DAS GEFÄHRLICHE SPIEL MIT DEM ANDEREN

Verwandlung und Travestie der Geschlechter im amazonischen Tiefland

Von Ulrike Prinz

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Bei untergehender Sonne tanzen Frauen und Männer, meist Liebespaare, aufeinander zu und heben "drohend" die Arme. Foto: U. Prinz

Die räumliche und soziale Trennung der Geschlechter ist eines der hervorstechenden Charakteristika der Alto-Xingu-Region in Zentralbrasilien wie überhaupt des gesamten amazonischen Kulturraums. In der alltäglichen Welt betrifft sie vor allem die Aufteilung des Dorfes in Männer- und Frauenbereiche sowie die geschlechtsspezifische Arbeits- und Rollenverteilung. Überdies existieren im Alto-Xingu-Gebiet so genannte Männer- oder Flötenhäuser, in denen die „heiligen Instrumente" aufbewahrt werden. Den Frauen ist der Zutritt versagt. Aufgrund dieses Verbots und der generell strengen Trennung von Männern und Frauen schloss die ethnologische Forschung vorschnell auf ein feindliches Verhältnis der Geschlechter zueinander.

Es macht die Besonderheit dieser Region aus, dass hier den auch im übrigen Tiefland weit verbreiteten „geheimen Flötenkulten" der Männer Rituale der Frauen gegenüberstehen. Während die Männerfeste der „heiligen Instrumente" bereits seit Beginn der wissenschaftlichen Erforschung des Kontinents im Mittelpunkt des Interesses standen, fand ihr rituelles Gegenstück, das yamarikumã -Fest der Frauen, bisher kaum Beachtung. Sofern überhaupt erwähnt, beschrieb man es üblicherweise als Ritual der Rollen- und Statusumkehr, das die „Herrschaft" der Männer nur kurzzeitig verneine, um ihre Gültigkeit alsbald wieder herzustellen und zu bekräftigen; oder aber man betrachtete es als eine Art Burleske. Umgekehrt setzte man das Männerritual ohne weiteres mit der sozialen Wirklichkeit gleich.

Das Konzept Geschlechterantagonismus

Thomas Gregor behauptete, die Beziehung der Geschlechter sei durch Unsicherheit und Aggression gekennzeichnet, woraus schließlich die gesellschaftliche Dominanz der Männer resultiere. Anders sehen das Forscherinnen, die in den 60er- und 80er-Jahren das yamarikuma -Fest besuchten: Der zur Schau gestellte „Kampf der Geschlechter“ ist spielerischer Natur und keineswegs direkt übertragbar auf das alltägliche Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Überdies hatten die Forschungen von Frauen in den 80er-Jahren gezeigt, dass das yamarikumã -Fest in Melodie und „Bühnenbild" sich komplementär zum Flötenspiel der Männer verhält. Doch gingen auch sie zum Teil weiterhin davon aus, dass die Inszenierungen eines Geschlechterstreits letztendlich durch die Angst vor dem anderen Geschlecht motiviert seien, die sich dann im Ritual entlädt. Diese Angst drückt sich in den Geistern aus, die während des Festes herbeigerufen und durch Lieder und Tänze der (als Männer verkleideten) Frauen gezähmt werden sollen.

Diese psychologisierende Deutung der Geister als Manifestationen und Externalisierung innerer Vorgänge wie Angst und Wut kann jedoch kaum die Travestie der Geschlechter erklären, die während des yamarikumã -Festes vollzogen wird: Denn warum sollten sich die Frauen zuerst in Männer verwandeln, um so ihre Wut auf diese loszuwerden?

