FELDFORSCHUNG UNTER GOLDGRÄBERN IN PAPUA-NEUGUINEA

Ein Interview mit dem kanadischen Ethnologen Prof. Dr. Dan Jorgensen

Von Anne Schmid-Stampfer

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Dan Jorgensen. Foto: D. Jorgensen

Prof. Dr. Dan Jorgensen ist Professor für Ethnologie an der University of Western Ontario in London, Ontario, Kanada. Er lehrte und forschte im Wintersemester 2003/04 als Gastprofessor am Institut für Ethnologie Heidelberg.

Frage: Herr Prof. Jorgensen, eines Ihrer großen Themen ist der Kulturwandel und die Modernisierung. Die Erschließung der Bodenschätze in Papua-Neuguinea durch Gold-, Silber-, und Kupferminen bedeutet für die lokale Bevölkerung einen großen Eingriff in ihre Kultur. Ein Beispiel ist die Ok-Tedi-Gold- und Kupfermine in der Western-Provinz Papua-Neuguineas. Sie ist das größte Umweltproblem des Landes – die Folgen für Mensch und Umwelt sind katastrophal.
Welche Auswirkungen des Kulturwandels konnten Sie feststellen bei den Telefolmin, einer traditionellen Kultur in der Sandaun-Provinz Papua-Neuguineas, wo Sie Ihre Feldforschungen betrieben haben?

D. J.: Grundsätzlich ist die lokale Bevölkerung Papua-Neuguinas – wie auch andere Länder des „Südens“ - bemüht, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Sie sucht Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung und möchte sich so stark wie möglich an der „cash economy“ beteiligen. Im Gegensatz zur Meinung der Menschen des „Nordens“ wollen einheimische Kulturen des „Südens“ nicht in der Isolation ihrer traditionellen Welt verhaftet bleiben, sondern sie streben nach mehr Kontakt mit dem Rest der Welt.
In Papua-Neuguinea hat die einheimische Bevölkerung den Abbau der Bodenschätze mit einem nicht vorhersehbaren Maß von Begeisterung begrüßt. Dies bedeutet nicht, dass das Projekt nicht kontrovers diskutiert wurde. Jede Suche nach Bodenschätzen ist begleitet von Konflikten zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen der lokalen Bevölkerung, dem Staat und transnationalen Entwicklungsgesellschaften. Aber die Annahme, dass die Menschen in Papua-Neuguina ihr Leben in traditioneller Weise – isoliert vom Rest der Welt - verbringen wollen, ist völlig falsch. Die Frage lautet eher: Unter welchen Bedingungen und mit welchen Kosten können lokale Gemeinschaften Bodenschätze abbauen? Ein großer Teil der lokalen Politik beschäftigt sich nicht mit der Frage, ob solche Entwicklungen überhaupt stattfinden sollen. Die Frage ist eher: wie und zu welchem Nutzen?
Was die Goldmine in Ok Tedi betrifft, so gibt es keinen Zweifel, dass die Mine verheerende Auswirkungen auf das Leben der Menschen am unteren Ok-Tedi-Fluss hat. In den Ländern des „Nordens“ erregte fast ausschließlich der Umweltaspekt der Mine internationale Aufmerksamkeit, insbesondere NGOs setzten sich für die sofortige Schließung der Mine ein: „Killing the mine to save the river!“ Diese Haltung übersieht jedoch, dass die Mine – flussaufwärts wie flussabwärts - Einfluss auf ca. 60 000 Menschen in der Ok-Tedi-Region hat. Die Mine ist die Hauptquelle für Arbeitsplätze, Infrastruktur und die Gewährung von Entwicklungsfonds. Die Mehrheit der Menschen möchte, dass die Mine in Betrieb bleibt. Selbst die Yonggom, vor Gericht Hauptkläger gegen die Minenbetreiber, nehmen einen anderen Standpunkt ein als internationale Minengegner. Die Yonggom bestehen zwar darauf, dass der Ok-Tedi-Fluss, der durch Abwässer stark belastet wurde, gesäubert wird. Gleichzeitig wollen sie verhindern, dass die Mine geschlossen wird. Ihren Standpunkt kann man nur verstehen, wenn man die Perspektive des Umweltschutzes durch eine Perspektive des Lebensunterhalts ersetzt. Dann erscheint die Haltung der Yonggom auch uns plausibel.

