QUÉ BUSCA?-

Textilien und Touristen: Ein Maya-Indianerdorf in Chiapas, Mexiko

Von Birgitta Huse

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Mädchen mit "mochebal" an einem Festtag. Foto: B. Huse

„Was suchen Sie?“, fragen Maya-Indianerinnen Touristen, die den Markt von San Juan Chamula im Hochland von Chiapas besuchen und angesichts des großen Angebotes etwas unentschieden dreinschauen. Gerne lassen sich die touristischen Besucher von einer „echten Indianerin“ bei der Souvenirauswahl beraten.

Das Indianerdorf Chamula ist zwölf Kilometer von der Stadt San Cristóbal de Las Casas im Bundesstaat Chiapas in Südmexiko entfernt und wird von den meisten Touristen besucht: Attraktiv ist das Erleben heutiger Maya-Indianer in ihren Trachten. Während des kurzen Besuches werden die Kirche, der Wochenmarkt und der Kunsthandwerk/ Artesanía -Markt aufgesucht. Vor allem das sonntägliche Markttreiben vor der Dorfkirche zieht die Touristen an: Auf dem Boden ausgebreitet finden sich Orangen, Mangos, Papayas, Hühner, Tomaten und anderes, Blusen, Schafwolle, Webgeräte, Gürtel sowie indianische Kleidungsstücke. Für Frauen und Männer gibt es dabei jeweils bestimmte Kleidungsstücke wie zum Beispiel mochebal und herkail .

Nur wenige Touristen können mit den indianischen Kleidungsstücken etwas anfangen: Die Umhänge und Überwürfe aus schwarzer oder weißer Schafwolle, die von den Indianerinnen um die Schulter gelegt oder von den Männern mit einem Gürtel um die Hüfte befestigt werden, sind zu teuer und zu schwer, um sie als exotisches Souvenir mit nach Hause zu nehmen.

Umso beliebter sind die Produkte des Kunsthandwerksmarktes, die von Indianerinnen täglich zwischen etwa 10 und 17 Uhr angeboten werden: Taschen, Gürtel, Hüte, Armbänder, Blusen, Kleider, Schals, Körbe, Stofftiere, Tontiere, Westen, Holzspielzeug … Diese Produkte sind kostengünstiger und leichter als die indianische Kleidung auf dem Sonntagsmarkt und entsprechen eher dem Touristengeschmack. Während bei der indianischen Kleidung in Chamula die Farben Schwarz, Creme und Blau überwiegen, sind die Souvenirprodukte vielfarbig. Besonders beliebt sind auffällige Farbkombinationen, die für Maya-Indianer als typisch gelten: hellgrün, kombiniert mit verschiedenen Rosa-, Rot- und Lilatönen direkt nebeneinander, dazu ein leuchtendes Gelb und Orange. Die angebotenen Blusen und Westen sind zwar in der Grundfarbe eher dezent, haben aber eine farbenfrohe Stickerei. Das Ergebnis dieses Maßangebotes für Touristen: Fast alle Touristen erwerben gleich mehrere Souvenirs. Sie sind vom Marktgeschehen fasziniert, freuen sich über die niedrigen Preise handwerklicher Produkte und sind oft glücklich, dass sie je nach ihren sprachlichen Möglichkeiten sogar ein Gespräch in spanischer Sprache mit einer Maya-Indianerin führen konnten.

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Kunsthandwerksmarkt für Touristen in San Juan Chamula. Foto: B. Huse

„Qué busca?“ ist nicht nur für die Touristen auf dem Markt eine wichtige Frage, sondern auch für die Indianerinnen. Schließlich können sie nur erfolgreich an Touristen verkaufen, wenn sie den Geschmack der potenziellen Käufer treffen. Wie gut kennen die Indianerinnen diesen Geschmack? Wie entwickelte sich das Geschäft mit den Touristen in den letzten 20 Jahren?