Geschlechtsspezifische Rituale sind weder als Ausdruck für unterdrückte Emotionen und Ängste zu verstehen noch als Ausdruck von männlicher Dominanz. Sie sind – so lautete meine These - vielmehr ein gefährliches Spiel mit dem „Anderen", das sowohl die Trennung der Geschlechter auflösen kann als auch die Trennung von Menschen und Geistern. Denn obgleich die Besonderheit des Festes für uns zunächst in seiner Geschlechterdarstellung und der Rollenumkehr liegt, unterläuft das yamarikumã -Ritual nicht nur die Kategorien „Mann" und „Frau" - vielmehr löst es gleichzeitig die Grenzen zwischen den „Menschen" und den yamarikumã -Geistern auf. Das bedeutet aber: Inszeniert wird die Verwandlung an sich.

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"Angriff der Männer": Wenn sie den Frauen jedoch zu nahe kommen, werden sie mit Sand beworfen oder mit Wasser übergossen. Foto: U. Prinz

Der Verwandlungsprozess von Frauen in Männer und von Frauen in mächtige Geister ist ein wichtiger Teil der rituellen Handlung. Denn während der rituellen Verkörperung können Frauen wie Männer Bereiche betreten, die ihnen im alltäglichen Leben verschlossen sind. Im Dorf der Mehinako konnte ich sowohl von den Frauen als auch von den Männern erfahren, dass es sich beim yamarikumã -Ritual keineswegs um eine scherzhafte Aktion oder Burleske handelt, sondern dass im Gegenteil die Lieder der Frauen als Vorlagen für die Melodien der sog. „Flöten" oder Aerophone dienen. Das Maniokfest inszeniert im Gegensatz zum yamarikumã -Ritual zwar keinen Geschlechterrollenwechsel, aber einen Geschlechterstreit. Besonders geeignet im Kontext meiner Untersuchung war, dass im Ritual des Maniokfestes Geister dargestellt und verkörpert werden und dadurch das Thema der Verwandlung präsent ist.

Das Maniokfest dient der Herstellung von Maniokfladen-Wendern ( kuté ), die die Frauen zum Rösten der Maniokfladen benötigen, und von Grabstöcken ( tuncyai ) zum Anpflanzen der Maniokstecklinge. Die aus Holz geschnitzten Gerätschaften werden während des Festes von den Männern verziert und anschließend den Frauen übergeben. Der ganze Prozess der Herstellung, der etwa zehn Tage dauert, wird im Rahmen eines Geschlechterstreits inszeniert. Jeden zweiten Abend finden in der Dämmerung Tänze und Gesänge statt, die ein stark ritualisiertes „Schimpfen” des einen auf das andere Geschlecht beinhalten.

Zunächst tanzen die Männer und die Frauen – jeweils zu Gruppen formiert – aufeinander zu und singen für Kukuhë , die Larve des Dämmerungsfalters Sphingidae. Kukuhë ist die „Herrin" des Maniok. Ihre Raupen sitzen an den Stecklingen der Pflanzen und entscheiden quasi über das Bestehen oder das Absterben der Pflanze. In einer zweiten Phase beschimpfen sich einzelne Paare, indem sie sich aus den einander entgegentanzenden Geschlechtergruppen herauslösen. Sie heben abwechselnd den linken und den rechten Arm in die Höhe und drohen ihrem Gegenüber.

Nach dieser Phase des rituellen Streitens ist der offizielle Teil des Tanzes abgeschlossen, die meisten älteren Männer und Frauen ziehen sich zurück. Der Rest der Männer aber formiert sich und tanzt in einer Reihe ( hapuyakumã ) um den Platz. Sie imitieren und verspotten die Frauen.

Die Lieder besingen zunächst die Frauen im Allgemeinen, doch wenn die Gruppe vor einem bestimmten Haus stehen bleibt, können sie sich auch auf einzelne Frauen konzentrieren. Währenddessen bildet sich eine Frauengruppe, die in Gegenrichtung um den Platz zieht und ihrerseits Spottlieder auf die Männer singt. Wenn Männer zu nahe kommen, werden sie mit Sand beworfen oder mit Wasser übergossen. Treffen die Gruppen aufeinander, kann es zum Handgemenge oder zu Angriffen auf einzelne Männer oder Frauen kommen, die sich zu weit von ihrer Gruppe entfernt haben. Die Beschimpfungen beider Geschlechter zielen auf das sexuelle Ungenügen des Partners oder, indem sie ein beliebtes Mythen-Motiv aufgreifen, auf dessen hässliche, ungepflegte und große Genitalien.

