DIEBE IM SCHATZHAUS

Über Kunstraub in Kriegszeiten

Von Joseph F. Thiel

Diebe im Schatzhaus
Benin-Platte. Foto: G. Simrock

In diesen Tagen flattern uns fast täglich Nachrichten über Kunstraub als Folge des Irak-Krieges zu. Dieser Krieg mit seinen schmerzlichen Folgen macht uns ganz vergessen, daß Kunstdiebstahl in Kriegszeiten keine irakische Erfindung ist. Alle großen Kulturnationen, die jetzt so vehement aufschreien, haben sich schon in gleicher Weise betätigt, und sie waren damals in einer materiell sehr viel besseren Situation als die Diebe von Bagdad heute. Dabei visiere ich hier gar nicht primär das Verhalten der Kolonialherren an.

Es scheint für viele Medien geradezu ein Gemeinplatz zu sein, wenn sie immer wieder behaupten: Alle Kunstobjekte in den ethnologischen Museen seien seinerzeit gestohlen worden. Im heutigen Museum der Weltkulturen in Frankfurt weiß man, laut der Inventarbücher eines Jahrhunderts, von einem kleinen Fetisch aus Westafrika, daß der Sammler ihn ohne zu bezahlen mitgehen ließ, da er sich am Vorabend seiner Abreise nicht über den Preis mit dem Besitzer einigen konnte. Außer bei Schenkungen sind in Frankfurt die Einkaufspreise der Objekte meist in den Eingangsbüchern vermerkt.

Eines der bekanntesten Beispiele von Beutekunst in der Ethnologie sind die sogenannten Bronzen aus dem alten Königreich Benin im heutigen Nigeria. Infolge einer Strafexpedition der Briten im Februar 1897 gegen das Königreich wurden alle seine Kunstschätze, neben den Bronzen auch alte Elfenbeinschnitzereien, konfisziert, nach England gebracht und dort versteigert. Fast alle großen ethnologischen Museen haben damals Benin-Objekte käuflich erworben, auch das damalige "Völkermuseum" in Frankfurt. Natürlich sind die Spitzenobjekte heute ein Vielfaches von dem wert, was sie damals gekostet haben. Und so ist es mit allen erstklassigen Museumsobjekten. Aber ist es nicht immer so bei guten Sammlerstücken: z.B. bei Büchern, Gemälden, Briefmarken etc.? Ein guter Sammler sollte Qualität vorausahnend erkennen!

Doch man muß, was Diebstahl angeht, sich gar nicht so weit in Zeit und Raum entfernen, um fündig zu werden. Bekanntlich war das Völkermuseum Frankfurts bis Ende des Zweiten Weltkrieges im Palais Thurn und Taxis untergebracht. Als 1944 Bomben dieses Gebäude trafen, wurde besonders die alte Australien-Sammlung dezimiert. Wie später festgestellt werden konnte, gingen dabei zahlreiche Stücke verloren, aber nicht nur durch Bomben, sondern auch durch Frankfurter Bürger, die sich in den Ruinen bedienten.

Mir wurden einmal wunderschön gearbeitete Paradewaffen aus der Südsee zum Kauf angeboten. Der Verkäufer überließ sie mir zur Ansicht. Zufällig besuchte mich mein Kölner Kollege Dr. W. Stöhr. Da er ein sehr guter Fachmann für diesen Kulturraum war, bat ich ihn, einen Blick auf das Angebot zu werfen. Mein Kollege sagte, sie seien auf jeden Fall ihren Preis wert. Dann aber entdeckte er an einigen Stücken noch Zahlen, die wie alte Kölner Museumsnummern aussahen. Als Herr Stöhr wieder zu Hause war, rief er mich an und sagte, daß alle diese Nummern in den Invertarbüchern von Köln als "Kriegsverluste" ausgewiesen wären. Als ich dem Verkäufer den Sachverhalt darlegte, erzählte er mir, daß er von seinem Onkel in Hamburg ein Vergnügungslokal geerbt habe. Die Waffen gehörten zu seinem Inventar, und er wolle das Lokal modernisieren.

Es ist ein ganz typischer Diebstahl durch Laien: Sie lassen mitgehen, was ihnen am schönsten erscheint. Solcherart waren meist auch die Soldaten der Kolonialarmee. Wie oft wurden mir in meiner aktiven Zeit von Erben Waffen und Trommeln zum Kauf angeboten! Sie stammten gewöhnlich noch von ihren Großvätern, die in der Armee gedient hatten. In den Depots der ethnologischen Museen Europas lagern derart viele Waffen aus Übersee, daß man viele Armeen ausrüsten könnte! Die stünden zum Verkauf an, aber wer will sie haben?

Eine viel wichtigere Frage in diesem Zusammenhang scheint mir die heutige Ankaufspraxis vieler Museen zu sein. Vor etlichen Jahren war bekannt, daß Frankfurt, Stuttgart, München und einige andere Häuser über größere Ankaufsetats verfügten. Dementsprechend wurden einem häufig Sammlungen zum Kauf angeboten, die nicht selten dubioser Herkunft waren: So z.B. alte Skulpturen aus Peru und Mexiko, archäologische Keramiken aus Westafrika usw., von wo sie längst nicht mehr legal exportiert werden dürfen. Man erinnert sich noch an die Schwierigkeiten, die Frankreich vor einigen Jahren hatte, weil solch fragliche Objekte im Louvre als "Primärkunst" ausgestellt werden sollten. Museen der öffentlichen Hand müssen sich diesbezüglich zurückhalten, denn sonst wird man eines Tages sagen, sie stellten Diebesgut oder Hehlerware aus. Wenn bei Direktorentreffen das Gespräch auf solche Fragen kam, hörte ich häufig den Einwand, dann würden die Objekte in die Hände von Privatsammlern gelangen und für die Öffentlichkeit unzugänglich und von ihren Erben eines Tages verschleudert werden, wenn nicht gar auf dem Sperrmüll landen.

An einem Morgen klingelte es an meiner Bürotür, da das Museum noch geschlossen war. Ein Afrikaner stellte sich als Prinz des Königreiches der Bakuba vom Kasai im Zaïre vor. Der König hätte ihn beauftragt einen Teil des Staatsschatzes - die berühmten Raphia-Plüsche und Parademesser - zu verkaufen, da die wirtschaftliche Not sehr groß wäre. Der Prinz hatte zwei große Koffer bei sich. Die Stücke waren alt und von hervorragender Qualität; die Preise waren mäßig und wären sicher noch zu drücken gewesen. Ich kaufte nicht, weil ich nicht an den Auftrag des Königs glaubte. Kein alter König würde sich vom Ahnenerbe trennen, selbst wenn er hungern müßte! - Einige Wochen später tauchten kleine Raphia-Plüsche auf dem Flohmarkt in Frankfurt auf, etliche große wurden später in einer Ausstellung in Brüssel gezeigt.

Wenn man sich heute über Diebstähle in Bagdad echauffiert, obgleich man weiß, daß Kopien liegen blieben und nur Originale verschwanden, dann sollten wir Westler uns selbstkritisch fragen, ob wir mit diesen Diebstählen nicht irgendwie zu tun haben. Gibt es Auftraggeber? Wenn ja, dann sind sie in den reichen Ländern zu suchen. Kunstdiebe stehlen fast nie für sich, sondern wollen verkaufen. Hehler handeln moralisch verwerflicher als die Diebe von Bagdad.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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