STANDING ROCK

Eine Reservation auf der Suche nach dem Tourismus

Von Markus H. Lindner

Einblick in die Reservation

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Das Grave of Sitting Bull bei Mobridge (South Dakota) soll die Überreste Sitting Bulls beinhalten. Foto. Markus H. Lindner

Es sind keine Touristenmassen, die sich auf die Standing-Rock-Reservation auf der Grenze der US-Bundesstaaten North und South Dakota verirren. Und ein Blick auf die Landkarten, nach denen die meisten amerikanischen Reisenden ihre Routen planen, gibt auch keinen Anlass die Gegend zu besuchen. Einzig Sitting Bull, einem der bekanntesten Indianer des späten 19. Jahrhunderts, ist es zu verdanken, dass überhaupt Besucher kommen. Grund ist das östlich von Mobridge (South Dakota) gelegene Grave of Sitting Bull , das in den meisten Karten verzeichnet ist. So kommt es, dass immer mal wieder Reisende auf dem Weg nach Westen auf Standing Rock Halt machen, allerdings meist ohne irgend etwas anderes als das Grab zu beachten. Da Straßenkarten meistens so gefaltet sind, dass sich North Dakota jeweils auf der rückwärtigen Seite befindet, merkt auch so gut wie niemand, dass sich in der Reservationshauptstadt Fort Yates ein weiteres Grab desselben Häuptlings befindet, die Sitting Bull Burial Site . Wo sich Sitting Bulls sterbliche Überreste tatsächlich befinden, ist unklar, da die ursprüngliche Grabstätte in Fort Yates, an der nicht nur Sitting Bull beerdigt liegt, mehr als einmal geplündert wurde.

Als ich im Jahr 2002 mehrere Wochen auf Standing Rock verbrachte, um den Tourismus zu erfassen, hielt ich mich oft beim Grave auf, um Touristen zu interviewen. Das Denkmal, das etwas abseits vom Highway liegt, wurde an guten Tagen von drei Autos (bzw. den Insassen) pro Stunde besucht. Den meisten Reisenden waren die Reservation und die Indianer vollkommen egal. Sitting Bulls Grab musste man auf seinem Weg mitnehmen, aber alles andere schien keinen Aufenthalt oder Umweg wert. Höchstens noch das in der Nähe des Grave liegende Grand River Casino war einen Stopp wert. Wenn nicht zum Glücksspiel, dann wenigstens zum Essen. So ergab sich auch kein einheitliches Bild von durchschnittlichen Besuchern der Reservation: Einige waren unterwegs zum Yellowstone-Nationalpark, andere waren auf einem Kongress im etwa 200 km entfernten Bismarck, der Hauptstadt von North Dakota, und nutzen einen freien Nachmittag, schnell das Grave anzuschauen, und zurückzufahren.

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Das Grand River Casino ist das kleinere der beiden vom Stamm betriebenen Spielkasinos. Foto: Markus H. Lindner

Man kann sicherlich darüber diskutieren, inwieweit die Standing-Rock-Reservation im Jahr 2002 überhaupt attraktiv genug war, um sie zu besuchen. Ihre geographische Lage jedenfalls ist für einen kurzen touristischen Zwischenstopp äußerst ungünstig. Sie ist die nördlichste der aus der Großen Sioux-Reservation hervorgegangenen Reservationen, die 1889 geschaffen wurden. Sie ist etwa 9200 km² groß, wovon ca. ein Viertel in Stammeseigentum ist. Die Reservation wird südlich von der Cheyenne River Reservation, im Norden vom Cannonball River und im Osten vom Lake Oahe, dem aufgestauten Missouri, begrenzt.