Die Herrin des Manioks

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In der Mitte des Dorfes steht das "Flötenhaus". Davor befinden sich Sitzbänke, der Ort für das abendliche Männerpalaver oder für die gemeinschaftliche Herstellung der Maniokgeräte. Foto: U. Prinz

Auf die Frage nach dem Warum des Streits antworten die Mehinako: „Weil es kukuhë gefällt, mit den Frauen zu scherzen." Im Maniokfest wird deutlich, dass es in den xinguanischen Darstellungen zwar um die Geschlechterproblematik geht, gleichzeitig aber um eine Geisterdarstellung, die es zum Ziel hat, den Geist der Maniokpflanze zu beschwichtigen und den Fortbestand der Maniokproduktion zu sichern. Die Mehinako selbst heben den rituellen Charakter dieses „Geschlechterkampfes” hervor und versichern, dass niemand beleidigt ist, denn es würde ja „nur gesungen”.

Die Inszenierung des Geschlechterkampfes bei den Mehinako deutet nur zum Teil auf das Ausagieren von sozialen Spannungen hin, und der Geschlechterstreit ist mehr im Sinne eines produktiven Spiels zu verstehen, dessen Ziel die Übergabe der Maniokgeräte an die Frauen ist.

Was aber bedeutet „Verwandlung" in diesem Zusammenhang? Die Frauen hatten erklärt, dass sie sich im yamarikumã -Ritual nicht verwandelten, sie hatten sogar die Frage ganz erschreckt abgewehrt und betont, es würde „nur gesungen". Besondere Aufmerksamkeit erfordert jener Grenzbereich, wo das gesungene Wort zur persönlichen Beleidigung wird – was der Situation entspricht, dass der Geist den Sänger oder die Sängerin „erfasst".

Während des Maniokfestes kam es zu einem solchen Zwischenfall: Ein älterer Mann ließ sich angesichts der schimpfenden Frauen dazu hinreißen, sich übertrieben zu produzieren und seinen Penis zur Schau zu stellen. Seine Tochter kommentierte sein Verhalten mit den Worten: „Mein Vater kann das das Höhnen und Spotten der Frauen, U.P. nicht aushalten.“ Obgleich also der Rahmen der rituellen Handlung festgelegt ist, kann es zu Überschreitungen kommen.

Die Überschreitung des rituellen Rahmens beim Maniokfest ist ein vergleichsweise harmloses Spiel. Ernster und auch komplizierter ist das yamarikumã -Fest, in dessen Verlauf sich die Frauen durch eine Täuschung (durch ihre Maskerade als Männer) an die Geister und an Grenzen annähern müssen.

Zähmung der Geister

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"Übergabe der Maniokwender und Grabstöcke". Am Ende des Festes werden den Frauen die Maniokgeräte übergeben, die Geister, die den Geschlechterstreit hervorgerufen haben werden verabschiedet und der Frieden ist wieder hergestellt. Foto: U. Prinz

Die Frauen des Dorfes tanzen und singen für den Geist yamarikumã , um zum Heilungsprozess einer Person beizutragen, die durch die Einwirkung dieses Geistes krank geworden war. Bereits im Vorfeld hatte der Schamane ( yetama yamarikumã ) als den krankheitsauslösenden Geist identifiziert. Die Person wird nach ihrer Genesung zur „Herrin" oder zum „Herrn" des gefährlichen Geistes. Sie muss ein freundschaftliches Verhältnis zum yamarikumã -Geist herstellen, indem sie im Verlauf eines Jahres immer wieder Frauen aus dem Dorf singen lässt und sie dafür „bezahlt". Nach jeder Vorstellung lässt sie eine stark mit Pfeffer gewürzte Fischsuppe und Maniokfladen ins Zentrum des Dorfplatzes bringen, die von den Sängerinnen verspeist werden. Gesang und anschließendes Mahl werden so oft wiederholt, bis der Geist „genug gegessen hat" oder bis die yamarikumã -Sängerinnen sich „schämen, mehr Essen von der ehemals kranken Person anzunehmen".