Besonders seit Ende der 1970er-Jahre boomt der Tourismus in der Region. Chamula ist dabei das von den meisten Touristen besuchte Dorf, obwohl auch das Dorf San Lorenzo Zinacantán gut zu erreichen ist. Beide Dörfer sind in jedem Reiseführer aufgeführt. Zunächst verkauften einige Chamula-Frauen und -Mädchen gelegentlich kleinere Textilien wie Taschen und Gürtel vor der Dorfkirche an Touristen. Hergestellt hatten sie diese auf dem Rückengurtwebgerät, das nicht nur bei den Maya-Indianern üblich ist. Mit zunehmender Nachfrage durch Reisegruppen entwickelte sich der Verkauf von Textilprodukten an Touristen zu einer bedeutenden Einnahmequelle für einen Teil der Frauen in Chamula. Ein Markt entstand im Dorfzentrum, auf dem täglich an festen Verkaufsplätzen Textilien angeboten wurden. Erfolgreich setzten die verkaufenden Frauen den Bau eines Ladengebäudes durch, das den Verkauf auch während der nachmittäglichen Regenfälle in der Regenzeit (Mai bis Oktober) ermöglichte. Auch konnte man die Ware so über Nacht in den Läden lagern, anstatt sie täglich nach Hause zu tragen. Das Angebot im Hinblick auf die Produktmenge konnte erweitert werden. Ende der 1980er-Jahre wurden nicht mehr nur kleinere Produkte angeboten, sondern vor allem Westen aus Schafwolle, Umhänge und bestickte Blusen aus Baumwolle.

Die Wollprodukte (Westen, Umhänge) produzierten zu diesem Zeitpunkt die weiblichen Familienangehörigen der auf dem Markt verkaufenden Frauen oder sie selbst an Tagen, an denen sie nicht am Verkaufsplatz arbeiteten. Mit zunehmender Verkaufstätigkeit (täglich mindestens sieben Stunden) war es den Marktfrauen schon bald kaum noch möglich, die Produkte selbst herzustellen. Auf dem Marktplatz ist nicht genügend Platz zum Aufspannen des Rückengurtwebgerätes, und das Weben müsste zum Verkauf immer wieder unterbrochen werden. Nach der Verkaufstätigkeit am Abend zu weben, ist keine Alternative: Gegen 19 Uhr ist es dunkel, und in den Häusern ist zum Weben kein Platz.

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Junge im "herkail" an einem Festtag. Foto: B. Huse

In wenigen Jahren kam es so zu einer beruflichen Spezialisierung und räumlichen Arbeitsteilung in Chamula. Die im Hauptdorf ( cabecera ) lebenden Marktfrauen wurden zu Händlerinnen, während die in abgelegenen Weilern lebenden Indianerinnen die Herstellung der Textilien für Touristen übernahmen. Die Produzentinnen arbeiten nach Anweisung der Händlerinnen: Schließlich sind es Letztere, die allein den direkten Kontakt zu den Kunden haben und deren Kaufwünsche kennen. Kein Tourist besucht einen der Weiler der Gemeinde Chamula.

Die Händlerinnen haben inzwischen langjährige Erfahrungen mit Touristen: Sie kennen neben den besonderen Wünschen auch bestimmte Verhaltensweisen verschiedener Nationalitäten. So sind sich die Indianerinnen darin einig, dass Italiener zum Beispiel gerne Lederwaren erwerben und dabei unglaublich schwierige Preisverhandlungen führen, während Deutsche sich für verschiedene Textilprodukte interessieren und den von der Händlerin geforderten Preis meist ohne größere Verhandlungen akzeptieren. Auch fallen die deutschen Touristen durch ihre Spanischkenntnisse und Fragen zur Person der indianischen Verkäuferin auf.

Die Händlerinnen zeichnen sich durch Verhandlungsgeschick aus und sind führend, was die Entwicklung neuer Designs und/oder Produkte angeht. Um die Produktherstellung möglichst kostengünstig und effektiv im Sinne einer kurzen Herstellungszeit zu gestalten, ließen sie von den Weberinnen zu Beginn der 1990er-Jahre zunächst große, relativ locker gewebte Schals herstellen. Diese Schals wurden dann von den Händlerinnen mit einigen Handgriffen zu Westen umgearbeitet. Anschließend erfolgte die Verzierung mit großen Stickstichen. Eine weitere Neuerung war die Folge des wachsenden Mangels an Schafwolle in der Region, verursacht durch den übermäßigen Verkauf von Wollprodukten an Touristen: Die Händlerinnen kauften gebrauchte Kleidungsstücke der Chamula, um auch sie zu Westen umzuarbeiten. Die anfallenden Reststücke fanden Verwendung bei der Herstellung von Stofftieren, wie zum Beispiel Kröten und Leguanen, sowie von Stoffpuppen. Diese Puppen entsprechen in Kleidung und Aussehen den Chamula-Frauen: Sie sind mit einem schwarzen Wollrock, einer weißen oder blauen Bluse sowie einem Wollumhang bekleidet, haben zwei geflochtene Zöpfe und oft ein Tragetuch mit Kind auf dem Rücken. Neu waren 1994 die Marcos- und Ramona-Puppen, die den Führer der aufständischen indianischen Kleinbauern (EZLN, so genannte Zapatisten), Marcos, und die indianische Anführerin Ramona darstellen.