Dem „Standing Rock Sioux Tribe“ gehören etwas über 20.000 Mitglieder an, wovon etwa 5900 auf der Reservation leben. Die meisten Stammesangehörigen sind Lakota (Hunkpapa und Blackfeet), einige Upper Yanktonai. Die sinkende Zahl der weißen Bevölkerung beträgt zur Zeit etwa 2100. Die meisten festen Arbeitsstellen auf der Reservation sind Bundesstellen. Die im Winter bei 65 % liegende Arbeitslosenquote sinkt im Sommer durch Arbeit in der Landwirtschaft auf etwa 25 %. Mit dieser Quote steht Standing Rock im Vergleich zu anderen Lakota-Reservationen eher gut da, auch wenn die sozialen Verhältnisse mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 3000 Dollar insgesamt bescheiden bleiben.

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Der "Standing Rock" seit 1886 in Ft Yates, nachdem die Reservation benannt ist, zeigt eine versteinerte Frau mit einem Baby auf dem Rücken. Foto: Markus H. Lindner

Die Geschichte der Reservation reicht zurück bis zur Schaffung der Großen Sioux-Reservation durch die Verträge von Fort Laramie in den Jahren 1851 und 1868. Bekannt wurde die damalige Standing Rock Agency in den 1880er Jahren als der berühmt-berüchtigte Sitting Bull (1831-1890) hier lebte und Widerstand gegen die neuen Verträge zur Zerschlagung der Reservation leistete. Als vermeintlicher Bezwinger von „General“ George Armstrong Custer (den viele Amerikaner schon als den zukünftigen US-Präsidenten sahen) und dessen 7. Kavallerieregiment war er schon wenige Tage nach der Schlacht am Little Bighorn im Juni 1876 der am meisten gefürchtetste Indianer in den Gazetten. Als er 1885 mit dem nicht minder bekannten William F. Cody alias Buffalo Bill und dessen „Wild West“ Show durch die großen Städte der östlichen USA und Kanadas reiste, wurde er gleichermaßen gehasst wie bejubelt. Als er am 15. Dezember 1890 als Anführer der angeblich aufständigen Geistertänzer verhaftet werden sollte, kam er bei einem Schusswechsel zwischen der Indianerpolizei und seinen Anhängern ums Leben. Vierzehn Tage später wurden die Geistertänzer durch das Massaker von Wounded Knee endgültig vernichtet.

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Sehenswürdigkeiten auf Standing Rock können nicht leicht erreicht werden. Weg zum Grand River, wo Sitting Bull bis zu seinem Tode lebte. Foto: Markus H. Lindner

In der Zwischenzeit hatte sich auf Standing Rock allerdings einiges getan. 1889 wurde gegen den Willen Sitting Bulls und anderer Anführer ein Vertrag durchgesetzt, der die Große Sioux-Reservation in sechs Teile zerschlug. Die nördlichste davon war die Standing Rock Indian Reservation . Schon zwei Jahre zuvor hatte der „General Allotment Act“ große Veränderungen mit sich gebracht. Wie andere Reservationen auch, war die Große Sioux-Reservation in Parzellen aufgeteilt worden, die als Privatbesitz an Individuen verteilt wurden. Das bei der Verteilung übriggebliebene Land wurde später zur Besiedlung durch Weiße frei gegeben. Dies führte dazu, dass der größte Teil der Lakota an den Ostrand der Reservation, den Grand River und in das Gebiet entlang des heutigen Highway 12 zurückgedrängt wurde. Die Yanktonai lebten und leben zum größten Teil in North Dakota am Cannonball River.

Die Grundstücke am Missouri waren schon ab 1948 wieder verloren, da in diesem Jahr mit dem Bau des Oahe Staudammes begonnen wurde, der das ganze Gebiet unter Wasser setzen würde. Er sollte zwar auch unkontrollierte Überschwemmungen verhindern, aber vor allem Strom erzeugen. Das Oahe Reservoir ist heute mit einer Länge von etwa 400 km der längste Stausee Nordamerikas. Als der damalige US-Präsident John F. Kennedy den Damm 1962 einweihte, hatte sich die Landschaft am Ostrand der Reservation erheblich verändert. Nicht nur die typische Flusslandschaft des Missouri war untergegangen, sondern auch der Ort Kenel, der eine gute Infrastruktur mit Geschäften, Internat und Stadtgarten gehabt hatte. Als Ersatz wurde der Ort auf einer südlich gelegenen Anhöhe neu errichtet, aber ohne die genannte Infrastruktur. Im Jahr 2002 gab es außer der - in Selbsthilfe errichteten - katholischen Kirche nur einen kleinen, schlecht ausgestatteten Laden.