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Vater und Sohn in traditioneller und neuer Tracht. Foto: D. Jorgensen

Für die Telefolmin, die flussaufwärts der Mine wohnen, ist die Situation eine andere: Ok Tedi beschäftigt etwa 2000 Arbeiter der Telefolmin, von denen die meisten aus der Umgebung stammen. Die Telefolmin stellen einen großen Teil der Arbeiter. Sie waren nicht von Umweltschäden betroffen. Ganz im Gegenteil: Einkommen aus den Gehältern sicherten ihnen 2 Dekaden des Wohlstandes. Dies hat bei den Telefolmin wichtige Veränderungen bewirkt: Ein Effekt ist ein enormer Anstieg des Brautpreises. Besonders weit entlegene Gemeinschaften ohne Zugang zu Geld finden nur mit Mühe Frauen für ihre jungen Männer. Für die meisten Telefolmin ist Geld insofern eher eine Notwendigkeit als ein Luxus.
Trotz der vielen negativen Folgen für die Umwelt in der Region sehen viele Menschen mit großer Sorge, dass die Regierung plant, die Mine 2010 oder sogar früher stillzulegen.

Frage: Wie wirken sich die wirtschaftlichen Veränderungen auf die sozialen Beziehungen der Menschen aus, z. B. auf die Geschlechterbeziehungen, Erziehung, Glaubensvorstellungen und Kosmologie?

D. J.: Ich habe schon die in die Höhe schießenden Brautpreiserwartungen genannt, aber dies ist nur eine von einer Reihe von Veränderungen im Dorfleben. Eine einheimische evangelische Bewegung, bekannt als „Rebaibal“, überrollte das Gebiet in den späten 1970er-Jahren und wurde von Frauen, die als Geistmedium dienten, angeführt. Dies führte zu einer plötzlichen Aufgabe des traditionellen Männerkults und dessen Initiationsrituale. Ihre Loyalität brachten die Männer fortan ihren Frauen und Kindern statt anderen Verwandten oder Initiationsgenossen entgegen. Indem viele Männer die Dörfer verließen, um in der Mine zu arbeiten, entstanden neue Probleme: Wer bearbeitete die Gärten und wer züchtete die Schweine in ihrer Abwesenheit? Die Frauen schulterten einen großen Anteil dieser Arbeit und genossen sogar die neue Stellung in der Dorfgemeinschaft.
Andere Veränderungen betreffen jährliche Feste, die sich nun danach richten, wann die Arbeiter nach Hause kommen, so z. B. das Weihnachtsfest, an dem von den Männern hohe Geldgeschenke erwartetet werden (im Austausch mit Schweinen, die man in ihrem Namen schlachten lässt).
Auch die traditionelle Kosmologie hat sich geändert. Der Buschgeist, der früher nur ab und zu in Erscheinung trat, ist viel aktiver und sehr stark mit der Mine und den Minenarbeitern assoziiert. Die traditionelle Mythologie wurde so modifiziert, dass die Ahnen die Landschaft mit Mineralien versehen haben. Daraus beziehen die Telefolmin den Anspruch auf das Land, die Bodenschätze und ihre Nutzung.

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Ein junger Zimmermann bei der Ok-Tedi-Mine, mit seiner Familie neben neumodischen Häusern, die er gebaut hat. Foto: D. Jorgensen

Frage: Sehen Sie nach dem Schließen der Minen in Papua-Neuguinea Raum für die Entwicklung hin wieder zu mehr Subsistenz oder eigenständigen Wirtschaftsformen, oder was bleibt zurück nach einem solchen Eingriff?

