AUF DEM WEG ZU EINER ETHNOLOGIE DES KRIEGES UND DES FRIEDENS

Hindernisse, Annäherungen

Von Peter J. Bräunlein und Andrea Lauser

Ethnologie des Krieges
Yanomami (Orinoco, Venezuela) Sportlicher Wettkampf: Männer schlagen sich mit der Faust gegenseitig auf die Brust; wer es am längsten aushält, gewinnt. Foto: H. Schlenker (1969)

Der folgende Text ist ein Auszug aus der Einleitung des kea-Sonderbands II (1995) mit dem Titel „Krieg und Frieden. Ethnologische Perspektiven“

Seit den 50er Jahren ist eine intensivere, theoriegeleitete ethnologische Erforschung von Kriegen nichtstaatlicher Gesellschaften festzustellen. Die Frage nach den Ursachen von Stammeskriegen stand und steht dabei im Mittelpunkt des Interesses. (...)

Das Bemühen dieser Ethnologen gilt (...), wie schon in Anfangstagen dieser Wissenschaft, der Suche nach globalen, generellen Aussagen, und der Formulierung von allgemeinen Gesetzen der Entstehung und Entwicklung menschlicher Gesellschaft. Ein Unterfangen, das mehr als kühn anmutet, zumal sich zeigt, daß sich gerade am Beispiel sehr gut erforschter Ethnien (den Yanomami und den kriegführenden Gruppen im Hochland Neuguineas) ein Fülle auch gegensätzlicher Hypothesen und theoretischer Grundannahmen gleichermaßen belegen wie widerlegen läßt.

1975, als (John) Nances Buch (über die Gentle Tasa-day) erschien, war das schmachvolle Ende des Vietnamkrieges für die USA unvermeidbar und absehbar. Vor allem die Bestialitäten dieses Krieges, die auch und unleugbar brave G.I.s angerichtet hatten, ließen sich nicht mehr länger verheimlichen und verunsicherten das Werteempfinden der amerikanischen Mittelklasse ungemein. Die Tasa-day gerieten unter dem Blick des John Nance zu einem überaus sanften Steinzeitvolk, dem Gewalt oder Krieg völlig unbekannt war. Im philippinischen Urwald lebten tatsächlich Menschen, so hieß es, die sich sogar scheuten, Tiere zum Verzehr zu töten. Dieses Völkchen, das sich, unberührt von jeglicher Zivilisation, auf merkwürdige Weise über Jahrtausende in diesem Paradieszustand erhalten hatte, gab Anlaß zur Hoffnung. Der Mensch in seinem Urzustand, das war die Botschaft, ist ein friedfertiges Wesen; erst die Verhältnisse, die Dekadenz der Zivilisation, machen Menschen zu Unmenschen.

Auch friedfertige Ethnien, das zeigen die Beispiele, unterliegen dem Zugriff westlicher Obsessionen, Ängste, Sehnsüchte und Phantasien. Eine wissenschaftliche Beschäftigung mit friedvollen Gesellschaften steht erst am Anfang. Wir meinen, daß eine Ethnologie des Friedens und der Friedfertigkeit wesentliche Impulse für die Konflikt- und Kriegsforschung zu bieten hat und nicht zuletzt innovativ für die theoretische Entwicklung der Ethnologie insgesamt sein kann.

Eine produktive Weiterentwicklung in Richtung einer Ethnologie des Friedens bieten die von Signe Howell und Roy Willis im Jahre 1989 edierten Beiträge unter dem Titel Societies at Peace: Anthropological Perspectives. Die vorgestellten Denkansätze tragen nicht nur zum Verständnis von friedfertigen Gesellschaften bei, sondern verweisen kritisch auf unhinterfragte Grundannahmen des eigenen Faches. Populäre Konzeptionen von dem, was die menschliche Natur sei, weisen eine deutliche Nähe zu bestimmten wissenschaftlichen Theorien auf, mit denen versucht wird, die "biologische Basis des menschlichen Verhaltens" zu erklären. Ethnologisches Material dient damit und immer aufs Neue zur Bestätigung des Wohlbekannten und zur Befestigung von Weltbildern. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, so regen Howell und Willis an, sei es notwendig, bei der Betrachtung friedvoller Gesellschaften die Erforschung und Erhellung von Werthaltungen, Ideen und Konzepten, die die menschliche Natur betreffen, vorrangig zu betreiben. Solche Vorstellungen über "das Wesen des Menschen", über die Beurteilung von individueller und kollektiver Gewalt bestehen schließlich in jeder Gesellschaft.