Tourismus heute

Doch ausgerechnet Kenel ist heute der Bezirk auf Standing Rock, der am aktivsten für den Tourismus kämpft. Dabei hat man Besucher bisher wahrlich nicht vermisst, aber man hat das Geschäft inzwischen als wichtigen wirtschaftlicher Faktor erkannt, der dem Ort wieder seine alte Stärke zurück geben soll. Um dies zu erreichen, wurde seit 2002 Fort Manuel Lisa rekonstruiert, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beim alten Kenel am Missouri gestanden hatte, und heute direkt neben dem Ort auf einem Hügel aufgebaut wird. Die Bedeutung des Forts ist an sich nicht besonders groß, allerdings gilt es als der Todesort von Sakakawea (Sacagawea), einer Shoshone, die Lewis & Clark bei deren Expedition zum Pazifik (1803-1805) geführt hat.

Überhaupt basiert die gesamte Idee, den Tourismus nach Standing Rock zu holen, darauf, dass sich 2004 das Erscheinen des „Corps of Discovery“ (Lewis & Cark Expedition) in der Gegend des heutigen South und North Dakota zum zweihundertsten Mal jährt. Dieses bicentennial ist insgesamt auf drei Jahre angelegt und betrifft die gesamte Route der Expedition. Die Bewohner der Reservation stehen dem Jubiläum gespalten gegenüber. Einerseits ist da der wirtschaftliche Aspekt, andererseits würde man sich wünschen, dass die Expedition, und damit die spätere Eroberung des Gebietes durch die Euro-Amerikaner, nie stattgefunden hätte. Im Scherz wird gerne darüber philosophiert, dass ihre damals weiter südlich lebenden Vorfahren Lewis und Clark besser getötet hätten, statt dem „Corps of Discovery“ nur die Durchquerung ihres Gebietes zu erschweren, was sie in den Expeditionstagebüchern sehr negativ erscheinen lässt.

Doch genau dieses negative Bild, dass Lewis und Clark von den Lakota gezeichnet haben, bringt mit sich, dass man auf Standing Rock die erwartete Reisewelle auch nutzen will, um die Stereotype und Vorurteile der Weißen abzubauen. Die Präsentation der eigenen Kultur spielt eine große Rolle und soll gleichzeitig auch auf die eigene Bevölkerung Einfluss nehmen, die sich auch mehr und mehr von der „traditionellen“ Kultur und ihrer Geschichte entfernt. Die Beschäftigung mit Tourismus hat also einen Aspekt, der weit über das eigentliche Geschäft mit den Reisenden hinausgeht. In Interviews wurde wiederholt deutlich, dass man erwartet, dass einige Jahre nach „Lewis & Clark“ das Interesse an der Region wieder nachlassen wird. Trotzdem blieben die touristischen Einrichtungen ja erhalten, und die könnten dann den Lakota selbst für Bildungszwecke dienen.