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Marcos- und Ramona-Puppen. Foto: B. Huse

Auslöser für diese politischen Unruhen war das Inkrafttreten der NAFTA, der Freihandelszone mit Kanada, den USA und Mexiko. Indianische Kleinbauern machten unter anderem mit der Besetzung von Rathäusern in Chiapas auf ihre schwierige Situation aufmerksam und forderten Land, verbesserte Lebensbedingungen sowie die Akzeptanz der indianischen Kultur. Längere Zeit wurde Touristen von einer Reise nach Chiapas abgeraten, die Chamula-Frauen blieben plötzlich ohne Kundschaft, anwesende Journalisten ausgenommen. Nachdem sich die Situation wieder stabilisiert hatte, kamen jedoch mehr Touristen als in den Jahren zuvor. Chiapas und die dort lebenden Maya-Indianer waren weltweit bekannt geworden. Auch viele Mexikaner interessieren sich seitdem verstärkt für diese Region ihres Landes, der sie zuvor wenig Beachtung geschenkt hatten. Die Chamula-Frauen haben sich auch auf diese Kundschaft eingestellt: Es gibt verschiedenste T-Shirts mit aufgedruckten Sprüchen und Motiven zu kaufen; Tischsets, die im Nachbardorf Zinacantán gewebt werden, erfreuen sich bei der mexikanischen Kundschaft großer Beliebtheit; junge Mädchen interessieren sich für die engen, bestickten Baumwollblusen und –hosen. Immer wieder lassen sich die Indianerinnen neue Designs einfallen, wobei sie sich auch an allgemeinen Modetrends orientieren.

Seit etwa zehn Jahren kommt es zur Migration von Chamula-Frauen und -Familien in andere mexikanische Regionen. Ziele für abwandernde Frauen, die bereits im Hochland im Tourismusgeschäft tätig waren, sind weniger große Städte als vielmehr Regionen wie zum Beispiel die Halbinsel Yucatán, die vielen Touristen die Kombination von Kultur- und Badeurlaub ermöglicht. Auch dort gehen die Chamula-Frauen dem Verkauf von Textilprodukten an Touristen nach.

Insgesamt gibt es seit 1989 immer mehr indianische Chamula-Familien, die auf die Einkünfte einer Arbeit im Tourismus angewiesen sind. Der jeweilige Erfolg ist unterschiedlich: Einige Händlerinnen sind ausgesprochen erfolgreich tätig, konnten ihr Geschäft erheblich ausdehnen und ihre wirtschaftliche Situation deutlich verbessern, während eine unüberschaubare Zahl von Indianerinnen mit ihrer Arbeit nur unregelmäßig kleinste Einkünfte erzielen. Das Überangebot an kunsthandwerklichen (Textil-)Produkten im Hochland von Chiapas führt zum Teil zur Migration von Produzentinnen und Händlerinnen in andere Regionen Mexikos. Dort müssen sich die Chamula mit ihrem Souvenirhandwerk positionieren. Wie sich die Situation nach erfolgter Migration in den nächsten Jahren weiter entwickelt, wird Gegenstand weiterer geplanter Forschungsaufenthalte sein.

Weiterführende Literatur

Huse, Birgitta: Der Einfluß des Tourismus auf das Textilhandwerk der Chamula in Mexiko. Bonn 1994
Huse, Birgitta: Kleidertausch in Mexiko: Neue Kleidung für Indianer – Secondhand-Kleidung für Touristen. In: Birgitta Huse (Hg.): Von Kopf bis Fuß – Ein Handbuch rund um Körper, Kleidung und Schmuck für die interkulturelle Unterrichtspraxis. Münster u. a. 2004

Zur Autorin

Dr. Birgitta Huse ist ständige Lehrbeauftragte an der Universität Dortmund, Institut für Textilgestaltung und ihre Didaktik/ Kulturgeschichte der Textilien, seit 1997; internationale Forschungskooperation seit 2001 mit der südmexikanischen Universität ECOSUR in San Cristóbal de Las Casas, Chiapas, zu Tourismus, Migration und Textilhandwerk in Südmexiko; weiterer Arbeitsschwerpunkt: interkulturelles Lernen; Referentin in Jugend- und Erwachsenenbildung. Zurzeit Projektleitung „Handbuch für die interkulturelle Unterrichtspraxis“ (Buchpublikation und Evaluation) bei Ethnologie in Schule und Erwachsenenbildung (ESE) e. V., Münster.
E-Mail: birgitta.huse@uni-dortmund.de


Herausgeber © Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M. 2008

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