Zu klären sei zudem, wie berechtigt die Aussage ist, daß Aggression synonym für Gewalt sei, wie sehr häufig zu lesen ist. Krieg wird damit gleichzeitig als Erweis für menschliche Aggression begriffen. Und über Aggression wird in der westlichen Wissenschaft stets ohne Hinweise auf nicht-europäische Konzepte gesprochen. Voraussetzungslos wird damit eine Universaltheorie über Aggression eingeführt, ihre weltweite Richtigkeit und Anwendbarkeit als gegeben angenommen.

Aggression ist in keiner menschlichen Gesellschaft als isoliertes Phänomen zu begreifen. Humanwissenschaftler können eben nicht, wie etwa Chemiker, bestimmte Substanzen - Liebe, Aggression - herauslösen und gesondert betrachten. Aggression als eine Form menschlichen Verhaltens ist niemals kulturneutral. Krieg, so die Überzeugung von Howell und Willis, ist ein soziales Phänomen. Wie alles menschliche Verhalten ist auch Aggression eingebettet in ein von den Mitgliedern der eigenen Gesellschaft geteiltes Bedeutungssystem. Aggression ist so gesehen eine Form, gesellschaftliche Beziehungen herzustellen und zu definieren. Zwanghafte Aussagen über das Wesen der menschlichen Natur schlechthin werden unter diesem Gesichtspunkt hinfällig.

Zu den ethnologischen Grundtatsachen gehört mittlerweile die Erkenntnis, daß ein Merkmal des Menschen neben Geschlecht und Nahrungsbedürfnis seine Fähigkeit der Symbolschöpfung - symbol making - ist. Oder, in den Worten des amerikanischen Ethnologen Sahlins: "Kultur wird nicht durch die primitiven Emotionen des Hypothalamus gesteuert; es sind vielmehr die Emotionen, die durch Kultur organisiert werden."(Marshall Sahlins: The Use and Abuse of Biology: an anthropological critique of sociobiology. London 1977, S.13)

Die westliche Suche nach dem eigentlichen Kern des Menschen, wie sie seit jeher die abendländische Philosophie betreibt, und in engerem Sinne z.B. Verhaltensbiologie und Psychologie, kulminiert letztlich in der traditionsreichen Frage: "Wer bin ich?" Für viele Mitglieder nicht-westlicher Gesellschaften dürfte diese Frage schwer verständlich, bzw. nicht nachvollziehbar sein. Die vergleichbare Frage würde hier vielleicht lauten: "Inwiefern bin ich ein Teil von einem größeren Ganzen und wie verhält sich dieses Teil in dieser Beziehung richtig?"

Die in unserer westlichen Gesellschaft bewußt oder unbewußt vorausgesetzte (und sicherlich furchtauslösende) Annahme, daß der Mensch letztlich, seiner "wirklichen" Natur nach, von seinem tierischen Erbe dominiert wird, wenn er nicht durch Erziehung oder einen legitimierten Machtapparat domestiziert und vor sich selbst geschützt wird, teilen nur die allerwenigsten nicht-europäischen, vorindustriellen Gesellschaften. Solche negativen Menschenbilder, wenn vorhanden, werden in aller Regel auf Nachbarn und Feinde übertragen, doch fast niemals auf Mitglieder der eigenen Gruppe.

Bei der Durchsicht der einschlägigen Literatur, die sich mit der Psychologie und dem Verhalten nicht-westlicher Menschen befaßt, ist festzustellen, daß eine geschlechterspezifische Betrachtungsweise völlig fehlt. Auf das kulturspezifische Verhältnis der Geschlechter untereinander wird kaum eingegangen. Selten wird berücksichtigt, daß in nicht-westlichen "Psychologien" mögliche Verhaltensunterschiede nach sozialer Stellung und hierarchischer Position konstruiert werden. Einem Individuum werden je nach gesellschaftlicher Verortung durchaus unterschiedliche Charakteristika und Qualitäten zugeordnet. In wissenschaftlichen Darstellungen indes wird meist ein möglichst einheitliches Menschenbild der jeweiligen Gesellschaft konstruiert. Diese Neigung zur Vereinheitlichung ist, wie Clifford Geertz anmerkt, ein Erbe der aufklärerischen Wissenschaft. Mensch und Natur sind demzufolge aus "einem Guß" und unterliegen in ihrer Zusammensetzung denselben allgemeinen Gesetzmäßigkeiten, welche die Naturwissenschaften nach Bacons Vorgabe und unter Newtons Anleitung entdeckt hatten: "Demnach gibt es, kurz gesagt, eine menschliche Natur, die ebenso regelmäßig geordnet, durch und durch invariant und wunderbar einfach ist wie Newtons Universum. Möglicherweise folgt sie nicht ganz denselben Gesetzen, aber sie folgt Gesetzen; möglicherweise wird ihre Unwandelbarkeit durch das Tamtam lokaler Moden verdeckt, aber sie ist unwandelbar."(Clifford Geertz: Kulturbegriff und Menschenbild. In: Habermas/Minkmar(Hrsg.): Das Schwein des Häuptlings. Beiträge zur Historischen Anthropologie. Berlin 1992, S.57)

