, Hohenschäftlarn.
Dinslage, S. (1988): "L'enfant et son environnement social dans les contes Bulsa". In: V. Görög-Karady und U. Baumgard (Ed.): L'enfant dans les contes africains. Paris. S.115-128
Dinslage, S. (1995): "Erotic Folktales of the Bulsa in Northern Ghana". In: Folk Narrative and Cultural Identity. 9th Congress of the International Society for Folk-Narrative Research. Budapest. S. 238-244
Dinslage, S., Storch, A. (1999) (Hrsg.): "Gender and Magic in Jukun Folktales". In: I. Cardigos & I. Köhler-Zülch: ELO 5. S. 151-160
Dinslage, S., Storch, A. (2000): Magic and Gender. A Thesaurus of the Jibe of Kona. Westafrikanische Studien 21. Köln
Dinslage, S. (2001): Traditional Education and Oral Literature”.In: R. H. Kaschula (Ed.): African Oral Literature. Functions in Contemporary Contexts. Cape Town. S. 46-53
Lallemand, S. (1985): L’apprentissage de la sexualité dans les contes d’afrique de l’ouest. Paris

Zur Autorin

Ethnologin, diverse Feldforschungsaufenthalte in Westafrika bei den Lyela in Burkina Faso, den Bulsa in Nordghana und den Jukun in Nigeria. Forschungen überwiegend zu den Themen: Kinder und Sozialisation, die Rolle der Frau in Afrika, orale Überlieferungen


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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