Trotz dieser offensichtlichen Identifikation von Darstellerinnen und Geist wehrten sich die Frauen gegen meine Annahme, dass sie sich beim Tanzen tatsächlich in Männer bzw. in yamarikumã -Geister verwandeln. Sie erklärten mir den Unterschied: Sie benutzten zwar die Muster der Männer, aber sie verwendeten sie nicht wie sie. Dabei betonten sie wieder den rituellen Charakter: Alles sei „nur gesungen".

Das Ritual schafft einen Rahmen, innerhalb dessen Frauen und Männer schimpfen und Dinge öffentlich gemacht werden können, ohne ernsthafte Folgen hervorzurufen. Gleichzeitig zeichnet sich das Ritual im Alto-Xingu eben gerade dadurch aus, dass Grenzen übertreten oder zumindest herausgefordert werden. Der subversive Charakter dieser Inszenierungen liegt in der spielerischen Annäherung an das Andere: an die anwesenden Geister und gleichzeitig an das andere Geschlecht. Diese doppelte Ebene - die enge Verquickung von Spaß und Ernst, von Mythen und Alltagswelt - ist typisch für die Geisterdarstellungen im Oberen Xingu-Gebiet.

Indianische gender -Repräsentationen am Oberen Xingu aber sind keineswegs als Ausdruck eines schrecklichen Geschlechterverhältnisses zu verstehen, und sie sind mehr als Symbole für die Gesellschaft. Sie sind vielmehr eine Art rituelles Theater zur Zähmung der Geister, ein gefährliches Spiel mit dem „Anderen", dessen Sinn in der Verwandlung liegt. Während des yamarikumã -Festes, in dem sich die Frauen wie Männer verhalten, spielen sie für kurze Zeit mit männlicher Handlungsmacht, umgekehrt eignen sich die Männer beim Spiel der Aerophone vorübergehend die Handlungsmacht der Frauen an. Die Annäherung an die Geister und an die Handlungsmacht des anderen Geschlechts ist in den Mythen des Geschlechterstreits als Betrug oder als Täuschung beschrieben. Damit wird auch eine gewisse Distanz zum rituellen Geschehen gewahrt.

Meine Erwartung, die Frauen würden das Ritual als körperlichen Verwandlungsprozess erleben, wurde enttäuscht. Das Spiel mit dem „Anderen" entpuppte sich als weitaus kontrollierter und distanzierter, als ich vermutet hatte.

Weiterführende Literatur

Basso, Ellen B., A Musical View of the Universe: Kalapalo Myths and Ritual Performances. Philadelphia 1985.
Beaudet, Jean-Michel, Souffles d’Amazonie: Les Orchestres „Tule” des Wayãpi. Nanterre 1997.
Gregor, Thomas, „She who is covered with Feces" In: Dialectics and Gender: Anthropological Approaches. Richard R. Randolph, David Schneider, May N. Diaz (Hg.) London 1988.
Monod-Bequelin, Aurore, Les femmes sont un bien excellent: vision des Hommes, etre des femmes dans le haut Xingu. In: Anthropologie et Societés, Quebec 1987.

Zur Autorin

Dr. Ulrike Prinz, Ethnologin, Forschungen in Zentralbrasilien. Forschungsschwerpunkte: Kunstethnologie, Ritualforschung und Gender-Studies mit Schwerpunkt auf dem amazonischen Tiefland. Lehrbeauftragte an der Ludwig Maximilians-Universität und der Fachhochschule München.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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