Kosmologie und Menschenbild sind für das Verständnis friedfertiger nicht-westlicher Gesellschaft unabdingbar, ebenso wie westliches Welt- und Menschenbild stetig mitzureflektieren sind und die Bereitschaft, das Eigene in Frage zu stellen, selbstverständlich sein sollte, fordern Signe Howell und Roy Willis. Die Übung des kulturellen Relativismus, die Bedeutung des kulturellen Kontextes, die Berücksichtigung der Geschlechterperspektive - all dies ist für die kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Aggression und Friedfertigkeit von akuter Wichtigkeit.

Der Band Societies at Peace bietet damit methodische Anregungen und er enthält detaillierte ethnographische Studien friedfertiger Gesellschaften. Die Fallbeispiele sind aus Malaysia (Semai-Senoi und Chewong), von den Philippinen (Buid der philippinischen Insel Mindoro), Venezuela (Piaroa), Bali, Mexico (Zapotecen), Tansania (Fipa) und Nord-Irland (Ulster-Region). Ein breites Spektrum der Annäherung an das Thema wird damit vorgestellt: emische Konzepte menschlicher "Natur" und der Bedeutung von Friedfertigkeit, Muster sozialer Interaktion und Kontrolle, Einstellungen gegenüber abweichendem Verhalten und der praktische Umgang mit solchem Verhalten. In zwei Beiträgen (von Colwyn Grevarthen & Katerina Logotheti, Michael Carrithers) wird auf 'Gemeinschaftssinn' (sociality) als eine dem Menschen innewohnende Anlage gesondert verwiesen. In weiteren zwei Beiträgen geht es um theoretische Implikationen des Begriffs 'Friede' (Alan Campbell) und um die Frage, wie friedfertige Gesellschaften zu identifizieren und zu definieren seien (Paul Heelas).

Leslie E. Sponsel und Thomas Gregor (...) geht es (in ‚The Anthropology of Peace and Nonviolence’,1994), darum, 'Frieden' nicht als Abwesenheit von Krieg zu verstehen, sondern eher im Sinne Spinozas "als Tugend, als Bewußtseinszustand, als Neigung zu sozialem Verhalten, zu Gerechtigkeit", kurz als kulturelle Werthaltung aufzufassen. In diesem Band sind es zwei Aspekte, die besondere Beachtung finden und die ethnologische Diskussion zu Friede und Gewaltlosigkeit weitertragen. Zum einen geht es um Mechanismen friedfertiger Kooperation, um die unterschiedlichsten Möglichkeiten tribaler Gesellschaften, Frieden zu schaffen und Frieden zu schließen. Kooperatives Verhalten zieht sich somit als 'pattern' durch die menschliche Evolution, wie Bruce Knauft ausführt. Zum anderen geht es um die Doppelgesichtigkeit von Friede und Gewalt, um jene unsichtbare Gewalt vor allem, die mitunter für die Aufrechterhaltung sozialen Friedens notwendig zu sein scheint. Auf den Preis, den radikal friedfertige Gemeinschaften zu zahlen bereit sind, etwa bedingungsloses Einfügen in autoritäre Strukturen, macht Robert Dentan am Beispiel der Hutterer-Gemeinden Nordamerikas aufmerksam. Bemerkenswert ist, daß die vorgestellten Fallbeispiele sich nicht nur auf klassische 'peaceful societies' wie die kanadischen Inuit (Jean Briggs), die malaysischen Semai Senoi (Dentan, Ro-barchek) oder die brasilianischen Mehinaku (Gregor) beschränken, sondern auch die "kriegerischen" Yanomami aufgenommen wurden. Jacques Lizot beschreibt hier die Wichtigkeit von friedlichen Beziehungen, die über zeremonielle Dialoge ausgedrückt und aufrechterhalten werden.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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