Das Tourismusprojekt auf Standing Rock steht allerdings nicht allein. Es ist eingebettet einerseits in die Aktivitäten der Bundesstaaten North und South Dakota, aber auch in die „Tribal Tourism Partnership Initiative“ des „United Tribes Technical College“ in Bismarck. Dort wird in Zusammenarbeit mit Stammescolleges und Kulturzentren in North Dakota Tourismusmanagement gelehrt. Die Studenten sollen verstehen, dass sie gegenüber den Reisenden als Botschafter ihrer Kultur auftreten. Ziel ist es, zwar komfortablen, aber vor allem auch kontrollierten Tourismus zu etablieren. Dabei liegt der Vermittlungsbrennpunkt nach Aussage der Programmleiterin Karen M. Paetz auf folgenden Punkten:
1. „Lasst euer eigenes Volk eure Geschichte erzählen.“
2. „Korrigiert Stereotype und falsche Vorstellungen.“
3. „Wir beleben unsere Kultur nicht wieder – sie lebt!“
4. „Wir verschwinden nicht, wir sind immer noch da!“
Insgesamt wird der Tourismus von der „Tribal Tourism Partnership Initiative“ aber auch als bedrohlich angesehen. Deshalb soll der Strom der Reisenden auf den Reservationen gelenkt werden. Touristen sollen nichts sehen, was ihnen ein falsches Bild vermitteln würde.

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Powwows, wie hier in Bullhead (South Dakota), gehören auch in Standing Rock zum sommerlichen Leben, werden von Touristen aber selten besucht. Foto: Markus H. Lindner

Diesem Prinzip folgt man auch auf Standing Rock. Der ideale Tourist folgt dort dem Scenic Byway von Süden nach Norden – oder umgekehrt –, schaut sich die Sitting-Bull-Gedenkstätten und Fort Manual an und verbringt eventuell noch Zeit in den Spielkasinos oder in einer der Ortschaften. Bestenfalls kann er noch an Reitausflügen und ähnlichem teilnehmen. Keineswegs aber soll er selbstständig und ohne Kontrolle durch die Reservation fahren. Viele Gründe dafür sind objektiver Natur, wie die Gefahr unbeabsichtigt heilige Stätten zu stören. Andere dagegen gründen sich auf Vorurteile, die einige Reservationsbewohner gegenüber Touristen haben. Demnach sollen Touristen Gräber ausrauben; eine Straftat, die tatsächlich häufig vorkommt, aber nichts mit Touristen zu tun hat, wie der Stammesarchäologe Byron Olson feststellt.

Ausblick

Die Förderung des sanften Tourismus beinhaltet auf Standing Rock also mehrere Aspekte. Im Vordergrund steht der wirtschaftliche Profit, der durch Angebote für Reisende erzielt werden soll. Dazu kommt aber auch, die stereotypischen und mit Vorurteilen beladenen Bilder von Indianern im Allgemeinen und Lakota im Speziellen im Sinne der eigenen, indigenen Vorstellung zu korrigieren. Im Gegenzug können auch Vorurteile gegenüber den Reisenden abgebaut werden. Ob dies geschieht, wird sich zeigen – sicher ist es nicht. Denn statt ein Vorurteil zu korrigieren, kann auch einfach der Status einer Person geändert werden. So konnte ich beobachten, wie Touristen ihren Touristenstatus verloren, indem sie zu interessierten Besuchern wurden, sich am Bild des „Touristen“ aber nichts änderte. Der letzte wichtige Aspekt scheint mir, die Erhaltung oder Erneuerung der eigenen Identität zu sein. Sie wird dadurch gefördert, dass Informationseinrichtungen nicht nur den Besuchern, sondern auch der eigenen indigenen Bevölkerung helfen sollen, die Lakota-Kultur und -Geschichte kennen zu lernen – in klarer Abgrenzung zur US-amerikanischen Sicht.

Weiterführende Literatur:

Fenelon, James V. (1997), From Peripheral Domination to Internal Colonialism : Socio-Political Change of the Lakota on Standing Rock, Journal of World-Systems Research 3: 259-320.
Links: www.standingrock.org (Standing Rock Sioux Tribe)
www.sittingbull.edu (Sitting Bull College)

Zum Autor:

Markus H. Lindner M.A., Pfungstadt, mali74@web.de, Feldforschung auf der Standing Rock Indian Reservation im Jahr 2002, gefördert vom DAAD.


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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