D. J.: Dies ist eine gute Frage und vor allem eine, die die Leute vor Ort beschäftigt. Die Wopkaimin, die Eigentümer des Landes, auf dem die Mine erschlossen wurde, hatten verschiedene Arrangements vereinbart, bei denen Zahlungen in einen „Trust Fonds“ für zukünftige Generationen geleistet wurden. Für andere ist die Situation weniger aussichtsreich. Die Regierung und die Minengesellschaft entwickeln Pläne für den Übergang bis zur Stilllegung der Mine. Diese Pläne betreffen jedoch eher Gemeinschaften, die unterhalb der Mine angesiedelt sind, die auch am stärksten von der Umweltverschmutzung betroffen sind. Hier gibt es Pläne für alternative Einkommensquellen wie Kautschukanbau und „cash cropping“, was den wirtschaftlichen Schock durch die Schließung der Mine abmildern soll. Die zwei Städte, Kiunga und Tabubil, einst durch das Projekt entstanden, werden sicher schrumpfen, wenn nicht vollständig verschwinden. Im Raum steht die Frage nach der Nahrungsmittelsicherung für die Städter und die Befürchtung, dass die Menschen der Städte wieder von Subsistenzproduktion abhängig werden.
Was die Bergbevölkerung wie die Telefolmin betrifft, so sind für sie auch Nahrungsmittelprogramme geplant. Dies ist meines Erachtens jedoch ein Fehler. Denn die Menschen in dieser Region waren immer Experten in der Nahrungsproduktion und haben ihre Produktion selbst in Zeiten gesteigert, als eine große Anzahl von Männern durch die Arbeit in der Mine absorbiert war. Die Bergmenschen brauchen weder Hilfe in Fragen der Nahrungsmittelproduktion, noch ist das Land, das dafür notwendig ist, knapp.
Die Regierung Papua-Neuguineas will die Probleme, die durch die Stilllegung der Mine entstehen, durch Rückkehr zur Subsistenz und damit zur Isolation lösen. Im Gegensatz dazu hat die Regierung ursprünglich den Gedanke von Entwicklung propagiert. Die Vorstellung, dass die Menschen mit der Rückkehr zur Subsistenz glücklich sind, verkennt die Tatsache, dass Geld im täglichen Leben schon eine große Rolle spielt, sei es bei Schulgebühren, Brautpreiszahlungen oder bei der Ausführung von Ritualen. Die Förderung der Nahrungsmittelproduktion hilft da nicht weiter. Denn das Problem ist nicht die Sicherung von Nahrung, sondern die Sicherung von Einkommen. Viel wahrscheinlicher ist, dass junge Leute nach der Stilllegung der Mine in weit entfernte Städte abwandern, um Arbeit zu finden. Geht man davon aus, dass eine Bewirtschaftung mit „cash crops“ in den Bergen wegen Transportproblemen ausscheidet, erscheint als eine weit sinnvollere Investition in die Zukunft der Aufbau eines lokalen Bildungssystems.

Frage: Der Ethnologe im Spannungsfeld zwischen traditioneller Kultur, dem Staat, transnationalen Unternehmen und multilateralen Institutionen – welche Rolle sollte er Ihrer Meinung nach einnehmen: die des Analysten, des Beraters oder des Anwalts?

D. J.: Dies ist ein schwieriges Thema in einer aufgeheizten Debatte. Wir sollten die Einsicht gewinnen, dass die Menschen des „Südens“ vor Ort – zumindest in Melanesien – stark und fantasievoll genug sind, um ihre eigenen Interessen wahrzunehmen. Ethnologen und andere sollten sich nicht anmaßen, die Menschen traditioneller Kulturen vor einem drohenden Schicksal zu retten. Dies entbindet den Ethnologen jedoch nicht von seinen ethischen Verpflichtungen, aber es rückt die Verhältnisse ins rechte Licht.

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Ein bedeutender Mann aus Telefolip, sehr aktiv bei der Kirche. Foto: D. Jorgensen

Ethnologen können dokumentieren und interpretieren. Im besten Fall erleichtert diese Arbeit die Kommunikation zwischen Parteien, die sich sonst schwer verstehen würden. Die Arbeit des Ethnologen als Berater hat diesen Charakter. Jenseits von Dokumentation und Kommunikation liegt die ethnologische Analyse, die über Grenzen hinweg schaut. Erst sie macht Grundstrukturen sichtbar und trägt zum Verständnis von komplexen Problemen bei.
Ethnologen betrachten sich oft als Anwälte - aus eigenem Anspruch heraus oder aus dem Anspruch derer, mit denen sie arbeiten. Ein Ethnologe kann zumindest seine Arbeit der Öffentlichkeit präsentieren, sodass sie für alle Beteiligten zugänglich ist. Erst kürzlich gelang es Ethnologen, Allianzen zwischen einheimischer Bevölkerung und internationalen Umwelt- oder Menschenrechtsgruppen zu ermöglichen. Folgende Gefahr ist jedoch damit verbunden: Indem Ethnologen dabei als Brücke dienen, unterstützen sie möglicherweise ungünstige Machtverhältnisse. Interessen einer Partei können leicht gegenüber Interessen der anderen Partei ausgespielt werden. Ähnliche Probleme entstehen in transnationalem Umfang in weltweiten Allianzen: Beispiele von Südostasien, Afrika und Amazonien zeigen, dass die Agendas von Organisationen des „Nordens“ im Gegensatz zu lokalen Prioritäten stehen: Wenn die Menschen des „Südens“ vor Ort sich dazu entscheiden, Tropenholz zu exportieren, oder Bergbauinteressen begrüßen, beginnen die Allianzen zu zerbrechen. In anderen Fällen entwickeln Regierungen Programme, die die Staatsmacht unterstützen, und lokale Gruppen stehen manchmal in Opposition zu solchen Agendas, um ihre eigenen Interessen zu wahren.

Frage: Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus? Gibt es neue Projekte, Feldforschungen, Lehrtätigkeiten usw.?

D. J.: Ich kehre nach Nordamerika zurück, um an einem Treffen der „American Anthropological Association“ teilzunehmen, wo ich die Ergebnisse meiner laufenden Forschung präsentieren werde. Danach übernehme ich Lehrtätigkeit an der University of Western Ontario. Anschließend plane ich weitere Feldforschungen in Papua-Neuguinea über den Kulturwandel bei den Telefolmin mit dem Schwerpunkt auf christliche Missionsbewegungen. Mein langfristiges Ziel ist ein größeres Forschungsprojekt, das sich mit den Auswirkungen der Stilllegung der Mine auf die gesamte Region befasst. Angesichts des Ausmaßes des Ok-Tedi-Projekts ist ein weit größerer Forschungsrahmen über einen langen Zeitraum hinweg notwendig, bei dem sich Ethnologen, Geographen und Mediziner beteiligen. Insbesondere die Kooperation mit dem Institut für Ethnologie in Heidelberg ist eine Chance, junge Wissenschaftler bei ihrer Forschung vor Ort zu unterstützen. Das Projekt des Institutsleiters Prof. Dr. Wassmann „Person, space and memory in the contemporary Pacific: the experience of new worlds“ bietet dabei gute Anknüpfungsmöglichkeiten für eine zukünftige Zusammenarbeit.

Frage: Herr Prof. Jorgensen, Sie sind dänischer Herkunft, haben in Vancouver studiert, Feldforschungen in Papua-Neuguinea durchgeführt, lehren u. a. in Kanada, haben eine Gastprofessur in Heidelberg, welche Fähigkeiten sind erforderlich, um solche „Kultursprünge“ zu meistern?

D. J.: In Nordamerika, wo außer den Indianern jeder Immigrant ist, haben wir weniger Geschichte und mehr Geographie als in Europa: Umzuziehen und die Umgebung zu wechseln ist ziemlich normal. Dies hilft, wenn man Ethnologie betreiben will. Für einen Ethnologen ist eine gewisse Flexibilität und Neugierde in Bezug auf andere Menschen notwendig, und es hilft, wenn man gerne fremde Sprachen lernt. Außerdem sollte man sich als Ethnologe nicht scheuen, Dinge des täglichen Lebens zu ändern: Fremde Nahrungsgewohnheiten, ein Leben ohne sanitäre Anlagen und das Auskommen ohne viel Privatleben gehören zum Ethnologenalltag. Für jede vertraute Gewohnheit, die man aufgibt, gibt es Alternativen - dies zu lernen ist ein wichtiger Teil der Arbeit und kann sehr zufriedenstellend sein. Die Hauptsache für einen Ethnologen besteht darin, aufgeschlossen zu sein, ohne jedoch den eigenen Standpunkt zu verlieren.

Prof. Jorgensen, ich danke Ihnen herzlich für dieses Interview.

Fragen und Übersetzung aus dem Englischen: Anne Schmid-Stampfer, ethnOnet (Informationszentrale für Ethnologie, Institut für Ethnologie Heidelberg)


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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